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Aus: Ausgabe vom 08.04.2021, Seite 10 / Feuilleton
Nachruf

Über die Brücke

Zum Tod von Hans Küng
Von Peter Merg
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Zunehmende Verve, abnehmende Raffinesse: Hans Küng (2006)

Sitzt Hans Küng nun in der Hölle auf einer heißen Herdplatte und muss bis in alle Ewigkeit seine eigenen Interviews anhören, wie es sich Gerhard Henschel einmal in der Titanic ausmalte? Der Schweizer »Toptheologe« (Eckhard Henscheid) wird es für sich behalten müssen, Medienbesuch ist im Jenseits nicht gestattet. Es wird ihn quälen, mediale Enthaltsamkeit war nicht sein Ding. Man kann sich kaum ausmalen, welche öffentliche Wirkung Kirchenkritiker noch in den 90er Jahren hatten, das Fernsehpublikum kannte sie besser als den Unterschied zwischen Weihnachtsmann und Osterhase. Und Hans Küng war ihr unbestrittener Star. Zwischen all den Talkshows fand der umtriebige Professor noch die Zeit, Buch um Buch über sein »Weltethos«-Projekt zu verfassen, dass selbst Niklas Luhmann ganz fahl wurde.

Darüber vergisst man leicht: Küng war einmal kein Medienphänomen, sondern eine Hoffnung des Reformkatholizismus. 1928 in Sursee (Kanton Luzern) geboren, galt der Sohn eines Schuhhändlers schon früh als großes Talent. Er promovierte über die Rechtfertigungslehre und den evangelischen »Kirchenvater« Karl Barth, ein aufsehenerregendes Werk, mit dem Küng den Brückenschlag zu den Protestanten suchte. Auch wegen dieses Sinns für die Ökumene wurde der junge Priester schon 1960 ohne Habilitation auf einen Lehrstuhl für Fundamentaltheologie nach Tübingen gerufen. Zwei Jahre später war Küng Konzilstheologe beim zweiten Vatikanum, wo er sich dafür einsetzte, manche verkrustete Kirchenstrukturen aufzubrechen. Einen Kampf, den er von Tübingen aus weiterführte, mit zunehmender Verve, aber abnehmender Raffinesse. Das dahinterliegende Motiv: den Glauben mit dem Vernunftgebot der Moderne zu versöhnen, die einander ausschließenden Wahrheitsansprüche der Religionen zu überbrücken. Dafür verabschiedete er sich leichter Hand von Traditionen wie dem Zölibat und der besonderen Autorität des Papstes, was in Rom schlecht ankam. Die Konsequenz war der Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis 1979.

In der Folge verwaltete er seinen Ruf als unbeugsamer Streiter wider den Klerus und nutzte ihn, um mit dem »Weltethos«-Projekt das Pferd von hinten aufzuzäumen: Um den Weltfrieden zu erreichen, müssten sich alle Religionen auf die ihnen gemeinsamen Werte besinnen. Mit Gestalten wie Anthony Blair und Helmut Schmidt predigte er Maß und Bescheidenheit, auf dass der Mensch sich bessere. Mit seinem alten Feind Joseph Ratzinger, den er einst nach Tübingen gelotst hatte, kreuzte er noch pro forma die Klingen. Küng monierte, die Kirche degeneriere zur Sekte, Ratzinger klagte, die Reformer legten sich den Glauben zurecht, wie sie wollten und dächten sich zur Not eben etwas aus. Beide hatten damit mehr recht, als sie ahnten.

Am Dienstag ist Hans Küng im Alter von 93 Jahren verstorben.

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