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Aus: Ausgabe vom 21.04.2021, Seite 10 / Feuilleton
Rock

Sechsunddreißig Mägde und Knechte

The Flaming Sideburns retten immer noch den Rock ’n’ Roll
Von Frank Schäfer
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»Sie kümmerten sich einfach nicht darum, dass im Laden Totensonntag war, und gaben alles«

Keine Ahnung, was damals schiefgelaufen ist bei ihrer Clubtour Mitte der nuller Jahre. Ob die Plakatkleber fünf Richtige im Lotto hatten und deshalb lieber ein paar Drinks anrührten als ihren Kleister, wie gesagt, ich kann mich hier nur auf Vermutungen stützen. The Flaming Sideburns gehörten damals zu den glanzvollsten und wirklich originären Vertretern des skandinavischen Garage-Rock-Revivals. Während Turbonegro eine Liaison mit dem Glam eingingen, Gluecifer stärker dem Punk und Hellacopters dem Siebziger-Stadionrock frönten, schielten sie mit einem Auge auf die schwarze Tradition, Soul, Blues und Latin. Leadsänger Jorge Eduardo »Speedo« Martinez, der gebürtige Argentinier unter den Finnen, brachte so etwas wie Seele in die Band, seine Stimme besaß Leidenschaft, Feuer, aber eben auch eine Grundtraurigkeit, die selbst den forcierten Radaunummern melancholische Tiefenschärfe verlieh. Ihre beiden besten Alben »Halleluja Rock ’n’ Rollah« und »Sky Pilots« machten ein ganz eigenes Fass auf und waren trotzdem so süffig, dass sich eine ziemlich große Hörerschaft auf sie einigen konnte.

Insofern war ich einigermaßen konsterniert, als wir an diesem Donnerstag, dem Wochenende des kleinen Mannes, im späten Mai 2004 am Musikzentrum Hannover anlandeten, sofort einen Parkplatz bekamen und jeder Gast gewissermaßen mit Handschlag begrüßt wurde. Die Metropole an der Leine hatte offenbar Besseres vor, es kamen circa 36 Mägde und Knechte aus den Bauernhöfen des umliegenden Plattlands.

»Mann, das sind nicht Fury in the Slaughterhouse oder so ein Rotz, das sind die Flaming Sideburns«, knurrte Helge stocksauer und drohte dieser Stadt der Ignoranz mit wild erhobener Faust. Er hatte vorgeglüht, weil er nicht fahren musste. Jo hatte uns hergebracht, zum Dank war er mein »plus eins«. Ich hatte mich nämlich als Rolling-Stone-Schreiber auf die Gästeliste geschlichen und dafür argwöhnische Blicke geerntet, aber sie ließen uns rein. Es war ohnehin ein finanzielles Fiasko, da kam es auf die paar Schnorrer auch nicht mehr an. Dafür floss das Bier, kein Wunder, man musste nicht anstehen an den langen Theken, und als die Sewergrooves fertig waren, konnte uns die leere Halle schon nichts mehr anhaben.

Schließlich kam noch einer von den Veranstaltern zu uns herüber. »Wer von euch ist noch mal vom Rolling ­Stone?« Als alle auf mich zeigten, glaubte er es doch noch. Und etwas später trat endlich Speedo Martinez mit seiner Truppe an die Rampe und verwandelte die drei Dutzend verirrter Seelen in einen strenggläubigen Sektiererhaufen, gründete zumindest für die Dauer dieser 100-Minuten-Messe eine eigene Religion.

Sie kümmerten sich einfach nicht darum, dass im Laden Totensonntag war, sie gaben alles, und wir Gläubigen auch, wir wuchsen über uns hinaus, grölten diesen Saal zusammen, als wären wir zehnmal so viele, am Ende hielt es Martinez nicht mehr auf der Bühne, er sprang zu uns herunter und wir trugen ihn auf Händen, und das bitte ich jetzt wirklich mal wörtlich zu verstehen. Ein paar übereifrige Frömmler schlichen sich dann auch noch backstage und tranken ihnen die Schnapsvorräte weg, aber wir nicht, wir standen nur dumm herum, vor Glück und auch sonst besoffen, bis Jo dem Abend eine nachträgliche Überschrift gab. »Ich habe gerade die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft des Rock ’n’ Roll gesehen!« Wir waren zwar Glaubensbrüder, aber jetzt mussten wir doch lachen.

Kurze Zeit später stieß ich auf ein älteres Interview. Der Journalist fragte Martinez, ob er eigentlich manchmal sauer sei, dass er nach all den Jahren immer noch gelegentlich den Opener machen müsse, aber er winkte nur gelassen ab. »Wir haben kein Problem damit, als erste zu spielen, die nach uns dran sind, die haben ein Problem.« Das hatte schon Alice Cooper über die Stooges gesagt. »Ich spielte nicht gern nach Iggy, er erschöpfte die Leute.« Ich glaube allen beiden.

Was danach aus dem Ruder lief, weiß keiner. Nach »Keys to the Highway« von 2007, auch schon nicht mehr die wahre Lehre, kam nur noch eine Kompilation und EP-Kleinkram, schließlich schenkten sie sich auch die Konzerte.

Jetzt aber erneuern sie mit »Silver Flames« ihr Heilsversprechen – und es braucht nur einen Durchgang, und wir glauben wieder fest daran. Jukka Suksi aka Ski Williamson und Arimatti »Jeffrey Lee Burns« Jutila – der zweite Gründungsgitarrist steht auch wieder auf der Kanzel – klingen noch kratziger als sonst. Ihr Riffgitarrensound schafft eine schön rüde Grundlage für Martinez’ melancholischen, rauhreifen Passionsgesang, der sich in den wirklich traurigen Momenten, etwa ihrem musikalischen Nachruf auf den Hellacopters-Gitarristen Robert Dahlqvist, »A Song for Robert«, noch einmal richtig reinhängt. Man hört ihm die hängenden Schultern an, die dieses Jammertal hienieden ihm abfordert.

»Los Sideburnos save Rock ’n’ Roll«, versprach Kaplan Martinez damals auf der Inner-Sleeve-Karikatur von »Sky Pilots«. Es hat früher gestimmt, es stimmt jetzt, und es wird auch morgen noch stimmen.

The Flaming Sideburns: »Silver Flames« (Svart)

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