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Aus: Ausgabe vom 12.04.2021, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Doch wo sind die Tentakel?

Macht und Mechanismen: Der Roman »Revolution« und das postsowjetische Moskau
Von Angelo Algieri
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Steig ein, ich will dir was zeigen … Für German geht’s mit dem Bentley in die Unterwelt

»Eine Beichte erleichtert die Seele«, schreibt Protagonist und Ich-Erzähler Michail Alexejewitsch German, der seiner Exfreundin Olja erklärt, warum er sich von ihr Jahre zuvor hat trennen müssen. Und diese Beichte, gerichtet an Olja, bildet die Erzählperspektive des Romans »Revolution« des gebürtigen belarussischen Autors Viktor Martinowitsch. Der Roman hat bereits für Aufsehen gesorgt, da er online in Belarus nicht mehr angeboten werden darf und in seinem dortigen Verlag Exemplare konfisziert wurden. Nicht das erste Mal, dass der Autor und sein Verleger Probleme mit dem Staat bekommt: Sein Debütroman »Paranoia« wurde 2009 in seiner Heimat verboten.

Zurück zu seinem Drittlingswerk »Revolution«: Der unscheinbare Architektursemiotiker German, der an einer Moskauer Privathochschule lehrt, gerät in einen »Autounfall«. Sein Lada rammt einen Jaguar. Der Beschädigte verlangt 50.000 Dollar innerhalb von fünf Tagen. Falls er sie nicht aufbringe, drohen ihm Gewalt und Gefängnis. Der verängstigte German kann dieses Geld nicht auftreiben. Er fürchtet, dass seine Tage nun gezählt sind. Doch kurz vor Ablauf des Ultimatums bieten ihm zwei Herren den Betrag an. Der Haken: Er müsse in ihren »Freundeskreis« eintreten. German stimmt zu. Schon bald beauftragt ihn dieser »Kreis«, Personen zu treffen und abzuholen, Botendienste zu erledigen, vor Gericht als vermeintlicher Zeuge aufzutreten – und Menschen umzubringen. Sein Lohn: ein Protzwagen, der ihm auf der Straße quasi Immunität verschafft. Er wird zum Dekan, später zum Prorektor der Hochschule befördert – ohne dass German zuvor informiert wird, was zu absurden Szenen führt. Auch innerhalb des »Freundeskreises« steigt er auf. Dessen Chef Batja hält ihm Vorträge über Macht und ihre Mechanismen, in Anlehnung u. a. an Nietzsche, Machiavelli und Freud. Schließlich fordert der »Kreis« einen weiteren Tribut: Er soll sich von seiner Freundin Olja trennen. Sie passe nicht mehr zu seiner einflussreichen Rolle, da sie nur eine einfache Bedienung sei. Vor Wut plant German innerhalb des »Kreises« eine Revolution. Gelingt ihm das?

Der 43jährige Schriftsteller Martinowitsch gibt einen Eindruck davon, wie einflussreiche Hintergrundmänner die Moskauer Welt Ende der nuller Jahre nach ihrem Gusto lenkten. Dieser »Freundeskreis« erinnert an kriminelle »Kryschi« (»Dächer«): Bruderschaften, die mafiaähnlich organisiert sind und Menschen aus verschiedenen Schichten vereinigen. Batjas »Kreis« stützt sich zudem auf sehr viel Geld und verlangt bedingungslosen Gehorsam.

Natürlich kann dieser Text als Kritik an der gemeinsamen Herrschaft von Oligarchen und mächtigen Politikern verstanden werden und stellt die brisante Frage, wer eigentlich die Macht in Russland hat. Wobei Martinowitsch mehr der Frage nachgeht, wie diese Macht im Zwischenmenschlichen funktioniert. Anders als etwa Roberto Saviano in »Gomorrha« in bezug auf Italien, vernachlässigt Martinowitsch den sozioökonomischen Nährboden, auf dem diese skrupellosen Organisationen gedeihen: Turbokapitalismus, soziale Ungleichheit, Perspektivlosigkeit, Staatsversagen. Außerdem verpasst Martinowitsch die Gelegenheit, besser darzustellen, wie der »Kreis« seine Tentakel in unterschiedliche Felder – Politik, Wirtschaft, Geheimdienste, Militär – ausbreitet, wie es beispielsweise Fabrizio Gatti in »Der amerikanische Agent« schildert. Vor allem aber überzeugt Martinowitschs Text auf literarischer Ebene nicht. Der Roman ist sehr geschwätzig, viel zu lang, fast unerträglich langweilig. Außerdem sind zwar viele interessante Zitate und Referenzen zu entdecken – von Michail Bulgakows »Der Meister und Margarita« bis hin zu Musikgrößen wie Prodigy und Alexander Rosenbaum –, doch kommen sie oft plakativ und pädagogisch daher. Kurz: Martinowitschs »Revolution« hätte mutiger, prägnanter und reflektierter sein können. Eine verpasste Chance!

Viktor Martinowitsch: Revolution. Aus dem Russischen von Thomas Weiler. Voland & Quist, Berlin/Dresden 2021, 396 Seiten, 24 Euro

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