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Aus: Ausgabe vom 12.04.2021, Seite 10 / Feuilleton

Der Dozent und die Staatsoperette

Von Erwin Riess
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»Die Politik tut so, als würde sie die Ausbreitung des Virus bekämpfen, und die Bevölkerung tut so, als würde sie sich an die Vorschriften halten«

»Glauben Sie, dass Sie auch diesen Sommer mit dem Fahrrad ins benachbarte Ausland fahren können? Auf eine Bierkur nach Brünn oder in die Slowakei, um originalen Liptauer zu genießen? Oder nach Westungarn an den Plattensee, nach Tihany, wo auf der berühmten Halbinsel vorzügliche Fischsuppen kredenzt werden?« fragte Groll seinen Freund.

All diese Destinationen stünden auf seiner privaten Radklassikerliste. Er werde sie, eine nach der anderen, im Sommer abarbeiten, erwiderte der Dozent.

»Was machen Sie gegen Einreisebeschränkungen?«

»Ich teste mich am Tag der Abfahrt, und ich teste mich, bevor ich nach Wien zurückkomme.«

»Und dann gehen Sie in Quarantäne.«

»Ein Privatgelehrter befindet sich immer in Quarantäne.«

»Ich sehe, Sie sind entschlossen, den kommenden Sommer nicht zu verlieren«, meinte Herr Groll. »Ich verneige mich vor dieser konsequenten Haltung.«

»Zuviel der Ehre, werter Freund. Ich halte mich nur an meinen Kanzler. In seiner Osterbotschaft schenkte er allen Österreichern einen ungestörten Sommer. Also auch mir. Und sein Gesundheitsminister garantiert seit 13 Monaten, dass die jeweils nächsten zwei Wochen entscheidend für den Verlauf der Pandemie sein werden. Und er verspricht seit 13 Monaten eine Neueinschätzung der Lage mit allen Stakeholdern, denn dazu habe man sich committed. Von den ihm zustehenden Durchgriffsrechten für einen wirksamen Lockdown oder einer funktionierenden Impfstoffbeschaffung werde er so wie bisher keinen Gebrauch machen. Er habe sich dazu committed, sich von den Bundesländern, der Seilbahnwirtschaft, der FPÖ, den Anhängern von Verschwörungstheorien, der Hotellerie und dem rührigen Dachverband der Landesverbände der vereinigten Buschenschenken weiterhin auf den Kopf scheißen zu lassen, er trage seinen Ehrentitel ›der Mann mit der gnadenlosen Konzilianz‹, der ihm vom Kabarettisten Thomas Maurer verliehen wurde, mit Stolz und Demut. Wenn es sein müsse, entschuldige er sich für jeden Fehler, den er in der Pandemie begangen habe, und da seien viele passiert. Wenn es sein müsse, entschuldige er sich auch für seine Heimatregion Schwanenstadt-Vöcklabruck, einem von der Papier-, Zellstoff- und Autozulieferindustrie geprägten Raum in Oberösterreich, dafür, ihm eine lausige Schulbildung verpasst zu haben. Er könne das mit Bestimmtheit sagen, denn sein Vater sei Volksschuldirektor und ÖVP-Politiker in Schwanenstadt gewesen, wohingegen er mit seiner Berufswahl – er wurde Volksschullehrer – protestierte. Immerhin habe er sich als einer der ersten für die Grünen engagiert. Dass die nächsten 14 Tage entscheidend seien, habe er schon damals erkannt, als er gegen Atomkraftwerke, Donaukraftwerke und Flusskraftwerke an der Enns protestierte. Wer beim Beobachten des Weltuntergangs in der ersten Reihe fußfrei Platz genommen hat, dem bedeuten zwei Wochen nichts. Wenn es denn sein müsse, entschuldige er sich auch für seine Existenz, er sei Demütigungen gewöhnt wie den Gestank, der aus den Schornsteinen der heimatlichen Papier- und Faserhersteller quillt. Er sei in deren Schatten aufgewachsen und habe es immerhin bis nach Wien als Gesundheitsminister geschafft. Auf Ihre Frage nach meiner Zuversicht in die Maßnahmen der Coronabekämpfung antworte ich also zukunftsfroh: Wer bin ich, dass ich an den Aussagen der führenden Staatsmänner zweifle? Ich habe nichts zu verschenken außer meinem Vertrauen. Sollen die hohen Herren also mein Vertrauen haben. Ich habe ohnehin nie viel davon gehalten. Als freischaffender Kriminalsoziologe und Diener der Wissenschaft weiß ich nämlich sehr gut um die Begrenztheit der Ressource ›Vertrauen‹ Bescheid.«

»Also bereiten Ihnen auch die Demonstrationen von Coronaleugnern keine Sorgen?« sagte Herr Groll erstaunt.

»Keineswegs«, entgegnete der Dozent. »Sie sind Teil einer Staatsoperette, deren Libretto lautet: ›Die Politik tut so, als würde sie die Ausbreitung des Virus bekämpfen, und die Bevölkerung tut so, als würde sie sich an die Vorschriften halten.‹ Solange die beiden Pole einander halbwegs die Waage halten, kann die Inszenierung gut noch ein, zwei Jahre im Repertoire bleiben.«

Er habe diese Sprachfigur schon einmal gehört, wisse aber nicht wo, meinte daraufhin Herr Groll. Er solle von ihm keine Antwort erhoffen, erwiderte der Dozent.

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