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Aus: Ausgabe vom 20.04.2021, Seite 12 / Thema
DDR verurteilt Naziverbrecher

»Ein Stück Aufklärung«

Vorabdruck. Über die Schauprozesse der DDR gegen die Naziverbrecher Oberländer und Globke, die in der BRD Karriere machten. Ein Gespräch zwischen Egon Krenz und Friedrich Wolff
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Albert Norden, Mitglied des Politbüros des ZK der SED, organisierte maßgeblich die Entlarvung ehemaliger Nazis in der Bundesrepublik, die wieder zu höchsten Ehren im Adenauer-Staat gekommen waren (auf einer Pressekonferenz am 7. Juli 1960)

In diesen Tagen erscheint im Berliner Verlag Edition Ost das Buch »Komm mir nicht mit Rechtsstaat« – ein Gespräch, das der Kommunist und Rechtsanwalt Friedrich Wolff und der ehemalige Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzender des Staatsrats der DDR Egon Krenz miteinander führten. Wir veröffentlichen daraus mit freundlicher Genehmigung des Verlags einen Auszug aus dem ersten Kapitel. (jW)

Egon Krenz: Der Alleinvertretungsanspruch der BRD, verbunden mit der Androhung von Sanktionen gegenüber Drittstaaten, wenn diese die DDR anerkannten, hatte ein Vorbild. Die USA weigerten sich bekanntlich, sowohl die Sowjetunion als auch die Volksrepublik China sowie Nordkorea und Vietnam anzuerkennen, weil ihnen die politische Ausrichtung nicht passte: Es war schließlich der antikapitalistische Gesellschaftsentwurf, der das eigene System zumindest perspektivisch in Frage stellte. Es war ja nicht nur der angemaßte Alleinvertretungsanspruch, mit dem die DDR aus der Wirklichkeit und damit aus der deutschen Geschichte gedrängt werden sollte. Im Kalten Krieg schossen sie aus allen Rohren: politisch, propagandistisch, besonders aber bei der Wirtschaft und auch militärisch.

Friedrich Wolff: Zu einem Krieg gehören immer mindestens zwei Seiten. Wir haben denen ja auch nichts geschenkt und handelten mitunter nach dem Prinzip: Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil, etwa unsere politischen Schauprozesse.

Krenz: Entschuldige, wir haben diese Bezeichnung immer abgelehnt, das war ein Kampfbegriff der Westpropaganda.

Wolff: Ja und nein. Für wen veranstalteten wir denn solche Gerichtsverfahren ohne physische Anwesenheit der Angeklagten? Natürlich doch für die Öffentlichkeit, um auf bestimmte Sachverhalte hinzuweisen. Und wir fällten damit auch ein politisch-moralisches Urteil, was üblicherweise nicht Aufgabe der Justiz ist. Aber natürlich orientierten wir uns dabei an strafrechtlichen Maßstäben und Prinzipien. Also Schauprozesse im Sinne von Aufklärung und gesellschaftlicher Ächtung. Das ist überhaupt nicht abwertend gemeint. Es war ein politisches Hilfsmittel im antifaschistischen Kampf der DDR gegen Nazis, die bei der Neuorganisation eines Teils Deutschlands aktiv mitwirkten. Wir nannten das mit allem Recht Restauration der reaktionären Strukturen und Herrschaftsverhältnisse. Und die machten wir auch mit Verfahren wie denen gegen Oberländer und Globke deutlich.

Krenz: Du verteidigst solche Verfahren auch heute noch?

Wolff: Natürlich, aber ich würde sie heute nicht mehr führen wollen. Ich glaube, dass Tribunale dieser Art eher eine kontraproduktive Wirkung entfalten würden. Jede Zeit hat ihre Mittel. Der Faustkeil war in der Steinzeit eine wirksame Waffe: Er wird dennoch heute nicht mehr benutzt.

Krenz: Was ist das denn für ein Vergleich?

