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Aus: Ausgabe vom 09.04.2021, Seite 16 / Sport
Wintersport

Medaillen kennen kein Geschlecht

Eine pekuniäre Nachlese der Wintersportsaison
Von Andreas Müller
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Ignorieren Sie den Oberlippenbart, hier geht es ums Geld! Eva Samkova mit einer Glastrophäe

Während die Wintersportsaison für Normalos wegen der Pandemie komplett ausfiel, durften die Spitzenathleten praktisch ungehindert Woche für Woche ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen – und bescherten den »Livestrecken in Weiß« der öffentlich-rechtlichen Sender an die zehn Prozent mehr Zuschauer. Wobei es dort beim Schlussakkord zum vorolympischen Winter nur noch um Kugeln ging. Kleine Kugeln für die Disziplinbesten, große Kugeln für die Sieger im Gesamtweltcup. Pausenlos ging es um Kugeln. Fehlten nur noch Schalten nach Bodenmais oder in einen anderen prominenten Ort der Glaspokalherstellerkunst.

So bekam der geneigte Fernsehzuschauer zuletzt in schöner Regelmäßigkeit den Eindruck, die Protagonisten würden ausschließlich nach kugelrunden Trophäen schielen, wenn sie waghalsig von Schanzen springen, auf Eisplatten lebensgefährlich steile Pisten hinabrasen oder mit einem Gewehr auf dem Rücken durch Winterwälder keuchen. Summen, Siegprämien, Saisonerlöse wurden wie gewöhnlich kaum einmal erwähnt. Das Geschäftliche wird von den Kommentatoren gern unterschlagen und auch von den mittlerweile zur Legion angeschwollenen Experten oder Komoderatoren tunlichst nicht berührt. Statt dessen stete Wortkaskaden über Meter, Bruchteile von Sekunden, Schießfehler, Haltungsnoten, Anschiebe- und Zwischenzeiten, doch über Geld keine Silbe!

Vielleicht würde sich der Zuschauer bei genauerer Kenntnis der pekuniären Seite des Wintersports die Augen reiben und den weitverbreiteten Glauben daran verlieren, die Akteure in Eis und Schnee würden ausschließlich wegen des Spaßes am Sport an den Start gehen, dürften gar als lupenreine Amateure gelten. Wäre es schon Neid, wenn nüchtern darüber informiert würde, dass jüngst bei den nordischen Skiweltmeisterschaften in Oberstdorf der Weltverband FIS und die Organisatoren gemeinsam ein Gesamtpreisgeld von knapp 950.000 Schweizer Franken (ca. 861.600 Euro) ausbezahlten? Skispringer Karl Geiger wurde für Silber von der kleinen Schanze und Bronze von der Großschanze mit zusammen knapp 29.000 Schweizer Franken (ca. 26.300 Euro) belohnt. Hinzu kam sein Anteil für die Goldmedaille im Mixed- sowie im Teamwettbewerb bei den Herren, wobei für die ersten drei Mannschaften insgesamt 70.000 Franken (ca. 63.400 Euro) zur Verfügung standen. Ähnlich liegen die Dimensionen im Biathlon, wo der Einzelsieg bei einem der vielen Weltcups schon vor zwei Jahren mit 15.000 Euro vergütet wurde und ein Staffelerfolg mit 24.000 Euro – macht pro Nase 6.000 Euro.

Die Könige des Wintersports freilich sind die alpinen Rennläufer, für die in einer Weltcupsaison bei Frauen wie Männern mittlerweile Gesamtprämien jenseits der Marke von vier Millionen Euro ausgeschüttet werden. Allein seine beiden Abfahrtssiege auf der »Streif« im Januar hatten dem Schweizer Beat Feuz 133.000 Euro beschert. Die NZZ errechnete Anfang März, dass Lara Gut-Behrami als Großverdienerin des Winters 2020/21 485.000 Franken (ca. 439.900 Euro) an Prämien eingenommen hat. Die Tessinerin lag in der Geldrangliste deutlich vor der Tschechin Petra Vlhova und Mikaela Shiffrin aus den USA, die bis Anfang März 391.500 Franken (ca. 355.100 Euro) und 340.900 Franken (ca. 309.200 Euro) einfuhren – und damit mehr als der zu diesem Zeitpunkt im Gesamtweltcup Führende Vincent Kriechmayr aus Österreich mit einem Preisgeld von gut 335.000 Franken. Welch eindrucksvolles Beispiel für gendergerechte Bezahlung im kommerziellen Sport.

Apropos. Bei Olympischen Spielen schüttet die Stiftung Deutsche Sporthilfe für eine Goldmedaille geschlechtsunabhängig an die Athletinnen und Athleten traditionell 20.000 Euro aus. Nur zur Orientierung, wenn bei den Olympischen Winterspielen im kommenden Jahr vom 4. bis 20. Februar in Beijing bei Siegerehrungen die schwarz-rot-goldene Flagge ganz nach oben gezogen werden sollte. Ein Siegestaumel wie in Jahren, als die Bundesrepublik unangefochten das olympische Winterranking anführte, scheint aber eher unwahrscheinlich. Sportarten wie Eisschnelllaufen oder Eiskunstlaufen, das vormals als »Straßenfeger« galt und heute zur WM-Zeit bei One zumindest noch streckenweise live übertragen wird, sind vollends in der Versenkung verschwunden. In den Loipen steht in Beijing ebenfalls nicht viel zu erwarten. Die deutschen Biathleten scheinen ihre medaillenträchtige olympische Ära mittlerweile hinter sich zu haben. Selbst für die erfolgsverwöhnten Nordisch-Kombinierten sind Medaillen keine Selbstverständlichkeit mehr. Immerhin könnten sie in Beijing einige davon gewinnen, genauso wie die Alpinen und die Draufgänger in den relativ neuen olympischen Disziplinen der Freestyler oder in der Halfpipe.

Bleiben als größte Olympiahoffnungen die Sparten Bobsport, Rennrodeln und Skeleton. Hier haben die bundesdeutschen Leistungssportler einen einzigartigen Wettbewerbsvorteil. Keine andere Nation kann so viele erstklassige Eisschlangen aufbieten, wie sie in Altenberg (Sachsen), Berchtesgaden (Bayern), Oberhof (Thüringen) und Winterberg (Nordrhein-Westfalen) vorhanden sind – ein Viertel des internationalen Gesamtbestandes. Ob man sich diesen Luxus weiterhin leisten kann und will, ist eine der kniffligen sportpolitischen Fragen der sogenannten Leistungsportreform. Das zuständige Bundesinnenministerium (BMI) mag das Thema und die dazugehörige Kosten-Nutzen-Rechnung seit Jahren nicht so recht anfassen oder gar öffentlich diskutieren. Es ist heikel, es ist sensibel, es geht ums liebe Geld. Darüber redet man ungern, im BMI wie bei den Wintersportübertragungen im TV.

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