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Aus: Ausgabe vom 12.04.2021, Seite 11 / Feuilleton
Handwerk

Voll in die Hose

Anspruch und Wirklichkeit: Miese Gitarrensoli
Von Frank Schäfer
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Große Geste: The Edge (l.) von U2 bekennt sich zum eigenen Dilettantismus

Als ich neulich mal in meiner Bezugsgruppe rumfragte, ob mir jemand ein völlig vergeigtes Gitarrensolo nennen könne, bekam ich viele Antworten. Jeder wusste ein anderes, jeder gute Gründe und Volker immerhin die Lacher auf seiner Seite: »Alle von Eric Clapton!«

Die praktizierende Akademikerfraktion hakte natürlich erst mal nach, was das denn sein solle, ein mieses Gitarrensolo. Etwa ein technisch misslungenes? Könne das nicht trotzdem oder gerade wegen seiner handwerklichen Defizite ästhetisch vollkommen sein?

Vielleicht. Ich dachte natürlich gleich an das heillos verbumfidelte Zweifingersuchsolo in dem U2-Song »Party Girl«. Schon im Studio klingt es nach Gitarrenklippschule, aber auf der Live-EP »Under A Blood Red Sky« greift The Edge, dieser bis unter die Hutschnur mit Elektronik gepimpte Lagerfeuerschrammler, eben noch viel fulminanter daneben und bringt diesen Leadgitarren-Offenbarungseid so erst richtig auf den Punkt.

Der Witz daran ist, dass Bono wohl so etwas erwartet hatte und live den Finger in die Wunde legt. »Guitar Hero«, kommentiert er das Geforkel seines manuell benachteiligten Kombattanten voller Häme. Und was macht The Edge? Er lässt das alles so stehen, gibt die Aufnahmen zur Pressung frei. Ein ehrlicheres, freieres Bekenntnis zum eigenen Dilettantismus wird man so schnell nicht finden. Es bleibt eine verhunzte Solodarbietung, aber was damit zum Ausdruck gebracht wird, ist eigentlich viel mehr wert.

Beim Leadgitarrenoutro der alten Stooges-Hymne »I Wanna Be Your Dog« sieht die Sache schon anders aus. Ron Asheton, dieser White-Trash-Quadratschädel mit rechtsradikalen Ambitionen, lässt sich schließlich doch zu ein paar Fuzz-Pralltrillern hinreißen und seine Gitarre so dermaßen auf den Hund kommen, wie es der Songinhalt verlangt. Deshalb halten auch einige das Gezerre für Kunst. Abgesehen davon, dass Asheton himself bei dem Wort »Kunst« seinen Wehrmachtrevolver entsichert hätte – es stimmt auch nicht. Das Solo ist eine bloße Anbiederung an die Konvention. Noch wesentlich hündischer wäre der Song gewesen, wenn der Reichskrawallmeister einfach weiter stumpf seinen Riff gedroschen hätte. Aber egal, seine Bemühungen fallen sowieso meistens dem Fadeout zum Opfer.

Noch überflüssiger, aber dafür um so prätentiöser ist das »Solo« in »I Was Made For Loving You«. Dieser etwas andere Kiss-Song wanzt sich einigermaßen schamlos an das Studio-54-Publikum heran und ist eigentlich schon wieder vorbei, als sich Paul Stanley plötzlich in seinem eigenen effeminierten Geheul suhlt, eine hoppelnde Bridge den Weg zum Ausgang künstlich verlängert und so tatsächlich noch einmal Erwartungen schürt, die dann Ace Frehley mit einer Handvoll Single Notes, mehr sind es wirklich nicht, quiekend enttäuscht. Anspruch und Wirklichkeit liegen hier so weit auseinander, das retardierende Moment schärft das Ohr und macht die Lücke so klaffend, dass man hier nur ernüchtert sein kann. Das Tragische dabei ist, dass wirklich keine der tanzenden Koks­nasen ein Solo vermisst hätte.

Von Space Ace erwartet keiner Wunderdinge, von einem Heldengitarristen wie Jimmy Page schon. Je größer die Fallhöhe, desto schmerzhafter der Sturz. In »Heartbreaker« von »Led Zeppelin II« will Page es allen so richtig zeigen. Um die ungeteilte Aufmerksamkeit zu bekommen, bringt er die Band kurzerhand zum Verstummen und schneidet aus diversen Viertel-Zoll-Bändern mit Leadparts ein Solo zusammen, das blöderweise völlig in die Hose geht. Er frickelt ungestüm drauflos, die eine Hand weiß nicht, was die andere macht, so etwas wie Timing findet nicht statt.