Wolff: Ja, Vergleiche hinken immer … Also am 7. April 1960 ging mir der Beschluss des Obersten Gerichts zu, laut dem ich »in der Strafsache gegen Oberländer, Theodor, wegen Mordes dem Angeklagten als Pflichtverteidiger beigeordnet« sei. Gleichzeitig erhielt ich die Ladung zu der am 20. April 1960 beginnenden Hauptverhandlung. Dr. Theodor Oberländer gehörte seit sieben Jahren als Bundesminister dem Adenauer-Kabinett an, seit 1954 hieß das von ihm geführte Haus »Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte«. Oberländer hatte sich der CDU angeschlossen, nachdem er mit der von ihm geführten Partei »Gesamtdeutscher Block/Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten« (GB/BHE) 1953 mit 5,9 Prozent in den Bundestag eingezogen war. Das Verfahren wurde, wie schon gesagt, in Abwesenheit des Angeklagten durchgeführt. Die Verteidigung eines Abwesenden, zu dem man nicht den geringsten Kontakt hatte, war eine ziemlich blöde Aufgabe, zumal klar war, dass die Strafe nur symbolischen Charakter besitzen würde. Und das Urteil würde nicht der konkreten Person gelten, sondern der BRD und ihrem politischem Führungspersonal in Gänze. Es wurde schließlich auch kein anderer Westdeutscher in der DDR als Kriegsverbrecher angeklagt. Das erfolgte in diesem Falle doch nur, weil Oberländer eine herausgehobene Funktion in diesem Staat hatte. Die Zeit zwischen der Zustellung der Ladung und dem Beginn der Hauptverhandlung betrug elf statt der sonst üblichen fünf Tage. Die längere Vorbereitungszeit verdankten wir offenbar dem Umstand, dass wir als Verteidiger wenigstens versuchen sollten, mit unserem Mandanten Verbindung aufzunehmen. Der Versuch scheiterte erwartungsgemäß. Mein Brief kam, nachdem er geöffnet und erneut verschlossen worden war, mit dem handschriftlichen Vermerk auf dem Umschlag aus Bonn zurück: »Annahme nachträglich verweigert. Pförtner hat keine Vollmacht für Bundesminister für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte.« Elf Tage waren nicht eben viel für ein Verfahren mit drei Dutzend Zeugen, einem halben Dutzend Sachverständigen sowie vielen, vielen Akten. In der Fülle des von der Staatsanwaltschaft gesammelten Belastungsmaterials mussten wir versuchen, die vielleicht vorhandenen entlastenden Hinweise zu finden.

Krenz: Was meinst du mit »entlastenden Hinweisen«? Ich weiß, ein Verteidiger verteidigt nicht die Tat, sondern den Täter. Aber wie kann man denn als überzeugter Sozialist einen Faschisten verteidigen?

Wolff: Auch für mutmaßliche Kriegsverbrecher gilt zunächst die Unschuldsvermutung. Der Ankläger muss die Schuld beweisen – und der Verteidiger muss die vorgetragenen Argumente und Vorhaltungen prüfen und unter Umständen widerlegen oder zurückweisen. Jeder Angeklagte muss vor Gericht gerecht behandelt werden, auch wenn er selbst nicht rechtens handelte. Ich weiß, das ist mitunter schwer und nur zu verstehen, wenn die Sachlage eindeutig ist.

Krenz: Bei Gewalttätern ist das unerträglich, wenn es an der Schuld nichts zu deuteln gibt.

Wolff: Genau da liegt das Problem. Ein Gericht darf weder nach Gefühlslage noch nach ideologischen Vorgaben oder aus politischem Zeitgeist urteilen. Das zu verhindern ist Aufgabe der Verteidigung. Ich entwarf ein Konzept, in dem das wenige, was zur Verteidigung zu tun war, zwischen meinem Kollegen Gerhard Rinck aus Erfurt und mir verteilt war. Wir stellten aufgrund des Akteninhalts einen Beweisantrag zur Vernehmung von vier Zeugen. Das waren Westdeutsche, die unseren Mandanten in früheren Aussagen entlastet hatten, darunter war der Bankier und Mitbegründer der CDU im Rheinland Robert Pferdmenges. Ähnlich ging es uns bei einem weiteren Antrag, den wir einen Tag später stellten. Wir erklärten, dass das Oberste Gericht, weil die Taten im Ausland begangen worden waren, nicht zuständig sei. Im übrigen könne nicht nach dem Strafrecht der DDR geurteilt werden. Das galt ja nicht, als Oberländer die ihm vorgeworfenen Taten beging. Ich sage nur: Rückwirkungsverbot! Und schließlich genösse der Angeklagte als Abgeordneter des Bundestages Immunität.

