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Von Helmut Höge
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»Weißt du, als mein Papa in dieses Land kam, war er bereits ein gebildeter, belesener Mann«, schreibt Kai Wieland in seinem Roman »Zeit der Wildschweine« (2020). Beim Wort »belesen« blieb ich hängen: Das gibt’s ja auch noch, murmelte ich vor mich hin. Wobei belesen und gebildet fast doppelt gemoppelt ist, wenn man dem Synonymwörterbuch folgt, das dafür auch noch »geistreich«, »versiert«, »orientiert«, »informiert«, »kundig«, »gelehrt« und »eingeweiht« auflistet.

Auf der Seite wissen57.de wird erklärt: »Literarische Bildung, die einst im Zentrum der Curricula der höheren Schulen stand, ist – und leider nicht nur dort – zu einem Fremdwort geworden.« Liegt das daran, dass im Zuge der Studentenbewegung eine »bestimmte Idee von Bildung« als »bildungsbürgerlich« abgetan wurde? Ich erinnere mich noch, dass der eher aktionistische Daniel Cohn-Bendit den Germanisten Heiner Boehncke gelegentlich »schöngeistiges Arschloch« schimpfte. Dennoch würde ich sagen, dass in der Studentenbewegung noch extrem viel gelesen wurde, meine Mentoren vom SDS zogen sich z. B. täglich von 14 bis 17 Uhr in ihre WG zurück, um zu lesen, und Rudi Dutschke hatte immer eine Aktentasche mit Büchern bei sich. Von den Philosophen der Frankfurter Schule und einigen ihrer Studenten kann man sogar sagen, dass sie so belesen waren wie kaum jemand sonst.

Die heutige Unbelesenheit könnte auch an der Amerikanisierung der Hochschulen liegen, die auf Profitabilisierung des Wissens abzielt – bei Studenten wie bei Wissenschaftlern. So sind in den USA z. B. 80 Prozent aller Biologen zugleich auch Geschäftsführer oder Teilhaber einer Firma. Und US-Präsident Biden hat gerade den Biologen Eric Lander in seine Regierung berufen, um laut Spiegel »den Führungsanspruch der US-Wissenschaft zu verteidigen«. Gemeint ist damit die idiotische Genetik, die zwar ungeheuer produktiv ist, aber ebenso primitiv und dumm – und für ein Verständnis des Lebens eher hinderlich.

In letzter Zeit sind mir immer wieder Leute begegnet, die sich quasi entschuldigten, dass sie so selten zum Lesen kommen. Sie halten sich alle für nicht »belesen« genug. Aber »gebildet« waren sie eigentlich, d. h. sie hatten irgendwas »Gebildetes« studiert, Literatur- oder Kulturwissenschaft. Für einige bestand Belesenheit darin, lektüremäßig mitzukommen bei dem, was oft und gut besprochen wurde an Romanen und Monographien. Anders der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk: Als man ihn fragte, wen er an den »Gegenwartsautoren« schätze, antwortete er, dass er nur die Bücher von Toten lese, »dass die Lebenden noch nicht fertig sind und man ihnen eine Chance geben muss«. So denke ich eigentlich auch: Was sind all die Bestsellerautoren gegen Joseph Roth oder Stefan Zweig, Tolstoi oder Platonow?

Bei vielen stapeln sich auch die Bücher über ein »Thema«, das sie verfolgen, Südseeinsel- oder Weltraumeroberungen etwa, dementsprechend lesen sie vornehmlich Expeditionsberichte aus dem 18. und 19. Jahrhundert oder alle NASA-Spinnereien.

Es gab mal eine Zeit, da war der Grad der Belesenheit fast identisch mit der Höhe des Vermögens, das der »passionierte Leser« dafür ausgeben wollte oder konnte. In den »Flüchtlingsgesprächen« von Brecht heißt es: »Eine halbwegs komplette Kenntnis des Marxismus kostet heute, wie mir ein Kollege versichert hat, zwanzigtausend bis fünfundzwanzigtausend Goldmark und das ist dann ohne die Schikanen. Darunter kriegen Sie nichts Richtiges, höchstens so einen minderwertigen Marxismus ohne Hegel oder einen, wo der Ricardo fehlt usw.«

Bei Autoren, die aus einer Bauern- oder Arbeiterfamilie stammen, kommt in ihren biographischen Romanen oft die Bemerkung vor, dass es in ihrem Elternhaus nur ein Buch gab, die Bibel oder eines über Pferdekrankheiten. Dass die Oma sie Faulpelz schimpfte, wenn sie in einem Buch lasen. Dass sie heimlich lasen. Dass die Bibliothekarin in der Leihbücherei sie zum Lesen animiert habe usw. Damit wird erklärt, dass sie schon in jungen Jahren von der Hand- zur Kopfarbeit neigten und deswegen irgendwann zu einem Bücherwurm wurden.

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