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Aus: Ausgabe vom 06.04.2021, Seite 2 / Inland
Armut in Coronapandemie

»Bestehende Probleme werden nicht gelöst«

Duisburg: Verschärfte Situation armer und wohnungsloser Menschen in der Pandemie. Stadt hat keine Lösungen parat. Ein Gespräch mit Sylvia Brennemann
Interview: Markus Bernhardt
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Schlafplatz eines obdachlosen Menschen in der Duisburger Innenstadt (2.12.2020)

Sie betreuen im »Petershof« Wohnungslose und Menschen, die unter Armut leiden. Wie wirkt sich die Covid-19-Pandemie aktuell auf Ihre Arbeit aus?

Die Pandemie trifft Menschen ohne eigene Wohnung deutlich schwerer als andere. Auf der Straße lassen sich Hygieneregeln nicht einhalten. Die Pandemie hat eine Reihe von Problemen verstärkt und diese zugleich wieder ins öffentliche Bewusstsein befördert.

Was meinen Sie damit?

Durch die Pandemie ist noch erkennbarer geworden, wie groß Not, Armut, Wohnungslosigkeit, aber auch Einsamkeit und mangelnde Gesundheitsversorgung tatsächlich sind. Der »Petershof« ist ein Anlaufpunkt für Menschen, die hilfsbedürftig sind. Für alle, ohne Ansehen der Person. Wir versuchen zu helfen, wo wir können. Sei es dadurch, dass wir Menschen warme Mahlzeiten kochen, sie soweit möglich medizinisch versorgen oder sie in unseren Räumen schlafen lassen. Aber wir können als Ehrenamtliche nicht alle Probleme lösen, die es in Duisburg gibt.

Alles, was Sie aufgezählt haben, wären doch aber Aufgaben, die die Stadt übernehmen müsste.

Ja, das ist so. Wir erleben, dass die Stadt Duisburg deutlich gesprächs- und hilfsbereiter ist als das vor der Pandemie der Fall war. Trotzdem werden bestehende Probleme nicht gelöst. Die Pandemie hat uns allen noch einmal deutlich vor Augen geführt, wie wichtig es ist, nun endlich ernsthafte Lösungen anzubieten.

Und wie könnten diese aussehen?

Wohnungslose Menschen müssen mit Wohnraum versorgt werden. Danach kann man alle weiteren Probleme angehen. Das ist jetzt während der Pandemie, die eben nicht alle Menschen gleich trifft, unabdingbar. Ich unterstützte den »Housing First«-Ansatz. Wohnraum, der armen Menschen zur Verfügung gestellt werden kann, existiert in Duisburg zur Genüge. Ich erwarte, dass sich in dieser Angelegenheit etwas bewegt. Von der Stadt könnten Hotels und Hostels angemietet, Menschen dort untergebracht und zugleich von fachkundigem Personal sozial und medizinisch betreut werden. Das würde auch das Überleben der Hotels sichern helfen, von denen die Mehrheit derzeit pandemiebedingt leersteht.

Proteste von Initiativen, die sich für eine bedarfsgerechte Versorgung von Obdachlosen stark machen, gibt es derzeit auch in Köln und Düsseldorf. Sehen Sie nicht auch die Landesregierung in der Pflicht?

Natürlich. Die Landesregierung versagt aber nicht nur im Kampf gegen Wohnungslosigkeit. Die Gesundheitsversorgung für Menschen ohne Krankenversicherung wird von Ehrenamtlichen geleistet. Masken, Impfstoffe und medizinisches Material fehlen vielerorts. Das Interesse der Regierenden an den Alltagsproblemen von armen Menschen tendiert jedoch gegen null. Das kann so nicht weitergehen! In einem reichen Land wie Deutschland muss niemand ohne Wohnung sein.

Ich erwarte, dass nicht nur die Kommunen tätig werden. Auch die Landesregierung aus CDU und FDP muss Konzepte erarbeiten, die Wohnungslosigkeit und prekäre Gesundheitsversorgung obdachloser Menschen in den Griff bekommen. Wer das wie Ministerpräsident Armin Laschet von der CDU in seinem eigenen Bundesland schon nicht hinbekommt, braucht auch nicht zu versuchen, sich auf Bundesebene als vermeintlicher Heilsbringer zu inszenieren oder als möglicher Kanzlerkandidat ins Gespräch zu bringen.

Was konkret erwarten Sie denn dann?

»Housing First«-Programme in allen Städten und Kommunen in NRW, Konzepte zur bedarfsgerechten Gesundheitsversorgung von Menschen ohne Krankenversicherung und von Drogenkonsumenten, eine ordentliche Ausfinanzierung bestehender Hilfsangebote und ein radikales politisches Umdenken.

Das hört sich alles etwas illusionär an …

Mir ist vollkommen egal, wie sich etwas anhört. Es besteht Handlungsbedarf, und ich möchte, dass sich endlich etwas bewegt. Wohnungslosigkeit kann schnell in den Griff bekommen werden, wenn der Wille da ist. Die Pandemie hat den Handlungsbedarf verschärft aufgezeigt, den Handlungsdruck erhöht. Die Zuständigen sind an der Reihe, Lösungen zu erarbeiten. Die Hilfsbedürftigen wären dann ja soweit. Palavert wurde über Jahrzehnte hinweg genug.

Sylvia Brennemann hat am sozialpastoralen Zentrum »Petershof« im Duisburger Stadtteil Marxloh eine ehrenamtliche Gesundheitssprechstunde mit aufgebaut

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