Krenz: Lass mich raten: Die Anträge wurden abgelehnt.

Wolff: Natürlich. Das Immunitätsargument konnte der Senat nur mit rein politischer Begründung zurückweisen. Was er auch tat. Im Urteil hieß es dazu: »Niemand kann sich auf seine parlamentarische Immunität als Abgeordneter berufen, gegen den – gestützt auf hinreichende Verdachtsgründe – der Vorwurf solch schwerer Verbrechen gegen den Frieden und die Menschlichkeit erhoben wird, wie sie den Gegenstand der Anklage bilden.« Das Plädoyer hatten wir uns geteilt. Zuerst plädierte ich zu den Rechtsfragen, dann Gerhard Rinck zur Strafzumessung. Ich führte aus, dass der Angeklagte hinsichtlich einiger Vorwürfe nicht schuldig sei, widersprach aber nach der Beweislage der Verurteilung in zwei Komplexen nicht. Am 29. April 1960 wurde Oberländer wegen der Erschießung von mehreren tausend Juden und Polen in Lemberg – heute Lwiw/Ukraine – zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. In seiner Eigenschaft als Ukraine-Referent des Oberkommandos der Wehrmacht war Hauptmann Oberländer Berater des Führers einer deutsch-ukrainischen Freiwilligeneinheit, dem berüchtigten »Bataillon Nachtigall«, später gehörte er auch dem deutsch-kaukasischen »Sonderverband Bergmann« an. Das »Bataillon Nachtigall« war 1941 am Massaker an den Lemberger Professoren erheblich beteiligt, der »Sonderverband Bergmann« unter anderem in der »Partisanenbekämpfung« eingesetzt. Ein Spiegel-Redakteur, dessen unleserlichen Namen ich nicht entziffern konnte, schrieb mir drei Tage später: »In der neuesten Ausgabe des Spiegel (Nr. 19/1960) wird in einem Bericht über das Verfahren gegen den Bundesminister Oberländer vor dem Obersten Gericht der Deutschen Demokratischen Republik der Verteidigung zugeschrieben, sie habe wörtlich im Plädoyer gesagt, Oberländer sei ein ›ungeheuer agiler und geltungsbedürftiger Mitläufer‹ gewesen (Seite 24, 3. Spalte). Mir ist daran gelegen, Sie wissen zu lassen, dass dieser Fehler im Beitrag nicht zu Lasten des Berichterstatters geht, sondern während der redaktionellen Bearbeitung entstanden ist.« Ich hatte den Spiegel-Beitrag nicht gelesen. Die offenherzige Mitteilung des Journalisten und seine Entschuldigung beeindruckten mich. Ich hatte in der Tat Oberländer nicht als einen »ungeheuer agilen und geltungsbedürftigen Mitläufer« bezeichnet, weil dies eine sehr schmeichelhafte Untertreibung seiner nationalsozialistischen Überzeugung und der daraus resultierenden Verbrechen gewesen wäre. Aber genau das schien der Verantwortliche in der Hamburger Redaktion, der den Korrespondentenbericht damit sinnwidrig redigiert hatte, beabsichtigt zu haben: verharmlosen und bagatellisieren. Diese journalistische Methode wird ja wohl bis heute praktiziert.

Krenz: War die Oberländer-Sache damit durch?

