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Aus: Ausgabe vom 15.04.2021, Seite 6 / Ausland
Pandemie in Indien

Coronahotspot Indien

Alarmierender Anstieg der Virusinfektionen. Impfkampagne stockt wegen US-Exportstopps. Vakzinproduktion nur fürs eigene Land
Von Thomas Berger
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Impfkampagne ist ins Stottern geraten: Coronatestzentrum in Patna am Sonntag

Indien entwickelt sich zum neuen Hotspot für die Ausbreitung des Coronavirus. Mit mehr als 13,8 Millionen Fällen liegt das Land in absoluten Zahlen nun vor Brasilien und hinter den USA. Die täglich gemeldeten Infektionszahlen hatten am Wochenende erstmals die Marke von 150.000 überschritten und lagen am Mittwoch nach offiziellen Angaben bereits bei mehr als 184.000. Die Impfkampagne kann damit nur ungenügend Schritt halten. Zwar wurden inzwischen laut Gesundheitsministerium 100 Millionen Dosen verimpft. Das Land brauchte dafür seit dem Impfstart am 16. Januar 85 Tage. Damit ist es sogar schneller als die USA und China, die 89 bzw. 102 Tage benötigten. Doch das Tempo, mit dem die Neuinfektionen zunehmen, alarmiert Experten und Politiker.

Vor einem Jahr konnte sich Premierminister Narendra Modi noch für schnelles und temporär erfolgreiches Durchgreifen loben lassen – zumindest dahingehend, dass mit dem am 23. März 2020 verhängten umfassenden Lockdown die weitere Verbreitung des Virus zunächst stark eingedämmt wurde. So radikal im Herunterfahren des Alltagslebens waren nur wenige andere Staaten: Selbst die Eisenbahn stellte zeitweise den Betrieb ein, ein Novum in der Geschichte des größten Staatsunternehmens. Das gesamte Verkehrswesen war lahmgelegt. Millionen von Wanderarbeitern saßen wochenlang fest und traten in höchster Not schließlich zu Fuß den Rückweg in ihre Hunderte Kilometer entfernten Heimatdörfer an.

Das Experiment, das Leben des 1,4-Milliarden-Volkes so weit herunterzufahren, dauerte knapp drei Monate. Anfang Juni sah sich Modi zur Aufhebung der landesweit geltenden Lockdownbestimmungen genötigt, und schon im Juli stiegen die Zahlen deutlich an. Im September erreichten sie mit bis zu 100.000 Neuinfektionen täglich einen vorläufigen Höhepunkt. Regionale Restriktionen in den am stärksten betroffenen Unionsstaaten konnten das Virus eindämmen, so dass die Werte wieder sanken. Die Freude über die Anfang des Jahres erreichten niedrigen Zahlen hielt indes nicht lange an. Ab der zweiten Märzhälfte war erneut ein Level erreicht, das Anlass zu Sorge bot.

Epizentrum ist nun abermals das bevölkerungsreiche Maharashtra mit der Wirtschaftsmetropole Mumbai. Allein auf diesen Unionsstaat entfielen zuletzt rund 40 Prozent der landesweit festgestellten Infektionen. Am Dienstag vermied es der Ministerpräsident von Maharashtra, Uddhav Thackeray, nach den schwerwiegenden Auswirkungen im vergangenen Jahr zwar, von einem neuerlichen Lockdown zu sprechen, er verhängte aber für die nächsten 15 Tage strenge Einschränkungen im gesamten Bundesstaat und schloss mit wenigen Ausnahmen auch die Industriebetriebe. In Metropolen wie Delhi, Mumbai und Lucknow stiegen zuletzt an den Bahnhöfen die Passagierzahlen deutlich an – Millionen Wanderarbeiter befürchten, bei kurzfristigen Entscheidungen erneut ihrer Heimreisemöglichkeiten beraubt zu werden.

Auffällig ist: Premier Modi hielt sich zuletzt mit öffentlichen Statements zurück, initiierte nur eine einwöchige Kampagne, die an strenges Beachten der Regeln erinnern soll. Das gilt auch für Kumbh Mela – das größte Hindu-Fest am Ganges. Absagen wollten die regierenden Hindunationalisten der BJP die weltweit größte religiöse Massenveranstaltung mit Rücksicht auf ihre Anhänger nicht. Während des zweimonatigen Festes werden bis zu 50 Millionen Gäste erwartet. Allein am Montag badeten 3,1 Millionen von ihnen im »heiligen Fluss«. Die vorgesehene Kontrolle von Negativtests war von Beginn an unmöglich.

Besorgniserregend zudem: Die Impfkampagne gerät ins Stottern. Beim Serum Institute of India in Pune – der weltgrößte Impfstoffproduzent stellt in Lizenz das Vakzin von Astra-Zeneca her – werden durch fehlende Zulieferungen infolge des US-Exportstopps einige Hilfsmittel knapp. Eine Folge ist, dass die indische Regierung kürzlich verfügte, mindestens bis Monatsende nur für den Verbrauch im Inland zu produzieren. Am Dienstag hat Neu-Delhi zwar, neben anderen Impfstoffen, auch dem russischen Vakzin »Sputnik V« eine Notfallzulassung erteilt, unmittelbar auswirken wird sich das jedoch nicht. Das faktische Ausfuhrverbot betrifft insbesondere die globale Covax-Initiative.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

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