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Aus: Ausgabe vom 06.04.2021, Seite 10 / Feuilleton
Nachruf

Das linke Gewissen Frankfurts

Zum Tod von Heiner Halberstadt
Von Robert Allertz
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Prägende politische Figur: Heiner Halberstadt (3.5.2018)

Wenn in Frankfurt am Main im Oktober Buchmesse war, trafen sich linke Verleger, Lektoren und Autoren in einem schmalen Häuschen in der Kleinen Hochstraße 5: Kneipe, Bar, oben die Bibliothek – der »Club Voltaire«, gegründet 1962 von Heiner Halberstadt. Im selben Jahr hatte ihn die SPD, der er seit 1946 angehörte, ausgeschlossen. Zehn Jahre später nahm sie den ehemaligen Postbeamten und Personalrat vom Stadtbauamt wieder auf, allerdings verließ der linke Querkopf, seinem neuerlichen Rauswurf zuvorkommend, Mitte der 90er Jahre die Partei von allein. Halberstadt schloss sich der PDS an, für die er von 2001 bis 2006 im Frankfurter Stadtrat saß.

Und als die Partei Die Linke 2007 entstand, dockte er an deren Ältestenrat an. Auch dort gehörte er zu den auffälligen Persönlichkeiten mit bestechender Vita. Dem Kriegsdienst unter den Nazis – er war Jahrgang 1928 – hatte er sich entzogen, indem er in Husum untertauchte. Später half er aus dem Vietnamkrieg desertierten GIs ebenso wie militanten schwarzen Widerstandskämpfern aus den USA. Gast im Club Voltaire waren in den Hochzeiten des Kalten Krieges auch Schriftsteller der DDR und aufmüpfige Studenten. Der Klub war mehr als nur eine Begegnungs- und Diskussionsstätte und Halberstadt mehr als nur ein renitenter Rebell. Bei den Ostermärschen und anderen Demonstrationen gegen Rüstung, Neonazis, Sozialabbau etc. war er immer zu finden. Und anschließend, wenn denn die Justiz, die schärfste Waffe des bürgerlichen Rechtsstaat, gegen Protestler zu Felde zog, organisierte er Rechtsberatungen und Filmteams aus dem Ausland, die den radikaldemokratischen deutschen Widerstand dokumentierten.

Heiner Halberstadt war eine prägende politische Figur, die Frankfurter Rundschau nannte ihn das »linke Gewissen« Frankfurts und bedauerte, dass seit einiger Zeit seine Anrufe, Leserbriefe und Beiträge ausblieben, in denen er wie sonst üblich »auf schreiendes Unrecht und stilles Leid« aufmerksam machte. Halberstadt hatte sich, so hieß es, »in seine eigene Welt zurückgezogen, in die ihm keiner mehr folgen konnte«.

Zu Beginn der sogenannten Karwoche ist Heiner Halberstadt gestorben. Nicht nur der Ältestenrat der Linkspartei verliert einen engagierten Mitstreiter, einen Linken mit Prinzipien und mit Courage. Ein großer Verlust. Viele wie ihn gibt es nämlich nicht mehr.

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