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Aus: Ausgabe vom 09.04.2021, Seite 5 / Inland
Ausbeutung im Schlachthof

Mit allen Mitteln

Fleischindustrie versucht mit Tricksereien bessere Bedingungen für Beschäftigte zu vermeiden
Von Bernd Müller
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Gebraucht und schlecht bezahlt: Arbeiter an Schlachthöfen (Garrel, 4.2.2019)

In der Fleischindustrie rumort es weiter. Das Aus für Werkverträge in der Branche hat einiges verändert, aber aus Sicht des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) muss noch viel getan werden. In der Kritik stehen neben der Wohnsituation von vielen Beschäftigten die geringen Löhne. Szabolcs Sepsi ist für die DGB-Beratungsstelle »Faire Mobilität« in Dortmund tätig. Gegenüber dpa sagte er am Donnerstag, er höre noch immer oft, dass Beschäftigte beengt wohnen müssten – teilweise zu sechst in einer Wohnung mit drei Räumen. Und dafür müsse jeder von ihnen 190 bis 200 Euro Miete im Monat zahlen. Wohnungen wurden zudem noch nicht renoviert, obwohl einige Unternehmen eigens Programme dafür aufgelegt hätten.

Viele der Arbeiter in der Branche kommen aus Osteuropa. Wollen sie ihre Familien nach Deutschland holen, stehen sie vor dem nächsten Problem: Sie müssen sich selbst um eine Wohnung kümmern, aber Wohnraum ist nicht nur teuer, sondern auch knapp. »Wenn Sie rumänischer Arbeiter in der Fleischindustrie sind mit Mindestlohn, dann sind Sie nicht der ideale Kandidat des Vermieters«, sagte Sepsi.

Auch die Tarifauseinandersetzung sei unter den Beschäftigten ein großes Thema. Ende März waren die Tarifparteien zum dritten Mal ohne Ergebnis aus­einandergegangen. Die Verhandlungen seien selbst in der rumänischen Presse ein Thema gewesen, so Sepsi. Die Forderung nach einem Mindestlohn von 12,50 Euro pro Stunde werde von den Menschen geteilt – ebenso die Forderung nach 17 Euro für Facharbeiter.

Die Kapitalseite hatte die Forderungen als »realitätsfern und existenzgefährdend« bezeichnet und abgelehnt. Ein Stundenlohn von 10,50 Euro ab dem 1. Juli war ihr höchstes Angebot, was die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) in Rage brachte. Ihr stellvertretender Vorsitzender Fred Adjan hatte nach Abbruch der Verhandlungen erklärt: »Arbeitgeber, die Jahr für Jahr Millionenumsätze einfahren, bezeichnen 10,50 Euro pro Stunde als ihre Schmerzgrenze. Für diejenigen, die weiter mit solch einem Armutslohn klarkommen sollen, ist das der pure Hohn.« Schon vor der letzten Verhandlung seien die Leute extrem sauer gewesen – die Stimmung in den Betrieben werde sich künftig weiter aufheizen. Streiks werden nicht mehr ausgeschlossen.

Der tatsächliche Verdienst in den Unternehmen gehe bei den Arbeitskräften weit auseinander, weil die Produktion selbst stark arbeitsteilig sei, erklärte Sepsi. Für einfache Zerlege- und Verpackungstätigkeiten an den Fließbändern werde kaum mehr als Mindestlohn gezahlt. Auf der anderen Seite gebe es hochqualifizierte und gesuchte Fachkräfte, die die Tiere ausbeinen und zerlegen. Diese würden dank Zulagen auf Bruttolöhne zwischen 3.000 bis 4.000 Euro im Monat kommen.

Bislang haben sich die Unternehmen in der Fleischbranche erfinderisch gezeigt, wenn es darum ging, die Löhne niedrig zu halten. Ein Beispiel aus dem Schlachthof Vion in Emstek, über den das Nachrichtenportal OM online am 31. März berichtete: Vion hatte an dem Standort Hunderte Beschäftigte fest einstellen müssen. Doch statt sie nach Haustarif zu bezahlen, gab es nur den gesetzlichen Mindestlohn von 9,50 Euro pro Stunde. Die NGG hatte erklärt, die Differenz in der untersten Lohngruppe betrage 1,33 Euro je Stunde. Das Unternehmen erklärte dagegen, der Tarifvertrag stelle klar, dass er nur für NGG-Mitglieder gelte.

Lohnabrechnungen zeigten dem Bericht zufolge deutlich, dass auch Gewerkschaftsmitglieder nicht nach Haustarif bezahlt wurden. Der regionale NGG-Geschäftsführer erklärte, dass viele der Kollegen Angst hätten, den ihnen zustehenden Lohn einzufordern. Sie hätten auch Angst, dass ihre Mitgliedschaft in der Gewerkschaft bekannt würde. Vor Ort sei eine dreistellige Zahl in der NGG organisiert, deren Namen das Unternehmen erfahren will, jedoch geben die Gewerkschafter die Listen nicht heraus. Statt dessen verwies die NGG auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, wonach das Prinzip gelte: In einem Betrieb müsse für gleiche Arbeit auch gleiches Entgelt gezahlt werden.

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