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Im Reservat

Von Helmut Höge
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Franz Kafka hat sie mit einem Satz abgetan – aber in der Möglichkeitsform: »Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glatt gemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf.«

Nein, wenn die jungen US-Indigenen in den Reservaten heute nicht das Auto ihres Onkels kriegen, dann reiten sie noch immer. Meine Gewährsfrau ist die wunderbare Schriftstellerin Louise Erdrich (Abstammung: deutsch-Chippewa), deren Bücher großteils vom jetzigen Leben im Reservat der Ojibwe in North Dakota handeln. Einige Stämme in Reservaten drumherum sind mit Spielcasinos ökonomisch erfolgreich – so erfolgreich, dass sie zwecks Ausschüttung der Gewinne bereits US-Amerikaner suchen, die nur noch zu einem Sechsunddreißigstel zu ihrem Stamm gehören. Die Verwaltung der Akten des Stammes ist zu einer wichtigen Arbeit in den Reservaten geworden. Louise Endrichs Roman »Das Haus des Windes« handelt von einer solchen Amtsinhaberin.

In den Vereinigten Staaten gibt es 567 Ureinwohnergruppen und 326 Reservate. Von den 2,5 Millionen indigenen Amerikanern lebten 2012 laut FAZ etwa eine Million in diesen Selbstverwaltungsbezirken – mit eigenen Gerichten und Polizisten. Bis in die jüngste Vergangenheit haben die Weißen das Reservatsland immer wieder verkleinert, aber 2020 entschied das Oberste Gericht in einem Urteil über die Zuständigkeit im Strafrecht, dass die Hälfte des Bundesstaates Oklahoma – ein Gebiet größer als Deutschland – Reservat sei. 1999 hatte die kanadische Regierung den Inuit bereits ein autonomes Gebiet, Nunavut (Unser Land), zugestanden, das einem Fünftel der Fläche von Kanada entspricht.

In Alaska haben die vereinigten Stämme erst den Bau einer Ölpipeline verhindert und dann doch befürwortet, weil sie sich davon Arbeitsplätze versprachen. Auch in Louise Erdrichs Reservatsgeschichten geht es vorwiegend um ein nicht zuletzt wirtschaftliches Ausbalancieren zwischen »Amerikanischem« und »Indianischem«. Dazu gehört u. a. zur Ankurbelung des Tourismus in den großen Reservaten die Anschaffung von kleinen Bisonherden. Und prompt finden sich auch wieder alte Geschichtenerzähler ein, die noch Büffel erlegt haben, bevor die Weißen sie alle zu Tausenden erschießen konnten. Den allerletzten, eine alte Bisonkuh, will angeblich ein Ojibwe geschossen haben. Sie soll sich ihm regelrecht ergeben haben, um nicht auch noch von den Weißen abgeknallt zu werden. Ein kanadischer Ureinwohner meinte einmal zu einem Ethnologen, der ihn über die Büffeljagd ausfragte: »Unsere Vorfahren haben die Tiere geheiratet, sie haben ihre Lebensweise kennengelernt, und sie haben diese Kenntnisse von Generation zu Generation weitergegeben. Die Weißen schreiben alles in ein Buch, um es nicht zu vergessen.« Der Unterschied zwischen Referat und Reservat.

Dazwischen müssen sich heute die Angehörigen der »First Nations« zurechtfinden. Mit zweierlei Wahrnehmungen, wie der brasilianische Ethnologe Eduardo Viveiros de Castro sie umreißt: Im Westen ist ein »Subjekt« der herrschenden »naturalistischen Auffassung« gemäß »ein ungenügend analysiertes Objekt,« während in der animistischen Kosmologie der amerikanischen Ureinwohner genau das Gegenteil der Fall ist: »Ein Objekt ist ein unvollständig interpretiertes Subjekt«.

Noch der 26. US-Präsident Theodore Roosevelt war der Meinung, die Ausrottung der Stämme durch die meist armen weißen Siedler und Pioniere sei ein »gerechter Krieg« gewesen: »Dieser großartige Kontinent konnte nicht einfach als Jagdgebiet für elende Wilde erhalten werden.« In Deutschland hatte schon Friedrich der Große »das liederliche polnische Zeug« mit »Irokesen« verglichen. Der Generalgouverneur des besetzten Polens, Hans Frank, bezeichnete darüber hinaus 1942 auf einer Parteiversammlung in Lemberg die Juden als »Plattfußindianer«. Adolf Hitler freute sich etwa zur gleichen Zeit – angesichts des sich entfaltenden Partisanenkriegs im Osten: »Und immer aufknüpfen! Das wird ein richtiger Indianerkrieg werden.« Dies hielt ihn jedoch nicht davon ab, seinen Soldaten zur moralischen Festigung Karl Mays »Winnetou«-Roman mit auf den Weg an die Front zu geben.

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Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

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