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Aus: Ausgabe vom 09.04.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Maritime Wirtschaft

Verzicht auf Route

Containerreedereien: Kritik an Handelsschiffahrt durch arktische Gewässer
Von Burkhard Ilschner
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Hamburg: Trotz des starken Umschlagrückgangs 2020 wird der Hafen von internationalen Containerreedereien oft angesteuert

Die tagelange Blockade des Suezkanals kurz vor den Osterfeiertagen und die mutmaßlich noch Wochen anhaltenden Folgepro­bleme des dabei entstandenen Staus – knapp 400 Schiffe hatten beidseitig der Kanalzufahrten warten müssen – haben die Debatte um das Wie und Wo des globalen Seetransports neu entfacht. Die Schweizer Reederei Mediterranean Shipping Company (MSC), nach dem dänischen Marktführer Mærsk zweitgrößte Containerreederei der Welt, hat dies jetzt zum Anlass genommen, ihre Ablehnung arktischer Schiffahrtsrouten zu bekräftigen: Eine Suche nach neuen Navigationsrouten als Alternative zum Suezkanal, so wurde in einer Konzernmitteilung vom 1. April das für Meerespolitik zuständige Vorstandsmitglied Bud Darr zitiert, klinge wie »der ignorante Ehrgeiz eines Forschers aus dem 18. Jahrhundert«.

MSC bestätigt damit nachdrücklich eine Position, zu der die Reederei sich bereits Ende 2019 verpflichtet hatte: Damals war von der in den USA beheimateten Meeresschutzorganisation »Ocean Conservancy« gemeinsam mit mehreren Mode- und Sportartikelherstellern – unter anderem Nike, Puma, H & M, Ralph Lauren – eine Initiative gestartet worden, in der Produzenten und Logistiker sich verpflichteten, auf Transporte durch arktische Gewässer zu verzichten. Das »Arctic Shipping Corporate Pledge« hatten seinerzeit auch mehrere große Reedereien unterzeichnet, neben MSC der französische Konzern CMA CGM, die teilstaatliche Hamburger Hapag-Lloyd sowie die – aus jüngsten Schlagzeilen bekannte – taiwanesische Evergreen. Auch der deutsche Logistikkonzern Kühne + Nagel ist mit dabei.

Die Selbstverpflichtung beinhaltet den Verzicht auf jedwede Handelsschiffahrt durch arktische Gewässer aus Gründen des Umwelt- und vor allem des Klimaschutzes. Schiffsverkehr, so die Argumentation, würde Rußemissionen verstärken und Luftqualität beeinträchtigen und so den Rückgang arktischen Meereises beschleunigen. Hinzu kämen mögliche Havarien oder Ladungs- und Treibstoffverluste, die das ökologische Gleichgewicht oder die biologische Vielfalt des sensiblen arktischen Meeres gefährden könnten. Diese Risiken, wurde in der aktuellen Stellungnahme von MSC unterstrichen, wögen schwerer als die kommerziellen Vorteile einer Abkürzung für die Schiffahrt zwischen Nordamerika, Europa, Ostrussland oder Asien. Dies sei, wurde Vorstandsvorsitzender Søren Toft zitiert, »eine Position, die die gesamte Schiffahrtsbranche einnehmen muss«. Die Ausbeutung der arktischen Route bedeute »einen ungerechtfertigten Schritt in die falsche Richtung«, das dürfe in der aktuellen Debatte über die Auswirkungen von Corona­pandemie oder Blockade des Suezkanals auf die Lieferketten nicht übersehen werden. Hapag-Lloyds Nachhaltigkeitsexperte Jörg Erdmann formulierte jüngst deutlich: Solange es keine Garantie gebe, dass die arktischen Passagen ohne negative Auswirkungen auf die Umwelt befahren werden könnten, komme ihre Verwendung für Hapag-Lloyd nicht in Frage.

Unklar ist die Haltung der Großreederei Mærsk: Die Dänen hatten bereits ab 2018 erste Schiffe über die Nordostpassage verkehren lassen und zählten 2019 nicht zu den Erstunterzeichnern des »Arctic Shipping Corporate Pledge«. Zwar meldete kürzlich das maritime Portal Hansa, Mærsk gehöre mittlerweile zu den Unterstützern, eine Bestätigung gibt es dafür aber bisher nicht. Skurril wirkt die Tatsache, dass der heutige MSC-Chef Søren Toft einst als Vorstandsmitglied bei Mærsk zurückgetreten war just nach dem Start der Arctic-Pledge-Initiative – über einen Zusammenhang ist aber nie berichtet worden.

Unterdessen bereitet die Internationale Seeschiffahrtsorganisation (IMO), eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen mit Sitz in London, ein Verbot klimaschädlicher Treibstoffe in arktischen Gewässern vor. Umweltorganisationen hingegen mahnen schärfere Regeln an als die derzeit geplanten.

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