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Aus: Ausgabe vom 06.04.2021, Seite 5 / Inland
Landwirtschaft

Ausgebeutete Feldarbeiter

Spargelsaison: Gemüsebauern heuern gezielt Georgier für Ernte an. Sozialversichert sind sie zumeist nicht. DGB und IG BAU kritisieren Praxis
Von Bernd Müller
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Dank saisonaler Billiglöhner: Die ersten Erntestiche bei Thüringer Spargelbauern stehen an (Kutzleben, 18.4.2018)

Ohne sie geht nichts bei deutschen Gemüsebauern: Saisonarbeiter aus Osteuropa. In diesem Jahr arbeiten sie wieder zu Tausenden auf den Feldern der BRD, stechen Spargel und pflücken Erdbeeren und Gurken. Im Schnitt sind es 280.000 Personen, die Jahr für Jahr nach Deutschland kommen. Diesmal werden erstmals auch gezielt Personen aus Georgien für die harte Arbeit rekrutiert.

Rund 5.000 Georgier sollen bei der Spargelernte eingesetzt werden, bestätigte die Bundesagentur für Arbeit (BA) auf Nachfrage. In Zusammenarbeit mit der georgischen Arbeitsverwaltung seien sie ausgewählt und an deutsche Betriebe vermittelt worden. Beworben hätten sich rund 80.000 Personen. Harald Schaum, Vizechef der Industriegewerkschaft Bauen, Agrar, Umwelt (IG BAU), ist wütend darüber; »staatlich verordnetes Sozialdumping« nennt er das, was die BA hier macht.

Die Arbeit auf deutschen Feldern reizt längst nicht mehr so viele Osteuropäer wie noch vor ein paar Jahren. In ihren Heimatländern hat sich einiges geändert, so dass sie nicht mehr zwingend auf die Arbeit bei deutschen Bauern angewiesen sind. »Da man für die Knochenarbeit wohl in der EU nicht mehr fündig wird, holt man sich jetzt im Verbund mit den landwirtschaftlichen Arbeitgebern Kräfte aus einem Drittstaat«, sagte Schaum.

Auf Kritik trifft unter anderem der geringe Lohn: Die Saisonarbeiter erhalten selten mehr als den Mindestlohn von 9,50 Euro je Stunde. In einigen Betrieben wird ihnen noch eine Prämie gezahlt, je nachdem, wie schnell sie ernten. Ein Teil des Lohns wird ihnen aber wieder abgezogen: Das Zimmer im Wohncontainer, das sie sich mit bis zu sieben anderen teilen, müssen sie selbst bezahlen. Die Kosten für die An- und Abreise kommen oftmals hinzu: Die Georgier müssen zum Beispiel für ihre Hin- und Rückflüge selbst aufkommen, kritisiert die Gewerkschaft. Das müsste aber nicht so sein: Nach einer Richtlinie der Europäischen Union könnte die Bundesregierung den Betrieben auferlegen, die Reisekosten zu übernehmen.

Das tut sie nicht, und sie hält sogar ein weiteres Bonbon für die Landwirte bereit: Saisonarbeiter sollen auch in diesem Jahr 102 statt 70 Tage angestellt werden können, ohne dass für sie Sozialbeiträge abgeführt werden müssen. Wie das Landwirtschaftsministerium am vergangenen Mittwoch erklärte, hat das Bundeskabinett gleichentags einen entsprechenden Beschluss gefasst, und nach Ostern soll der Bundestag darüber beraten. Zuvor hatte der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, diese Regelung gefordert.

Die Maßnahme sei ein Beitrag für eine sichere Versorgung der Bevölkerung mit heimischen Lebensmitteln, teilte das Ministerium mit. »Regionalität spielt für die Verbraucherinnen und Verbraucher eine immer größere Rolle«, sagte Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU). Gleichzeitig sei dies ein Beitrag, die Coronapandemie zu bekämpfen. Für die Saisonarbeiter bedeutet das vor allem: Viele von ­ihnen sind in dieser Zeit nicht krankenversichert. Es gebe zwar auch Betriebe in Deutschland, die ihre Saisonarbeiter privat versicherten, erklärte ein Sprecher des DGB-Projekts »Faire Mobilität« auf Anfrage. Für solche Fälle gebe es Billigangebote für 15 Euro im Monat; aber die würden nicht das abdecken, was die gesetzliche Krankenversicherung beinhalte.

Damit die Saisonarbeiter nicht im Regen stehen, wenn sie krank werden, will die Bundesregierung eine Meldepflicht einführen. Die Betriebe sollen künftig mitteilen müssen, wie Beschäftigte abgesichert sind. Anerkannt würde auch, wenn Beschäftigte über eine Gruppenversicherung abgesichert seien und die notwendige Versorgung gewährleistet sei. Es sei immer wieder dasselbe, sagte Harald Schaum: »Die Erntebetriebe versuchen an den Lohnkosten zu sparen, wie es irgendwie nur geht, um noch höhere Gewinne zu erzielen.« Und der Staat helfe dabei.

Der DGB rief die Parlamentarier dazu auf, die Regelung zu verhindern. Vorstandsmitglied Anja Piel warnte vor Zuständen bei der Ernte, die nicht zu verantworten seien. »Eine ursprüngliche Ausnahmeregelung für Ferienjobs soll nun offenbar Standard für die Einstellung von Erntehelferinnen und Erntehelfern werden.« Werde nicht nachgebessert, dann »bekommen wir in der Landwirtschaft die gleichen katastrophalen Zustände wie in der Fleischbranche«, so Piel.

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