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Aus: Ausgabe vom 23.04.2021, Seite 10 / Feuilleton
Geschichtswissenschaft

Stand der Aufarbeitung: Verstörend

»Über den Faschismus hinaus …« Ein neues Gedenkstättenkonzept für das »Stalag 326«
Von Jörg Werner
Die Initiative »Blumen für Stukenbrock« sieht sich in der Verpfl
Die Initiative »Blumen für Stukenbrock« sieht sich in der Pflicht, das Andenken an die im Kriegsgefangenenlager Stalag 326 misshandelten und getöteten sowjetischen Soldaten wachzuhalten (Stukenbrock, 2017)

Zu einer Gedenkstätte mit »gesamtstaatlicher Bedeutung« und europäischer Reichweite soll das ehemalige Nazistraflager »Stalag 326« im ostwestfälischen Stukenbrock ausgebaut werden (siehe jW vom 9.2.2021). Eine überraschende Investition von unglaublichen 60 Millionen Euro, und eine richtige – vorausgesetzt, es ist nach 70 Jahren tatsächlich geplant, endlich dem Gedenken an die über 60.000 sowjetischen Soldaten gerecht zu werden, die dort durch Verhungernlassen um ihr Leben gebracht wurden. Deren Vermächtnis ist noch immer auf einem kleinen Obelisken zu lesen: »Sorgt Ihr, die Ihr noch im Leben steht, dass Frieden bleibt, Frieden zwischen den Menschen, Frieden zwischen den Völkern.« Diese Mahnung hatten die wenigen Überlebenden des Lagers nach ihrer Befreiung dem Volk ihrer Peiniger hinterlassen. Die CDU-Politiker im tiefen Ostwestfalen setzten aber bald andere Prioritäten. Sie sahen die Aktivistinnen und Aktivisten von »Blumen für Stukenbrock« als fünfte Kolonne Moskaus am Werk, weil die sich um den »Beglaubigungsort« der Naziverbrechen kümmerten und die Mahnung der Opfer von Beginn an ernst nahmen.

Sollen also heute tatsächlich 60 Millionen Euro in das »Stalag 326« investiert werden, um die gesellschaftlichen Ursprünge der faschistischen Menschheitsverbrechen unverblümt offenzulegen, damit solches nie wieder passiert? Daran sind schon deshalb Zweifel angebracht, weil laut einer Machbarkeitsstudie (MBS), die jW vorliegt, dem Gedenkort an diese Naziopfer künftig auch die Erinnerung an die »Opfer der SED-Diktatur« untergeschoben werden soll.

Was das soll? Die Initiatoren unter Leitung des nordrhein-westfälschen Landtagspräsidenten André Kuper (CDU) sehen in der Gleichsetzung der »beiden deutschen Diktaturen« heute Vorteile: So eröffne die Thematisierung von Flucht und Vertreibung nach 1945 die Möglichkeit, mit dem neuen Konzept »Stalag 326« »über einen Gedenkort der Erinnerung an die Greuel der NS-Zeit hinausgehen (!)« zu können. Für eine solche Gleichsetzung von deutschem Faschismus und DDR im Entwurf ihrer Gedenkstättenkonzeption sah sich die Bundesregierung schon vor mehr als 15 Jahren mit dem Vorwurf eines konservativen geschichtspolitischen »Putschversuchs« konfrontiert. Selbst der ehemalige Leiter des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung, Klaus-Dietmar Henke, hatte diese Parallelisierung im Sinne der Totalitarismus-Theorie als eine »historisch falsche, politisch verfehlte und kulturell verstörende« Darstellung bezeichnet.

Davon völlig unbeeindruckt sollen laut MBS im »Stalag 326« aber gerade »Ambivalenzen und Uneindeutigkeiten (…) den Ausgangspunkt der Ausstellung« bilden und zur Aufarbeitung des Nazifaschismus beitragen. Ganz in diesem Sinne stellen die Autoren der MBS beim Thema »Rassismus« dann nicht etwa auf die Täter scharf, sondern auf die Opfer, machen bei ihnen selbst »rassistische (!) Hierarchien der Gefangenen …« aus und wollen dafür die Besucher sensibilisieren.

Bei der Frage nach dem »Wie« der Vermittlung setzt die MBS methodisch auf das »Situative Lernen«. Der Vorteil hier: Für Lernende ließen sich damit zahlreiche »Konstellationen« arrangieren. »Handlungsspielräume« sollen deutlich werden und »ermöglichen vielfältiges variables Handeln von Bewachern und Gefangenen«(!). Wie jetzt? Haben die Opfer ihre »Handlungsspielräume« einfach nicht variabel genug gehandhabt? Hätte das alles für sie ebenso gut auch anders ausgehen können?

In jedem Fall sollten aber die ankommenden Besucher folgendes Credo der Planer als Warnung davor zur Kenntnis nehmen, was sie in dieser Gedenkstätte künftig erwartet: »Vorschnelle Meinungen über den Nationalsozialismus und scheinbar klare Deutungen desselben werden so hinterfragt, die Auseinandersetzung mit dem ›Dritten Reich‹ wird deutungsoffener und interessant«.

Die Faustregel der neuen Konzeption überschreitet dann endgültig die Grenze des Erträglichen: Eine »produktive Verunsicherung erhöht das Interesse am ›Dritten Reich‹« – als ginge es im »Stalag 326« darum, aus faden Zutaten ein hippes Kulturkompott anzurichten und in Konkurrenz zum nahen Freizeitpark »Safariland« zu treten. Dass die Verantwortlichen die MBS wegen solcher Unzumutbarkeiten unter Verschluss halten, bleibt als vorläufiges Zwischenergebnis zu vermuten.

Aus den ausweichenden Antworten auf eine kürzliche kleine Anfrage der Bundestagsfraktion von Die Linke zum »Stalag 326« ergibt sich allerdings, dass das Expertengremium der Bundesregierung das 300-Seiten-Konzept lobend abgesegnet haben soll – als »grundsätzlich überzeugend« und »den qualitativen Anforderungen entsprechend«.

Das Vermächtnis der Opfer des »Stalag 326« haben die Initiatoren bei ihrer Planung also nicht im Sinn. Im schlimmsten Fall werden die Besucher einer dann gesamtstaatlich bedeutenden Gedenkstätte »Stalag 326« statt dessen mit fatalen Ideen zum Faschismus »produktiv« verstört. Es wird kein Trost sein, dass dann aber immerhin die ganze Wahrheit über den wirklichen Stand der »Aufarbeitung« im Täterland evident wird.

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