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Aus: Ausgabe vom 08.04.2021, Seite 16 / Sport
Kampfsport

In der linken Ecke

Über politisches Engagement im Kampfsport
Von Gabriel Kuhn
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Nimmt es ideologisch nicht so genau: Jeff Monson (2019)

In dem vielgelobten Buch »Ihr Kampf. Wie Europas extreme Rechte für den Umsturz trainiert« geht Autor Robert Claus rechten Umtrieben im Kampfsport nach. Er zeigt, wie Faschisten dort sowohl rekrutieren als auch Propaganda betreiben. In einem Gespräch mit der jungen Welt im Oktober 2020 nannte Claus die »Nähe zum realen Kampf« als Hauptgrund, warum die Szene auf extrem Rechte so anziehend wirkt: »Neonazis trainieren und professionalisieren ihre Gewalt für den Straßenkampf. Außerdem verbinden sie Kampfsport mit Wehrsport. Niemand sollte also dem Irrtum aufsitzen, ihre Gewalt bliebe im Sportraum.«

Das letzte Kapitel in Claus’ Buch trägt den Titel »Kampfsport ohne Nazis: Über Gegenstrategien, Aufklärung und Prävention«. Hier berichtet er über Kampfsportvereine, die rechte Unterwanderung aktiv verhindern, über linke Kampfsportstudios wie das »Redore Gym« in Halle und über Initiativen wie »Runter von der Matte – Kein Handshake mit Nazis«, die auf ihrer Website Infos über neonazistische Aktivitäten im Kampfsport verbreiten und sich für einen »fairen Kampfsport ohne Rassismus und Vorurteile« einsetzen.

Es gibt in der Geschichte des Kampfsports prominente Persönlichkeiten, die mit linken Organisationen in Verbindung standen. In den 1920er Jahren führte der Rassismus, mit dem sich der schwarze britische Boxer Len Johnson ständig konfrontiert sah, zu einem lebenslangen Engagement in der Kommunistischen Partei Großbritanniens. In jüngeren Jahren galt der US-amerikanische Mixed-Martial-Arts-Kämpfer Jeff Monson als linkes Aushängeschild. Ideologisch nahm er es dabei nicht so genau. Nachdem er zunächst für den anarchistischen Versand »AK Press« Werbung machte, engagierte er sich 2016 im Wahlkampf für die Kommunistische Partei der Russischen Föderation. 2018 wurde ihm die russische Staatsbürgerschaft verliehen. Mittlerweile ist er Mitglied der Putin-nahen Partei »Einiges Russland« und Lokalpolitiker in Krasnogorsk.

Wie sieht es an der Basis mit linken Kampfsportinitiativen aus? Einen guten Überblick über die Szene in Nordamerika hat Sam Yang. Er betreibt den Podcast »Southpaw« – ein US-amerikanischer Ausdruck für Linkshänder im Boxen. Die Absicht des Podcasts erklärt er jW gegenüber so: »Es geht nicht nur darum, die Rechten im Kampfsport zu bekämpfen, sondern auch eine toxische Männlichkeit, die wir sogar in linken Gruppen sehen können. Alle sind von der Populärkultur beeinflusst, die diese Bilder vermittelt.«

Yang meint, dass es immer mehr Interesse an linken Kampfsportgruppen in Nordamerika gäbe. Er habe genug Anfragen bekommen, um ein kleines Handbuch für Interessenten zusammenzustellen. Aufgrund der Coronapandemie sei es im Moment jedoch schwierig, neue Projekte ins Leben zu rufen.

Auch Eddie Goldman berichtet über Kampfsport in den USA, und das seit Jahrzehnten. Sein Podcast »No Holds Barred« war einer der frühesten Sportpodcasts überhaupt. Die erste Sendung wurde 2006 hochgeladen, mittlerweile sind es mehr als 700. Aufgrund seines politischen Engagements wird Goldman als »Gewissen des Kampfsports« bezeichnet. Die Frage der jW nach der linken Kampfsportszene in den USA macht ihn skeptisch: »Ich habe weit mehr Hoffnung, was den Kampfsport außerhalb der organisierten Linken angeht. Es gibt wichtige Initiativen wie die World Gay Boxing Championships, und unter revolutionären afroamerikanischen Gruppen tut sich einiges. Mit der weiß dominierten Linken haben die jedoch wenig zu tun.« Goldman bringt auch die Klassenfrage ins Spiel. Während Mixed Martial Arts oder Brasilianisches Jiu-Jitsu eine zahlungskräftige Mittelschicht ansprächen, seien Boxen und Ringen stark in der Arbeiterklasse verankert.

Linke Kampfsportvereine in Nordamerika tragen vielsagende Namen wie der »Red Corner Boxing Club« in Vancouver, der mit der Basisgewerkschaft Industrial Workers of the World (IWW) verbunden ist, oder der »Black Flag Combat Club« in Montreal, ein »selbstverwalteter Verein für Kampfsport und Selbstverteidigung«. In diesen Vereinen verbinden sich verschiedene Aspekte: Fitness, sozialer Zusammenhang, linke Politik. Manchen nehmen sich historische Arbeitersportvereine als Vorbild, andere orientieren sich an den losen Zusammenhängen der autonomen Szene. Antifaschismus ist der kleinste gemeinsame Nenner. Nicht wenige Gruppen verwenden auf Plakaten die drei Pfeile der Eisernen Front.

Auch in Europa gibt es solche Gruppen. In Großbritannien sorgte der hippe Videokanal Vice dafür, dass »Red Gyms« wie Solstar in London und »Left Hook« in Brighton einer breiteren Öffentlichkeit bekanntwurden, zu einer gewissen Prominenz hat es auch der griechische Klub »White Tiger Muay Thai« gebracht. Im sozialistischen Kampfsportverein »Collective Effort« im schwedischen Malmö ist Muay Thai ebenfalls populär. Cecilia ist eine der Trainerinnen. Sie betont die Bedeutung, in einem solidarischen Milieu trainieren und im Verein mitbestimmen zu können. Sie lobt das Wechselspiel zwischen Sport und Politik: »Für manche wird der Verein zum Sprungbrett für politische Organisierung. Andere regt er zum Trainieren an. Beides ist positiv.«

Gegen die männliche Dominanz in der Kampfsportszene wendet sich der Blog »1minless – Reflexionen aus dem Ring«. Der Name spielt darauf an, dass Frauen oft eine Minute weniger pro Runde im Ring stehen dürfen als Männer. Auf dem Blog heißt es: »Diese Minute steht sinnbildlich für diskriminierende Erfahrungen und Zuschreibungen, die Frauen* im Kampfsport erleben.«

Robert Claus schreibt in der Einleitung zu seinem Buch: »Denn eines muss uns allen bewusst sein: Die zentralen Fragen zum Verhältnis zwischen Demokratie und Sport für die nähere Zukunft stellen sich genau hier im Kampfsport.« Wie zentral der Kampfsport in diesem Spannungsfeld ist, lässt sich diskutieren. Dass er eine wichtige Rolle spielt, steht außer Frage. Mit um so größerem Interesse sollten wir linke und antifaschistische Kampfsportinitiativen verfolgen.

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