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Aus: Ausgabe vom 22.04.2021, Seite 8 / Ansichten

Monument des Tages: Helmut Kohl

Von Sebastian Carlens
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Schreckt Tauben und Kinder ab: Kohl-Kopf vor dem Axel-Springer-Verlag in der Axel-Springer-Straße in Berlin

Die Fraktionen von CDU/CSU und SPD haben am 20. April einen Gesetzentwurf eingereicht, der an diesem Donnerstag im Bundestag beschlossen werden soll: »Errichtung einer ›Bundeskanzler-Helmut-Kohl-Stiftung‹ als rechtsfähige Stiftung, die an Leben und Wirken von Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl erinnern soll«, lautet die Problemstellung. Die »Lösung«: »Erlass eines Gesetzes als Voraussetzung für die Errichtung einer rechtsfähigen Stiftung«. Alternativen: »Keine«. Damit ist es ausgemachte Sache: Der Langzeitkanzler bekommt sein Pantheon; drei Millionen Euro sind im Bundeshaushalt dafür veranschlagt.

Springers Bild geht das nicht schnell genug: »Warum dauerte es so lange?« – Kohl ist immerhin schon vier Jahre tot. Dessen letzte Gattin erhob wohl gewisse Ansprüche, nach »Angaben aus Koalitionskreisen« empfand man die Zusammenarbeit mit der eigenwilligen Frau jedoch als »schwierig«. Maike Kohl-Richter soll nun weder Sitz noch Vetorecht erhalten.

Es hätte all der Mühe nicht gebraucht. Kohl ist schon längst ein privates Museum geweiht, das berühmt-berüchtigte »Haus der Geschichte« in Bonn – dort wird die Nationalhistorie auf des Altkanzlers eng umgrenzten Erkenntnishorizont eingedampft. Die »geistig-moralische Wende«, mit der der Politiker programmatisch antrat, wird zudem jeden Tag aufs neue zelebriert: im Privatfernsehen der BRD. Dessen Etablierung lag ihm am Herzen, und zwischen »Bauer sucht Frau«, »Der Bachelor« und »Hartz und herzlich« lebt sein Geist jetzt und immerdar.

Eine echte Alternative – und zudem billiger – wäre dies: Einrichtung einer Mahn- und Gedenkstätte »Treuhand«, um an all die Opfer der Annexion der DDR, an die zerstörten Lebenswege und ruinierten Biographien zu erinnern. Oder aber: Einfach mal eine hübsche Blumenwiese pflanzen. Irgendwo müssen sie ja sein, die »blühenden Landschaften«.

Wer hat Angst vor wem?

Diejenigen, die sich nicht scheuen, gegen Faschismus, Rassismus, Krieg und Ausbeutung einzutreten? Die dafür mit Verfolgung und Repression rechnen müssen? Oder diejenigen, die Verfassung und die herrschenden Verhältnisse »schützen«?

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Christian Bernhard, Lübeck: Sprache nicht klassenneutral Es ist schlimm genug, dass die Giftküche Konrad-Adenauer-Stiftung und andere die Begriffe »Arbeitgeber« und »Arbeitnehmer« entgegen der ökonomischen Realität ideologisch gekapert haben, indem sie dies...
  • Heinrich Hopfmüller: Ergänzung Ein Kohl-Zitat fehlt: »Die Forderung nach der 35-Stunden-Woche ist absurd und dumm. Es ist töricht, zu glauben, wir könnten besser leben, wenn wir weniger arbeiten und leisten.« (gutezitate.com/zitat/...

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