Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Sa. / So., 17. / 18. April 2021, Nr. 89
Die junge Welt wird von 2503 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 09.04.2021, Seite 8 / Ansichten

Schönrechnen hilft nicht

Quatsch aus Wiesbaden
Von Steffen Stierle
imago0106314479h.jpg
Von wegen ökonomisch stabil: Viele aus der Statistik müssen das Kleingeld zusammenkratzen

Gute Nachrichten vom Statistischen Bundesamt: Uns Deutschen geht es prima! Die Beschäftigten profitieren von rasant steigenden Löhnen – 28,5 Prozent Zuwachs seit 2010! Auch die Geldbörsen der Rentner werden immer dicker – 25,7 Prozent Rentenplus seit 2010 im Westen, 37,7 Prozent im Osten.

Das erinnert an die Zeit des großen Sozialkahlschlags der späten 1990er und frühen 2000er Jahre, als die ständige Verschlechterung der Lebenslage der Bevölkerungsmehrheit in der Alltagswahrnehmung offensichtlich war, während ständig irgendwelche Daten breitgetreten wurden, die das Gegenteil behaupteten. Der Trick ist nicht schlecht, schließlich lässt sich für alles die passende Statistik finden, und wenn die Menschen glauben, es geht bergauf, ist jeder selbst schuld, wenn es bei ihm bergab geht.

Nun gilt es, die verheerenden sozialen Folgen der Coronakrisenpolitik zu kaschieren. Insgesamt sind die Löhne deutlich rückläufig, wobei die kleinsten Einkommen am stärksten schrumpfen. Die Rentner wurden durch das Arbeitsministerium bereits auf eine weitere Nullrunde im laufenden Jahr eingestimmt. Macht ja nichts, wenn es mal ein bisschen zurückgeht, schließlich läuft es seit zehn Jahren bombig, sollen uns die Zahlen aus Wiesbaden lehren.

Nur ging es in den vergangenen zehn Jahren keineswegs steil bergauf. Dass es überhaupt Lohnsteigerungen gab, muss vor dem Hintergrund jahrzehntelanger Lohnstagnation betrachtet werden. Zwischen 2000 und 2010 sind die Erwerbseinkommen infolge »rot-grüner« Arbeitsmarktpolitik sogar deutlich gesunken, während sie im Rest der EU zulegten. Das deutsche Lohndumping war eine wesentliche Ursache der Euro-Krise. Auch ab 2010 sind die Einkommen keineswegs üppig gestiegen. Immerhin addiert sich im fraglichen Zehnjahreszeitraum die Inflation auf 14,1 Prozent, die aus Seriositätsgründen von der präsentierten 25,7-Prozent-Lohnsteigerung abzuziehen sind.

Entsprechend ist die heutige Lage alles andere als rosig: 21 Prozent der Beschäftigten arbeiten im Nie­driglohnsektor – Platz zwei im EU-Vergleich. Acht Prozent der Löhne liegen unterhalb der Armutsgrenze. Das durchschnittliche Rentenniveau liegt bei gerade einmal 51,9 Prozent des vorherigen Einkommens, während es im Schnitt der Industrieländer 58,6 Prozent sind. Vergleichsländer wie die Niederlande oder Österreich weisen sogar Raten von 80,2 bzw. 89,9 Prozent aus. Mittlerweile sind mehr als 15 Prozent der Senioren in der BRD von Armut betroffen – Tendenz stark steigend.

Nein, die gegenwärtigen Lohn- und Realrentensenkungen sind keine Kleinigkeit, die man nach zehn fetten Jahren locker wegstecken kann. Sie treffen Millionen Menschen in prekären Lebenslagen mit voller Wucht. Diese Menschen werden im Regen stehengelassen, während die Wirtschaft mit Milliardenhilfen über die Krise gebracht wird. Das lässt sich nicht schönrechnen.

