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Aus: Ausgabe vom 09.04.2021, Seite 11 / Feuilleton
Corona

Ein Hund auf dem Forum der Einsamkeit

Klassiker für durchseuchte Zeiten: Baudelaires Hirnmauke und ein Geist wie die Syphilis
Von Peer Schmitt
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»Alles, was an einer Stadt scheußlich ist«: Das »Cholerablatt« von Honoré Daumier

Die große Pariser Choleraepidemie von 1832 erlebte der an diesem Freitag vor 200 Jahren geborene und beim Ausbruch der Seuche etwa zehnjährige Charles Baudelaire nicht vor Ort. Seine Familie zog im selben Jahr nach Lyon. 1828 hatte sich seine seit dem Vorjahr verwitwete Mutter Caroline ein zweites Mal verheiratet. Baudelaires leiblicher Vater Joseph-François Baudelaire, ein Theologe und Kunstsammler, der eine kurze Zeit das Priesteramt ausgeübt hatte (für Baudelaire einer der Gründe für sein privatmythologisches »Verfluchtsein«), war mehr als doppelt so alt wie seine Frau gewesen. Charles soll, so die Überlieferung der Biographen, seine lebenslange »Nervenschwäche« eben auf diesen Umstand zurückgeführt haben: »Das kommt dabei heraus, wenn man das unausgeglichene Kind einer 27jährigen Mutter und eines 62jährigen Vaters ist.«

Sein Stiefvater Jacques Aupick, ein hochrangiger Militär und Diplomat, ein Selfmademan mit britischen Wurzeln, der durch seine Erfolge bei Feldzügen in Spanien und Algerien Karriere gemacht hatte, wurde als Stabschef der 7. Kriegsdivision nach Lyon versetzt. Vermutlich, um als kriegserfahrener Offizier in der politisch aufgewühlten Industriestadt ein wenig für Ruhe zu sorgen. 1831 hatte es in der Folge der Wirtschaftskrise und der Julirevolution von 1830 dort weiterhin offene Straßenkämpfe gegeben. Die Arbeiter in den Seidenfabriken rebellierten.

Baudelaire kehrte erst 1836 als Schüler nach Paris zurück. Das Betragen des »verfluchten«, nicht vollkommen legitimen Stiefsohns der imperialen Bourgeoisie ließ dort von Beginn an zu wünschen übrig. Paris sollte er mit Ausnahme einer auf der Insel Mauritius abgebrochenen Reise nach Indien 1841 und seiner unglückseligen »Flucht« nach Belgien gegen Lebensende 1864 nur noch selten länger verlassen.

Anders als sein Geistesverwandter Edgar Allan Poe (»ich habe einen amerikanischen Autor entdeckt, der in mir eine außergewöhnliche Sympathie auslöste«, schrieb er im März 1852 an seine Mutter) war Baudelaire nicht direkt von der Cholera betroffen. Er näherte sich der Krankheit in seiner Eigenschaft als Kunstkritiker und Bewunderer des Karikaturisten Honoré Daumier (1808–1879). Im diesem gewidmeten Kapitel seines Essays »Einige Karikaturisten Frankreichs« (1857) stellt Baudelaire Blüte und Fieber der Karikatur zunächst in den Kontext der Julirevolution:

»Die Revolution von 1830 verursachte, wie jede Revolution, ein Karikaturenfieber (une fièvre caricaturale). Es war für die Karikaturen wahrlich eine schöne Zeit (une belle époque). In diesem erbitterten Kampf gegen die Regierung und besonders gegen den König war alles Feuer und Flamme (tout cœur, tout feu).«

Man war mit ganzem Herzen dabei. Das »Cholerablatt« (Walter Benjamin, »Passagenwerk«) findet Baudelaire dann in einem ziemlich obskuren Werk aus dem Jahre 1840:

»Daumier hat sein Talent bei tausenderlei Gelegenheiten verzettelt. Beauftragt, eine reichlich schlechte medizinisch-poetische Veröffentlichung, die ›Némésis médicale‹ zu illustrieren, machte er wunderschöne Zeichnungen. Die eine davon befasst sich mit der Cholera und stellt einen Ort irgendwo auf der Straße dar, der übergossen, durchtränkt von Hitze und Licht ist. Der Pariser Himmel, getreu seinen ironischen Gewohnheiten bei schweren Plagen und großen politischen Tumulten (dans les grands fléaux et les grands remue-ménages politiques), der Himmel, wie gesagt, ist prachtvoll, er ist weiß, glühend weiß vor Brand. Die Schatten sind schwarz und scharf umrissen. Der Leichnam liegt quer vor einer Tür. Eine Frau tritt eiligst ein und hält sich Mund und Nase zu. Der Platz ist verlassen und brennend heiß, einsamer als ein volkreicher Ort, aus dem ein Aufstand eine Einöde machte. Im Hintergrund zeichnen sich traurig die Umrisse von zwei oder drei mit komischen Mähren bespannten Leichenwagen ab, und in der Mitte dieses Forums der Einsamkeit beschnuppert ein armer verirrter Hund ziellos und gedankenlos, mager bis auf die Knochen, mit eingezogenem Schwanz das ausgetrocknete Pflaster.«

Der Himmel strahlt bei Aufruhr und biblischen Plagen. Baudelaire widmet sich wie so oft kurz dem Olfaktorischen und dem Geschmack (»sich Mund und Nase zuhalten«), sein Blick auf das Groteske ist aber natürlich der des streunenden Deklassierten, des räudigen Köters. Auch Daumier ist ein Geistesverwandter. Er sieht »alles, was an einer Stadt scheußlich ist«, um gerade darin Schönheit zu entdecken. Das ist beinahe schon der ganze Trick. Er fasst es im (versifizierten) »Epilog« seiner Prosagedichte selbst zusammen:

»Von wo man die Stadt in ihrem Ausmaß betrachten kann / Spital, Bordell, Purgatorium, Hölle, Kerker, / wo jede Ungeheuerlichkeit blüht wie eine Blume.« (»D’où l’on peut contempler la ville en son ampleur, / Hôpital, lupanars, purgatoire, enfer, bagne, / Où toute énormité fleurit comme une fleur.«)

Baudelaires eigene Krankheit – seine Nervosität, sein Phlegma, seine Depressionen und Halluzinationen: seine »Hirnmauke« – war vermutlich die Syphilis. Er hatte sie sich, mutmaßen die Biographen, wohl als entlaufener Student vor Antritt seiner abgebrochenen Orientreise 1841 geholt. In seiner letzten Lebensphase assoziierte er dann die Krankheit im wesentlichen mit seinem absoluten Feindbild: Belgien.

Er hatte sich 1864 auf der Flucht vor seinen zahlreichen Gläubigern und auf der Suche nach einem neuen Verleger für eine Neuauflage der »Blumen des Bösen« in Brüssel niedergelassen. Das Verfassen von Schmähgedichten und fragmentarischen Schmähschriften auf das Land und seine Bewohner sind fortan seine Hauptbeschäftigung. Die »belgische Zivilisation« bestehe aus Suff und Syph: »Der Belgier ist sehr zivilisiert … Er ist syphilisiert«.

Belgien ist der Ort seines geistigen und schließlich auch physischen Zusammenbruchs. Gleichsam das Spiegelbild der eigenen Zerrüttung. Baudelaire ist einsam, wunderlich, todkrank und nicht zuletzt auch ziemlich reaktionär geworden. Ohnehin war, wie der Kunsthistoriker T. J. Clark schreibt (»Der absolute Bourgeois – Kunst und Politik in Frankreich 1848 bis 1851«), die 1848er Revolution, bei der er auf die Barrikaden ging, letztlich eine »eher persönliche Angelegenheit«. Auf den Barrikaden wollte er vor allen seinen Stiefvater füsilieren lassen.

Es sind auch die, wenn man so will, pathologischen Belgien-Fragmente, die Walter Benjamin den Ungeheuerlichkeiten der Baudelaire-Rezeption des Stefan-George-Kreises entgegenhielt (»Baudelaire unterm Stahlhelm«):

»Die Feststellung beispielsweise, dass ›das Vordringen des demokratisch-freiheitlichen Geistes mit dem Vordringen der Lustseuche Hand in Hand ging‹, wird der Leser sobald nirgend sonst finden. Es sei denn, er hätte das Pamphlet Baudelaires gegen Belgien zur Hand und stieße auf den erschütternden Schlusssatz des Dichters, der in jenen Monaten keinen Zweifel über die Natur seiner Krankheit mehr hegen konnte: ›Wir haben den Republikanischen Geist in den Adern wie wir die Pocken in den Knochen haben. Wir sind demokratisiert und syphilisiert.‹« (»Nous avons tous l’esprit republicain dans les veines, comme la vérole dans les os, nous sommes démocratisés et syphilisés.«)

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