Wolff: Keineswegs. Obgleich die Bonner Staatsanwaltschaft nach Jahresfrist befand, dass es für die Anschuldigungen »keinerlei Basis« gebe, trat Oberländer am 5. Mai 1960 als Bundesminister zurück. Übrigens, in diesem Kontext schreibt die Internetenzyklopädie Wikipedia: »Sein Verteidiger Friedrich Wolff gab erfolglos zu bedenken, Oberländer sei lediglich ein ›ungeheuer agiler und geltungsbedürftiger Mitläufer‹ gewesen und ›habe das Rechtswidrige seines Tuns nicht zu erkennen brauchen‹.« Angegebene Quelle: Der Spiegel Nr. 19, 1960 …

Krenz: Womit man sieht: Ist der Unsinn erst einmal in der Welt, kriegst du ihn nie wieder gelöscht.

Wolff: Am 5. April 1990, also dreißig Jahre später, nach jenem Oberländer-Verfahren, ließ mich Rechtsanwaltskollege Wolfgang Vogel wissen, dass der inzwischen 85jährige Oberländer ihn gebeten habe, mich als seinen damaligen Verteidiger zu beauftragen, die Kassation des Urteils des Obersten Gerichts der DDR anzuregen. Dies tat ich, nachdem ich mich vergeblich um Akteneinsicht bemüht hatte, am 31. Juli 1990. Nach dem 3. Oktober 1990 wurde für den Mandanten auch Rechtsanwalt Walter Truckenbrodt tätig. Theodor Oberländer wurde am 24. November 1993 vom Landgericht Berlin rehabilitiert. Ohne Prüfung der Vorwürfe der Anklage wurde aus formalen Gründen das Urteil aufgehoben, »weil die Hauptverhandlung rechtswidrig in Abwesenheit des Betroffenen durchgeführt wurde«. Oberländer starb am 4. Mai 1998.

Krenz: Der Historiker Götz Aly nannte Oberländer 1993, als er rehabilitiert wurde, einen »Vordenker der Vernichtung«.

Wolff: Was er ganz gewiss war. Im Jahr 2000 erschien in Frankfurt am Main ein Buch unter dem Titel »Der Fall Oberländer (1905–1998). Ein Lehrstück deutscher Geschichte«. Otto Köhler rezensierte die Arbeit von Philipp-Christian Wachs und meinte im Deutschlandfunk: Die DDR hatte »einigen Anlass, eine Kampagne gegen den Bonner Vertriebenenminister zu führen, den Adenauer selbst für tiefbraun hielt und der es als sein Lebensziel betrachtete, den Kommunismus zu vernichten«.

Krenz: Zwei Jahre nach Oberländer hast du wieder eine Pflichtverteidigung übernehmen und erneut einen abwesenden Angeklagten verteidigen müssen: Hans Globke, Chef des Bundeskanzleramtes, die »graue Eminenz« in Bonn, Adenauers Intimus, verantwortlich neben anderem für Einrichtung und Kontrolle von Bundesnachrichtendienst und Verfassungsschutz.

Wolff: Der Generalstaatsanwalt der DDR klagte Globke an, »in Berlin und an anderen Orten von November 1932 bis zur Zerschlagung der faschistischen Gewaltherrschaft im Jahre 1945, gemeinschaftlich handelnd, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen begangen zu haben«. Insbesondere warf man ihm vor, an der Ausarbeitung der Nürnberger Rassengesetze und einer Vielzahl anderer Gesetze mit rassistischem Inhalt beteiligt gewesen zu sein. Globke hatte von 1935 bis 1938 als Referent im Preußischen Innenministerium und danach bis Kriegsende als Oberregierungs- und Ministerialrat im Reichsministerium des Innern an diesen Gesetzen gearbeitet. Globke hatte dadurch »maßgeblich«, so hieß es im Eröffnungsbeschluss, »an der systematischen Aussonderung und Registrierung der jüdischen Bürger in Deutschland mit dem Ziel ihrer Terrorisierung und physischen Vernichtung mitgewirkt«.

