1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Gegründet 1947 Sa. / So., 19. / 20. Juni 2021, Nr. 140
Die junge Welt wird von 2552 GenossInnen herausgegeben
1.000 Abos für die Pressefreiheit! 1.000 Abos für die Pressefreiheit!
1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Aus: Ausgabe vom 20.04.2021, Seite 6 / Ausland
Neoliberalisierung der Universität

Polizei auf dem Campus

Griechische und türkische Studierende kämpfen gemeinsam für Demokratie an Hochschulen
Von Hansgeorg Hermann, Chania
GREECE-EDUCATION-PROTESTS.JPG
Griechische Polizisten knüppeln Demonstranten in Athen nieder, die gegen die Hochschulpläne der Regierung protestieren (10.2.2021)

Während einer Onlinekonferenz haben sich am Sonnabend türkische und griechische Studierende im Kampf für Demokratie und soziale Gerechtigkeit solidarisiert. Sie forderten von ihren Regierungen mehr finanzielle Unterstützung für Forschung und Lehre, anstatt das Geld für Waffen und Polizei auszugeben. Einen Rückschritt in die Zeiten von »Diktatur« und autoritärem Staatshandeln habe in Griechenland der rechtskonservative Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis eingeleitet. Die Entscheidung, in den Universitäten des Landes eine speziell geschaffene Polizeitruppe einzusetzen, die angeblich »die Demokratie« auf dem Campus »wiederherstellen« solle, entbehre nicht des Zynismus einer auf Kontrolle der Studierenden und ihrer Lehrer fixierten Ordnungspolitik.

Bereits in der Vorwoche hatten Professoren der Aristoteles-Universität in Thessaloniki und der Bosporus-Universität in Istanbul auf Facebook Stellungnahmen veröffentlicht. Die Redaktion der unabhängigen Athener Tageszeitung Efimerida ton syntakton folgte am Donnerstag dem Aufruf zum Kampf für die Freiheit der Hochschulen. Unter dem Titel »Zwei Länder, ein akademischer Kampf« ließ sie Professorinnen und Professoren beider Universitäten zu Wort kommen. Begleitet wurde die bilaterale Aktion vom Straßenprotest der Studierenden in den Universitätsstädten.

Während sich am vergangenen Donnerstag die Außenminister beider Länder während einer Pressekonferenz in Ankara einen verbalen Schlagabtausch lieferten, den die Süddeutsche Zeitung hinterher als »Spaghettiwestern« belächelte, versucht die akademische Jugend seit Monaten, auf die Gemeinsamkeiten beider Länder hinzuweisen und solidarisch zu handeln. In der türkischen Hauptstadt hatte der griechische Außenminister Nikolaos Dendias seinem Kollegen Mevlüt Cavusoglu in scharfem Ton vorgeworfen, dessen Regierung verbreite im Streit um die Erdgasvorkommen in der Ägäis und die Grenzverletzungen türkischer Kampfflugzeuge »Lügennachrichten«. Der wegen der Attacke zunächst völlig überraschte Cavusoglu hatte den vorher als »alten Freund« gelobten Dendias danach beschuldigt, Griechenlands Küstenwache »werfe Menschen ins Meer« und verletze regelmäßig internationales Seerecht.

Griechische Medien hatten anderntags berichtet, Dendias habe vor der Pressekonferenz mit seinem Chef Mitsotakis telefoniert und offenbar die Anweisung erhalten, die bis zu diesem Zeitpunkt monatelang von Athen demonstrierte Zurückhaltung aufzugeben. Aus der bis in die vergangene Woche herrschenden politischen Unterkühlung zwischen den beiden Nachbarn könnte nun eine echte Eiszeit werden – zumal der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sich beeilte, seinen Minister ausdrücklich für dessen Antwort zu loben.

Der gefährliche Hahnenkampf in Ankara hielt die Studierenden in Istanbul und Thessaloniki nicht davon ab, von ihren Regierungen Freiheit statt Kontrolle zu verlangen. Die Istanbuler Professorin Esra Mungan beklagte den Versuch der Regierungen »auf beiden Seiten der Ägäis«, die Autonomie der Hochschulen anzugreifen und sie privatwirtschaftlichen Interessen auszuliefern. »Wir türkischen Akademiker halten es für notwendig, zusammen mit unseren griechischen Kollegen solidarisch gegen die Belagerung der Universitäten durch den Staat und Unternehmer zu kämpfen«, schrieb Mungan. »Neoliberale Maßnahmen« zwängen die Hochschulen – nicht nur in Griechenland und der Türkei, sondern zunehmend in europäischen Ländern wie Polen, Rumänien oder Ungarn – »unter die Herrschaft von profitorientierten Investoren«.

Ihr griechischer Kollege, Professor Periklis Pavlidis aus Thessaloniki, schrieb über den »zerstörerischen Druck«, den der Kapitalmarkt auf Europas Hochschulen ausübe. »In direkter Verbindung mit der neoliberalen Transformation der Universitäten ist der Versuch zu sehen, ein bürokratisches Management einzuführen, mit dem die akademische Autonomie zerschlagen und die Freiheit der Forschung eingeschränkt werden soll.« In beiden Ländern sei inzwischen die Polizei auf den Campus geschickt worden, um solche Maßnahmen auch physisch durchzusetzen.

1.000 Abos jetzt

Die Bundesregierung sagt: der Tageszeitung junge Welt sei mit geheimdienstlichen Mitteln der »Nährboden zu entziehen«. Wirtschaftlich und wettbewerbsrechtlich negative Folgen durch die Nennung der Zeitung im Verfassungsschutzbericht seien sogar beabsichtigt.

Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

Ähnliche:

Mehr aus: Ausland