Eine vage Idee davon, was später Shredding heißen wird, blitzt hier auf – und erinnert mich an den Topos des fehlgeschlagenen Experiments in einem Science-Fiction-Streifen. Für Bruchteile von Sekunden materialisiert sich die neue Wunderwaffe, aber dann fällt alles wieder in sich zusammen, der Versuch muss abgebrochen werden, und der Mad Scientist entschuldigt sich mit hängenden Schultern beim fiesen Militär: »Wir brauchen mehr Zeit!« Der Uniformierte ist in etwa so wütend wie ich als Hörer: »Die haben wir nicht.«

Einmal mehr sorgt hier die uneingelöste Prätention für Unbehagen. Page stellt sich mitten in den Scheinwerferkegel, sonnt sich darin – und schlägt lang hin. Das kann einem Steve Vai natürlich nicht passieren. Auf Frank Zappas »Stevie’s Spanking« bekommt er seinen ersten großen Auftritt als Gitarrenzauberlehrling. Der Song ist ein bloßer Schaukasten, um Vai seine Kunststücke vorführen zu lassen, die albernen Lyrics erzählen im Kontrast dazu, wie er auf einem anderen Feld seine Unschuld verliert. Bei aller Ironie langweilt die repetitive Dauerjonglage bald, am meisten übrigens Zappa selbst, der irgendwie mitzuhalten versucht und nur stumpfes Gerödel zustande bringt. Ironisch natürlich. Spieltechnisch ist das alles State of the Art, aber der völlig selbstbezogene Manierismus stößt einem unangenehm auf. Hier beginnt das ödeste Kapitel der Rockgitarrengeschichte, in dem bald Typen wie Tony MacAlpine oder Yngwie Malmsteen die Hauptrolle zugedacht war.

Aber sogar in der unmittelbaren Nachbarschaft zum tiefergelegten Turbogitarrenspiel findet solistische Bräsigkeit statt, wie die beiden Gitarrenschwinger von Twisted Sister auf ihrem MTV-Burner »We’re Not ­Gonna Take It« beweisen. Die selbst für Glam-Metal-Verhältnisse totgedudelte Gesangsteil-Refrain-Folge verlangt irgendwann mal nach einer Mücke von Variation, aber da hat man die Rechnung ohne Eddie Ojeda und Jay Jay French gemacht, die in ihrer Solo-­Farce Ton für Ton die Gesangsmelodie nachäffen. Das ist so einfallslos, man wünscht sich fast Vollrohr-Onanisten wie Vai, Malmsteen, MacAlpine herbei.

Wirklich schlimm wird es aber, wenn ein Gitarrist ganz grundsätzlich von seinem Instrument überfordert ist wie George Harrison auf »All You Need Is Love«. Viel muss er wirklich nicht tun, eigentlich nur die Chormelodie mit zwei, drei Noten erweitern, aber er klingt, als übe er noch, verhaspelt sich, kommt aus dem Takt und bricht schließlich unmotiviert ab. Hat ja doch alles keinen Zweck. Er hätte so gut Kartoffeln schälen oder Briefe austragen können, aber er musste Gitarren spielen.

Ähnlich in die Hose geht Kerry Kings Gastsolo auf »(You Gotta) Fight For Your Right (To Party)« von den Beastie Boys, aber hier eben auch voll in Ordnung. Im Rahmen dieser Partysongparodie ist das schräg in den Schädel sich fräsende Gefiepe ein wirkungsvolles Mittel, um die obligatorischen Verrenkungen des Hair Metal lächerlich zu machen. Dass King genauso spielt, wenn er es ganz ernst meint, muss man wohl erwähnen. Auch im Slayer-Kontext hat man diesen vieltönigen Schrott ästhetisch zu überhöhen versucht. Seine und Jeff Hannemans Soli klängen nach den Schreien der Opfer, die sie in ihren Songs metzeln. Onomatopoetische Meisterleistungen also! Und da sage noch einer, Metaller hätten keinen Humor.

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