Krenz: Globke war der klassische Schreibtischtäter im Nazireich. Und nun stand sein Schreibtisch im Bundeskanzleramt. Wir sind uns einig: Die bundesdeutsche Weste war nie sauber – aber dieser Fleck besonders groß und besonders kräftig. Aber wie wollten wir ihm juristisch beikommen?

Wolff: Die Anklage und der Eröffnungsbeschluss stützten sich auf Artikel 6 des Londoner Statuts für das Internationale Militärtribunal in Verbindung mit Artikel 5 Absatz 1 der Verfassung der DDR.

Krenz: Die Verfassung der DDR galt nicht für den Bundesbürger Globke. Wir maßten uns keinen Alleinvertretungsanspruch für alle Deutschen an.

Wolff: Deshalb hieß es ja auch »in Verbindung« mit Artikel 5 Absatz 1 der DDR-Verfassung. Das war die Verfassung, die am 7. Oktober 1949 in Kraft gesetzt worden war. Und jener Absatz lautete: »Die allgemein anerkannten Regeln des Völkerrechts binden die Staatsgewalt und jeden Bürger.« Und Globke war eben auch »jeder Bürger«, und für die beiden deutschen Staaten galt das Völkerrecht gleichermaßen. Die DDR unterwarf sich ihm in seiner Verfassung ausdrücklich. Das sollte man ruhig auch im Zusammenhang mit der verlogenen Behauptung vom »Unrechtsstaat DDR« sehen.

Krenz: Wie lief das Globke-Verfahren?

Wolff: Ich agierte mit etwas mehr Routine als im Oberländer-Prozess, aber keinesfalls erfolgreicher. An Stichworten, die ich mir für mein Plädoyer notiert hatte, sah ich später, als ich an meinen Memoiren arbeitete, dass dieses Verfahren im Zeichen der »Vergangenheitsbewältigung« stand. So hieß es auf meinen Zetteln. Ich glaubte bis vor kurzem noch, dass dieser Terminus erst nach 1990 geboren worden sei. Es war aber alles schon einmal da, nur eben ganz anders.

Krenz: Ich glaube, dafür benutzte man nach 1990 vorzugsweise die Vokabel »Aufarbeitung«.

Wolff: Stimmt, ich erinnere mich. Und jetzt arbeiten wir also die »Aufarbeitung« auf. Wird auch langsam Zeit … Wie in fast allen Verfahren, in denen ich nachweisliche Naziverbrecher verteidigte, hielt ich es für erforderlich, einige Worte zur Verteidigung der Verteidiger, insbesondere zu ihrer gesinnungsmäßigen Abgrenzung zu ihrem Mandanten, zu sagen. Es gab nicht wenige Menschen im Publikum und auch außerhalb des Gerichtssaales, die glaubten, dass der Verteidiger nicht der juristische Beistand des Angeklagten, sondern dessen Gesinnungsbruder war. Weil ja »normale Menschen« mit solchen Typen nichts am Hut haben. Nach einigen Ausführungen über die Ethik des Verteidigers erklärte ich: »So werden wir verteidigen und nur verteidigen. Als Gegner des Faschismus und im Bewusstsein, dadurch unseren Beitrag für ein gerechtes Urteil und damit gegen das Wiedererstehen der Mächte des Unrechts in jeder Form zu leisten.« Das Urteil wurde am 23. Juli 1963 gesprochen: Globke erhielt eine lebenslängliche Zuchthausstrafe. Ein Vierteljahr später trat er zurück, bekam das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen und wollte als Pensionär in die Schweiz übersiedeln. Seine Frau hatte in den fünfziger Jahren eine Immobilie am Genfer See im Kanton Waadt erworben. Das Kantonsparlament erklärte allerdings, nachdem Globkes Absicht dort bekanntgeworden war, dass es dem ehemaligen BRD-Minister keine Aufenthaltsgenehmigung erteilen werde, was der Schweizer Bundespräsident mit sichtlicher Erleichterung quittierte. Dadurch bleibe es der Schweizer Regierung erspart, eine Einreisesperre zu erlassen, sagte er. Das zeigte doch sehr deutlich, wie im Ausland Globke beurteilt wurde – und wie richtig die DDR bei der Beurteilung von Stützen des westdeutschen Staates lag. Das war nicht Propaganda, wie bis heute behauptet wird, sondern eine prinzipielle politische Auseinandersetzung mit der faschistischen Diktatur und ihren Protagonisten. Eben Aufarbeitung.

