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Aus: Ausgabe vom 08.04.2021, Seite 2 / Ausland
Hunger in Guatemala

»Unterernährung ist um 90 Prozent gestiegen«

Guatemala: Coronapandemie verschärft Ernährungskrise. Staat von reichen Großgrundbesitzern kontrolliert. Ein Gespräch mit Ricardo Zepeda
Interview: Thorben Austen, Quetzaltenango
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Schwer zu fassen: Unzählige Familien und Kinder in Guatemala haben nicht genug zu essen (Symbolbild, 9.10.2020)

In Guatemala verschärfte die Coronapandemie die herrschende Ernährungskrise. Wie ist die Situation derzeit?

Die Ernährungssituation in Guatemala ist die schlechteste auf dem amerikanischen Kontinent. Die Hälfte aller Kinder ist chronisch unterernährt, bei der indigenen Bevölkerung (etwa die Hälfte der Einwohner, jW) sind es sogar 80 bis 90 Prozent. Die Zahlen der Regierung in bezug auf Armut, Unterernährung und Hunger in der aktuellen Krise der Conoraviruspandemie und nach den Hurrikanen »Eta« und »lota« entsprechen nicht der Realität. Auch nicht in bezug auf Infektionszahlen und die Todesfälle durch Covid-19. Die Regierung schönt Zahlen zu ihrem Vorteil.

Die akute Unterernährung ist im letzten Jahr um 90 Prozent gestiegen. Dabei besteht unmittelbare Lebensgefahr, besonders bei Kindern unter fünf Jahren. Dem Körper fehlen lebensnotwendige Stoffe und Mineralien, Größe und Gewicht liegen deutlich unter den Werten bei einer normalen Entwicklung. Verlässliche Zahlen über die Todesfälle durch Hunger gibt die Regierung nicht heraus. Es heißt: Die Kinder seien an Krankheiten gestorben, zum Beispiel Lungenentzündung. Aber der Hunger ist die Todesursache. Die Menschen sterben, weil ihnen schlicht das Geld fehlt, Lebensmittel zu kaufen.

Welche Auswirkungen hatten die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus?

Die Restriktionen in den ersten Monaten der Pandemie – Ausgangssperren und andere Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, die Einstellung des öffentlichen Busverkehrs – haben die Menschen hart getroffen. Viele kleine Unternehmen sind pleite, die Arbeitslosigkeit ist stark gestiegen. Die Menschen haben ihren geringen Besitz verkauft. Geldüberweisungen von Verwandten aus den USA sind noch wichtiger geworden, haben vielen Menschen das Leben gerettet. Ein Hilfskonvoi mit Lebensmitteln aus der Hauptstadt wurde vom Militär mit Verweis auf die Coronabestimmungen gestoppt, große Unternehmen durften aber weiterarbeiten, ihre Produkte transportieren.

In der Pandemie ist eine Million Menschen mehr in die Armut gestürzt worden, ihr Anteil ist von 47 auf 60 Prozent gestiegen. In Guatemala leben jetzt rund 30 Prozent der Menschen in extremer Armut. Der Mindestlohn wurde seit drei Jahren nicht erhöht, Kosten für Lebensmittel und Grundbedarf sind gestiegen. Das sind Zahlen von CEPAL (Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik bei der UNO, jW) und anderer internationaler Organisationen.

Welchen Beitrag leistet Ihr Kollektiv?

Wir sind ein Zusammenschluss sozialer Organisationen in Guatemala, mit Schwerpunkt auf Ernährungssicherheit sowie Einhaltung anderer elementarer Menschenrechte. Wir erstellen Studien in bezug auf Hunger und Unterernährung. In der Bundesrepublik arbeiten wir seit mehr als zehn Jahren mit dem »Food First Informations- und Aktionsnetzwerk Deutschland e. V. (FIAN)« zusammen. Wir setzen uns für die Umsetzung des 2005 in Guatemala beschlossenen Gesetzes zur Ernährungssicherheit ein, was bisher vom Unternehmersektor blockiert wird.

Weshalb leiden so viele in Guatemala an Hunger und Unterernährung?

In Guatemala herrscht extreme Ungleichheit. Besitzer der Ländereien, die Reichen in Guatemala sind so vermögend wie die Reichen in Deutschland, leben in Europa oder den USA. Der Staat wird von diesen Familien, die keine Entwicklung wollen, kontrolliert. Sie profitieren von der Armut. Die Landwirtschaft ist auf Export ausgerichtet. Der Staat fördert massiv den Anbau von Palma Africana statt Produkte zur Ernährung der Bevölkerung. Es gibt kein internationales Unternehmen in Guatemala, das Arbeitsrechte oder Mindestlohn einhält. Die Löhne sind die niedrigsten in der Region. Viele Menschen erfahren keine Schulbildung, besonders Frauen und Mädchen. Da bleiben nur die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen.

Was müsste passieren, damit Hunger und Unterernährung wirksam bekämpft werden können?

Das Gesetz zur Ernährungssicherheit, das Gesetz »Fondo de Tierras«, das Gesetz zur ländlichen Entwicklung und andere müssten eingehalten werden. In diesen Gesetzen ist vieles geregelt, gerechter Zugang zu Land, ländliche Entwicklung. Es wird aber von Oligarchie und Unternehmersektor blockiert. So haben wir zwar kleine Erfolge erreicht, insgesamt bleibt es aber beim alten.

Ricardo Zepeda ist Koordinator vom »Colectivo Social por el Derecho a la Alimentación« in Guatemala

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