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Aus: Ausgabe vom 21.04.2021, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Klassismus

Von Daniel Bratanovic
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Täglich reproduziertes Elend und Klassenspaltung im Kapitalismus (Siedlung in Brandenburg an der Havel)

Ein Bremer Wirtschaftssenator gießt gelegentlich eines Weinfestes einem obdachlosen Mann mit den Worten »Hier hast du auch etwas zu trinken!« Sekt aus einer Magnumflasche über den Kopf, der Nietzsche- und Heidegger-Adept Peter Sloterdijk fabuliert schon mal von einer »Ausbeutungsumkehrung«, wonach im deutschen Sozialstaat, anders als im klassischen Altertum, die »Unproduktiven mittelbar auf Kosten der Produktiven leben«, und sowieso und immer wieder kommt Bild mit Schlagzeilen daher wie: »Faulster Arbeitsloser jubelt: ›Jetzt gibt’s Hartz IV auf dem Silbertablett!‹«

Beispiele der Verachtung und des Hasses der sogenannten Leistungsträger, vor allem gegenüber jenen, die für ein kümmerliches Almosen permanente staatliche Gängelung gewärtigen, sind Legion. Für das hier Bezeichnete gibt es einen Begriff, der zwar nicht ganz neu ist, aber hierzulande erst seit einigen Jahren Karriere macht. Dieser Klassismus also, definiert die Onlineenzyklopädie, bezeichnet allgemein »Vorurteile oder Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft oder der sozialen Position und richtet sich überwiegend gegen Angehörige einer ›niedrigeren‹ sozialen Klasse«.

Damit könnte die Sache ihr Bewenden haben. Doch so einfach ist es nicht. Der Begriff und seine verbreitete Anwendung, so sehr mit ihm die Rückkehr der Klassenfrage angezeigt scheint, hat nämlich das Zeug, mit ihm zwar irgendwie von Klasse zu sprechen, um gleichzeitig von Produktionsverhältnissen und Ausbeutung, also der spezifischen gesellschaftlichen Form des produzierten Reichtums, die Klassen und Klassenverhältnisse sowie eine diesen Zuständen gemäße Ideologie gleichsam gesetzmäßig reproduziert, nicht mehr reden zu müssen.

Schon die Begriffsbestimmung bleibt unklar. Neben der erwähnten aktiven Diskriminierung ist da die passive Erfahrung genannt, ein »verinnerlichter Klassismus« als Selbststigmatisierung der Betroffenen; ferner der gesellschaftsanalytische Anspruch, Herrschafts- und Machtverhältnisse auf klassistisch motivierte Diskriminierung zurückzuführen bzw. Klassismus als Legitimationskategorie zu entlarven; zuletzt Klassismuskritik als emanzipatorisches Projekt.

Die Konzentration auf individuelle Erniedrigungserfahrungen und Scham blockiert eine soziologische Analyse der gegenwärtigen Zusammensetzung der Klasse der lohnabhängig Beschäftigten. Das kommt nicht von ungefähr. Klasse wird von den Verfechtern des Klassismusbegriffs – da ganz auf der Fährte des »Linguistic Turn« – vor allem als eine sprachliche Konstruktion verhandelt. Wo aber der Glaube herrscht, soziale Wirklichkeit sei nur ein Sprachprodukt, wird folgerichtig angenommen, bestehende Unbilden ließen sich durch veränderte Sprache beheben. Doch die Meidung des diskriminierenden Begriffs »Unterschicht« schafft das Problem noch nicht aus der Welt. Gemäß der Logik der Kapitalakkumulation liegt der Wohlstand der einen in der Ausbeutung der anderen begründet – und nicht im abwertenden Sprechakt der Bessergestellten gegenüber den Marginalisierten.

Als sich die akademische Linke irgendwann im vergangenen Jahrhundert von Klassenkampf und überhaupt Ökonomie verabschiedet hatte, geriet das Anerkennungsparadigma ins Zentrum linker Theoriearbeit. Der Begriff des Klassismus knüpft daran an. Das Problem der ökonomischen Ungleichheit schrumpft zum symbolischen Kampf um Anerkennung – und könnte damit bald offiziell Erfolg haben. Welche fortschrittliche bürgerliche Nation mag sich schon vorhalten lassen, sie dulde Ressentiments und Diskriminierung? Olaf Scholz (SPD) jedenfalls ist schon dabei und prangert Klassismus an: Mehr Respekt für die arbeitenden Menschen. Das ist billig zu haben. An den Strukturen, die das Elend tagtäglich reproduzieren, muss sich derweil nichts ändern.

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