Krenz: Albert Norden, der Rabbinersohn im Politbüro, organisierte damals maßgeblich die Entlarvung ehemaliger Nazis in der Bundesrepublik, die wieder zu höchsten Ehren im Adenauer-Staat gekommen waren. Er leitete eine Kommission, die alle Maßnahmen und Vorgänge in der DDR zur Aufarbeitung von Kriegs- und Naziverbrechen koordinierte. 1965 erschien in 1. Auflage das »Braunbuch« mit mehr als 1.800 Namen und Kurzbiographien.

Wolff: Die juristischen Verfahren gegen Oberländer und Globke standen in diesem Zusammenhang. Ebenso wie die Bestrebungen der Bundesrepublik, solche Untersuchungen zu diffamieren, zu kriminalisieren, sie überhaupt zu verhindern.

Krenz: Darauf will ich ja hinaus. Das »Braunbuch« wurde in der Bundesrepublik indiziert und auf der Frankfurter Buchmesse und in Buchhandlungen beschlagnahmt. Oder: Deinem Kollegen Friedrich Karl Kaul, der als Beobachter zum Eichmann-Prozess nach Israel gereist war, wurden dort im Hotel die Unterlagen geklaut. Bonn setzte alles daran, dass die Verbindung zwischen Nazitätern wie Globke und Eichmann nicht publik wurde. Bekanntlich wusste die Bundesregierung, insbesondere Geheimdienstkoordinator Globke, seit Jahren, wo sich der geflohene Eichmann in Argentinien aufhielt. Sie zeigte aber keinerlei Interesse an seiner Auslieferung. Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer handelte eigenmächtig. Er gab dem israelischen Geheimdienst einen Tip. Eichmann wurde vom Mossad entführt und nach Israel ausgeflogen. Bei der Prozessvorbereitung stimmte inoffiziell eine interministerielle Arbeitsgruppe in Bonn die westdeutschen Interessen bezüglich der Anklage und der Prozessführung mit der israelischen Regierung ab. Man wollte alles unter Kontrolle haben und das Belastende unter der Decke halten.

Wolff: Und wo hat man Kaul beklaut? Ich weiß das schon gar nicht mehr. Vielleicht habe ich es auch nur wieder vergessen. Liegt ja bereits sechzig Jahre zurück.

Krenz: Kaul wohnte während des Prozesses im King David Hotel in Jerusalem. Die Nazis hatten ihn als Sohn einer jüdischen Mutter mit Berufsverbot belegt, dann in Konzentrationslager gesteckt und außer Landes getrieben. Wie du trat er 1945, nach seiner Rückkehr, in die KPD ein. Im Verbotsverfahren vor dem Bundesverfassungsgericht war er Hauptprozessbevollmächtigter der KPD. Als Strafverteidiger verteidigte er westdeutsche Antifaschisten aus der KPD, der FDJ, der VVN, und als Nebenkläger vertrat er in verschiedenen Auschwitz-Prozessen die Interessen von in der DDR lebenden Opfern.

Wolff: Na klar, den hatten sie in Bonn schon lange auf dem Zettel. Er war für die Bundesregierung ein rotes Tuch.

Krenz: Offenkundig fürchtete Bonn Kauls Auftritt beim Eichmann-Prozess. Das internationale Interesse war groß – allein die Livebilder aus dem Gerichtssaal wurden in fast vierzig Länder übertragen. Wenn Kaul eine Chance bekommen würde, diese Bühne zur Verbreitung der Positionen der DDR zu nutzen, würde der das auch tun.

Wolff: Klar, das war ein ausgeschlafener Bursche. Das wussten sie. Also musste man ihn entwaffnen.

