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Aus: Ausgabe vom 16.04.2021, Seite 15 / Feminismus
Femizide in der BRD

Anklage lautet nun auf Mord

Vor einem Jahr wurde Besma Akinci durch Ehemann getötet. Öffentlichkeit erzwingt Verfahren
Von Nure Alkis
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Auch in München wurde im vergangenen Jahr gegen geschlechtsspezifische Gewalt demonstriert (8.5.2020)

Vor einem Jahr erschoss Cemal Akinci seine auf dem Sofa schlafende Ehefrau Besma im niedersächsischen Einbeck. Der Schuss wurde um kurz vor Mitternacht aus kurzer Entfernung auf ihren Kopf abgegeben. Akinci wurde aufgrund seines hohen Alkoholpegels zunächst wegen Haftunfähigkeit freigelassen, blieb aber auch danach auf freiem Fuß. Er erklärte der Polizei, beim Säubern der Waffe habe sich versehentlich ein Schuss gelöst.

Die Freilassung ließ viele Fragen offen: Warum wurde die Aussage des Täters nicht in Frage gestellt? Warum hielt die Polizei es für möglich, dass sich ein Schuss, der ausgerechnet den Kopf der Frau traf, beim Säubern der Waffe löste?

Der Dachverband des Ezidischen Frauenrats (SMJE) und die Frauenbegegnungsstätte UTAMARA veröffentlichten daraufhin im Juni 2020 den offenen Brief »Ein Frauenmord ist kein Versehen und kein Einzelfall«, der von neun großen Frauenorganisationen unterzeichnet wurde. Darin forderten sie einen neuen Umgang mit dem Thema Femizid in Deutschland und eine lückenlose Aufklärung von Taten wie der Tötung von Besma Akinci. Weiter wurde unter anderem die Sichtbarmachung geschlechtsspezifischer Gewalt in Politik und Medien, eine statistische Erfassung von Femiziden in Deutschland, eine Reform des Tötungsstrafrechts sowie die sofortige Umsetzung der Istanbul-Konvention, die Gewalt an Frauen verhindern soll, gefordert.

Weitere 300 Verbände und Einzelpersonen unterstützten die Initiative, die den Justiz-, Innen- und Familienministerien des Bundes und des Landes Niedersachsen sowie der Staatsanwaltschaft Göttingen übermittelt wurde. Die Ministerien reagierten mit Antwortbriefen, die die Wichtigkeit der Unabhängigkeit der Justiz sowie ihre großen Anstrengungen zum Schutz von Frauen vor Gewalt betonten.

Intern setzte der offene Brief jedoch offensichtlich etwas in Bewegung. Im September 2020, fünf Monate nach dem gewaltsamen Tod der 27jährigen, ließ die Staatsanwaltschaft Göttingen den Ehemann festnehmen: Die Anklage lautete auf Mord. Das Verfahren läuft seit diesem Januar vor dem Landgericht Göttingen. Das lokale Nachrichtenportal Leinetal24.de berichtete dazu am 27. Januar: »Nach kriminaltechnischen und gerichtsmedizinischen Analysen sowie weiteren Ermittlungen hätte sich (…) ein anderes Tatgeschehen zur Tötung der Ehefrau dargestellt.«

Hätten Frauenorganisationen sich nicht durch den offenen Brief Gehör verschafft und auf das große Unrecht hingewiesen, so wäre der Fall möglicherweise als »Unfall mit tödlichen Folgen« in die Statistiken aufgenommen worden und nicht als Femizid sichtbar geworden. Der nun laufende Prozess zeigt jedoch auch, dass sich die bekannten patriarchalen Legitimationsstrategien auch in diesem Verfahren wiederholen: »Für Staatsanwalt Jens Mueller ist das Tatmotiv klar: Die Ehe sei belastet gewesen. Cemal A. habe seine zweite Ehefrau loswerden wollen, ohne jedoch die gemeinsamen Kinder zu verlieren«, wie das Portal weiter berichtete. Dem Verlauf von Akincis erster Ehe widmete sich der Verhandlungstag am 27. Februar: »Die habe der Angeklagte erheblich geschlagen, so dass die Frau im Krankenhaus behandelt werden musste. Bei der Sache sei auch die Polizei geholt worden. Cemal A. habe nach jenen Vorfällen versprochen, so etwas in seiner zweiten Ehe nicht wieder zu tun.«

SMJE und UTAMARA fordern, eine kontinuierliche starke Organisierung gegen Femizide aufzubauen, so dass staatliche Behörden und Medien diese nicht mehr verleugnen und legitimieren können. Bundesweit haben sich im vergangenen Jahr in vielen Städten entsprechende Initiativen gegründet, so auch das »Netzwerk gegen Feminizide« in Berlin, bestehend aus 19 feministischen Gruppen und Organisationen sowie Einzelpersonen, oder das Internationale Frauenbündnis Hamburg, das nach dem Mordversuch an einer Frau und ihren beiden Kindern im April 2020 gegründet wurde. Der Täter hatte seine Exfrau und die Kinder mit Benzin übergossen und angezündet. Der Prozess läuft gerade vor dem Hamburger Landgericht.

Am 22. Januar weihte das Berliner Netzwerk den Nettelbeckplatz im Berliner Stadtteil Wedding als »Widerstandsplatz« ein. Dort wird an diesem Sonnabend im Gedenken an Besma Akinci ein Aktionstag – unter anderem mit einem Selbstbehauptungsworkshop – gegen Femizide stattfinden.

Nure Alkis ist Vorstandsfrau des Dachverbands des Ezidischen Frauenrats (SMJE) e. V.

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