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

Polizei vor Kiezkneipen- oder Waldschützern, Instagram vor linken Bloggern, Geheimdienste vor Antifaschisten? Oder eher andersherum? Die Tageszeitung junge Welt entlarvt jeden Tag die herrschenden Verhältnisse, benennt Profiteure und Unterlegene, macht Ursachen und Zusammenhänge verständlich.

Unverbindlich und kostenlos lässt sich die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) probelesen. Abbestellen nicht nötig, das Probeabo endet automatisch.

Debatte

  • Beitrag von Jürgen R. aus E. (10. April 2021 um 10:42 Uhr)
    Magie der nackten Zahlen

    Wenn man von der impliziten Relativierung durch die Kennziffer »Rentenniveau« absieht und statt dessen die absoluten Zahlen vergleicht, wird die fatale Entwicklung der Exportweltmeister noch sehr viel deutlicher. Vor wenigen Jahrzehnten durften sie sich noch zu den wohlhabendsten der Welt zählen.

    Nicht nur der »rot-grüne Sozialkahlschlag« (Danke an Istvan Hidy) oder dessen Forcieren in der Merkel-Ära sind Gründe hierfür. Auch die leider manchmal nur scheinbar linke Opposition, wie durch Die Linke repräsentiert, trägt Mitverantwortung für diesen dramatischen sozialen Abstieg der Deutschen. Viel zu bereitwillig hat sie sich für eine vielschichtig zynische und im Kern menschenverachtende Migrationspolitik einspannen lassen. Diese von Merkel ins Groteske ausgeweitete Politik hat natürlich direkte soziale Folgen, nicht nur hier, auch in den Herkunftsländern.

    Diese Politik ist auch Teil einer im Kern faschistischen Ideologie, des Antinationalismus. Dieser dient ausschließlich der nachhaltigen Zerschlagung von Nationen, welche wichtige Strukturen sozialer und politischer Unabhängigkeit sind, um freie Fahrt für den Globalismus zu schaffen, den modernen und vielleicht gefährlichsten Faschismus aller Zeiten. Denn er strebt nicht nur nach absoluter geopolitischer Herrschaft, sondern auch in die Tiefe, nach totaler Überwachung und Manipulation jeglichen freien Denkens.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Roland Winkler, Aue: Selbstgerechte Logik Rente ist immer ein beliebtes Thema. Vor allem, wenn es darum geht, dem Volke klar zu machen, dass sie nicht mehr finanzierbar ist. Schöngerechnet wurde immer. Ohne zu lügen, zu betrügen, zu täuschen,...
  • Istvan Hidy: Traue keiner Statistik Der Grundsatz lautet: Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Zwischen 2000 und 2010 sind die Erwerbseinkommen infolge »rot-grünen« Sozialkahlschlags und einer entsprechenden Arbei...
  • Heinrich Hopfmüller: Arme Abgeordnete Denkt doch auch an die notleidenden Bundestagsabgeordneten! Es ist bekannt, dass ihre Diäten an die Reallohnentwicklung »angebunden« sind – wie auch die DRV-Renten. Wie man lesen konnte, wäre deshalb ...
  • alle Leserbriefe

Ähnliche:

  • Wiesbadener Theaterbeschäftigte am Mittwoch im Ausstand...
    08.03.2013

    Braut ohne Kulissen

    Auch in Hessen kam es zu Warnstreiks im öffentlichen Dienst. Am Staatstheater in Wiesbaden gab es deshalb kein Bühnenbild, in Darmstadt fiel eine ganze Vorstellung aus
  • Ein-Euro-Jobber als billige Alternative zum städtischen...
    06.06.2011

    Klagen gegen Ein-Euro-Jobs

    Bundessozialgericht stärkt Hartz-IV-Kritiker und Gegner von »Arbeitsgelegenheiten«. Die IG BAU hat ihre Mitglieder zu rechtlichen Schritten aufgerufen

Regio:

Mehr aus: Ansichten