Krenz: Darum schickte Bonn, wie der Spiegel im September 2010 verriet, Rolf Vogel nach Jerusalem, um Kaul zu kontrollieren und auszuschalten. Man war davon überzeugt, dass Kaul Dokumente und Belege bei sich haben würde, um seine Thesen zu belegen.

Wolff: Wir haben immer mit hieb- und stichfesten Beweisen gearbeitet, nie bloß behauptet oder ins Blaue geschossen. Und wer war nun Rolf Vogel?

Krenz: Ein Reserveoffizier der Bundeswehr, geschult in psychologischer Kriegführung. Er »galt in Bonn als Mann des BND und zählte zu den Vertrauten des Kanzlers«, schrieb fünfzig Jahre später der Spiegel. »Für das Eichmann-Verfahren ließ er sich von seinem aktuellen Posten im Verbindungsbüro der Europäischen Gemeinschaften (EG) in Bonn entbinden. In Jerusalem firmierte er offiziell als Journalist und schrieb für die Deutsche Zeitung. Insgeheim hatte er jedoch den Auftrag, ›das Bundeskanzleramt ständig auf dem Laufenden zu halten‹, wie es in den Akten vermerkt wurde. Dafür wurde er auch bezahlt. Mehrfach berichtete Vogel direkt an Adenauer.« Und das Hamburger Nachrichtenmagazin vom 2. September 2010 weiter: »Der Diebstahl erfolgte am Abend des 29. Juni 1961 in Kauls Zimmer im King David Hotel in Jerusalem. Vogels Begleiter war Frank Lynder, Reporter bei Bild und nach Angaben des Auswärtigen Amtes während des Zweiten Weltkrieges Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes.« Und überdies Schwager von Axel Springer … Die Kaul geklauten Dokumente wurden umgehend »als versiegeltes Kuriergepäck« nach München geflogen und »beim BND« in Pullach abgegeben. Versiegeltes Kuriergepäck wird weder bei der Ausfuhr noch bei der Einfuhr kontrolliert.

Wolff: Ja, ich erinnere mich dunkel. Es war damals eine verrückte Zeit kurz vorm Mauerbau, da passierte ja ständig etwas. Und es gab kaum eine Schweinerei, bei der nicht die Geheimdienste ihre Finger drin hatten.

Krenz: Meinst du, das ist heute anders? Jeder Umsturz, jeder Regimewechsel, jeder Massenprotest wird initiiert, unterstützt oder gesteuert von Geheimdiensten, deren Auftraggeber eine politische Veränderung in ihrem Sinne wünschen: also altes Regime wegputschen oder wegdemonstrieren und ein willfähriges neues Regime etablieren. So läuft das schon seit Jahrzehnten.

Egon Krenz und Friedrich Wolff: Komm mir nicht mit Rechtsstaat. Gespräch zwischen einem fast hundertjährigen Juristen und einem langjährigen DDR-Politiker. Edition Ost, Berlin 2021, 208 Seiten, 15 Euro

Egon Krenz, geboren am 19. März 1937 in Kolberg (heute Kolobrzeg/Polen), war vom 17. Oktober bis zum 6. Dezember 1989 Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzender des Staatsrats der DDR. Von ihm erschien zuletzt am 11. Juli 2019 auf diesen Seiten »Das vergessene Gespräch« über sein Treffen im November 1989 mit Michail Gorbatschow.

Friedrich Wolff, geboren am 30. Juli 1922 in Berlin-Neukölln als Sohn eines jüdischen Arztes, ist Kommunist und Rechtsanwalt. Er war langjähriger Vorsitzender des Berliner Rechtsanwaltskollegiums und in dieser Funktion Leiter des Rates der Kollegien der Rechtsanwälte der DDR.

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  • Paul Jud, Stühlingen: Schämen Sehr interessanter Artikel über die Aufarbeitung (oder Erledigung?) der Nazivergangenheit. Als gebürtiger Schweizer habe ich mit Interesse und Genugtuung gelesen, dass die Schweizer Regierung wenigste...
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