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Aus: Ausgabe vom 31.03.2021, Seite 12 / Thema
Antisemitismus-Definition

Argumente gegen Diffamierung

Wider die begriffliche Unschärfe. Die »Jerusalemer Erklärung« liefert eine präzisere Definition des Phänomens Antisemitismus
Von Knut Mellenthin
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Sind Antizionismus und Antisemitismus dasselbe? Insbesondere von »Antideutschen« wird das unterstellt, um Kritik an israelischer Regierungspolitik abzuwerten (Demonstranten in München, 16.12.2017)

Spätestens seit der Veröffentlichung der »Working Definition of Antisemitism« (»Arbeitsdefinition von Antisemitismus«) im Januar 2005 wird auf mehr oder weniger systematischer Grundlage darüber diskutiert und gestritten, wie Antisemitismus zu beschreiben und abzugrenzen ist. Für das seinerzeit erschienene Papier verantwortlich zeichnete das European Monitoring Center on Racism (Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, englisch abgekürzt EUMC), ein Gremium im Rahmen der EU-Strukturen.

Schon damals war bekannt, dass das American Jewish Committee (Amerikanisch-Jüdisches Komitee, AJC) maßgebliche Hilfestellung bei der Entwicklung des Textes geleistet hatte. Inzwischen hat Kenneth Stern in der britischen Tageszeitung Guardian vom 13. Dezember 2019 dargestellt, dass er als Antisemitismusexperte des AJC der »Lead drafter«, also der führende Autor des Entwurfs der »Arbeitsdefinition«, gewesen sei. Stern beklagt schon seit einiger Zeit, dass die »Working Definition« entgegen der ursprünglichen Intention dazu missbraucht worden sei, Kritik an der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern durch den Vorwurf des Antisemitismus verächtlich zu machen und zu unterdrücken. Stern ist eine Stimme in einer vor allem in den USA breit geführten Debatte, die aber in Deutschland bisher nur geringe Aufmerksamkeit gefunden hat.

Im Rahmen dieser Diskussion wurde am vorigen Donnerstag die »Jerusalem Declaration on Antisemitism« (»Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus«) veröffentlicht, die eine differenziertere Definition ihres Gegenstands anbieten soll. Der Name der »Erklärung« leitet sich, so heißt es offiziell, davon ab, dass die Initiative zu dieser politischen Intervention ihren Ausgang im Juni 2020 am Van Leer Jerusalem Institute genommen hatte, einem interdisziplinären Forschungszentrum, das 1959 mit Mitteln einer Stiftung des jüdischen niederländischen Industriellen Bernard Van Leer gegründet worden war.

Der Unterstützerkreis

Die »Erklärung« trägt die Unterschriften von mehr als 200 Wissenschaftlern, die im Anhang namentlich und mit Angaben ihrer Arbeitsplätze und Arbeitsgebiete genannt werden. Die Mehrheit von ihnen wird sich wahrscheinlich nach unterschiedlichen Kriterien als Juden identifizieren. Ihre Arbeitsgebiete sind unter anderem der Antisemitismus, der Holocaust, verschiedene Formen von Rassismus, Geschichte und Gegenwart des Nahen Ostens sowie jüdische Geschichte, Kultur und Sprache. Die Unterzeichner leben in den USA, in Israel, in Frankreich, Großbritannien, Deutschland oder Österreich. Zu den hierzulande bekanntesten Unterstützern der »Jerusalemer Erklärung« gehören der auch als politischer Publizist bekannte Moshe Zuckermann (emeritierter Professor der Universität Tel Aviv), Peter Schäfer (ehemaliger Direktor des Jüdischen Museums Berlin), Cilly Kugelman (ehemalige Programmdirektorin des Museums), Micha Brumlik (ehemaliger Leiter des Fritz-Bauer-Instituts), Wolfgang Benz (ehemaliger Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin) und Uffa Jensen (Professor an derselben Einrichtung).

Die »Jerusalemer Erklärung« besteht aus einer langen »Präambel«, aus einer knappen »Definition« des Antisemitismus und aus fünfzehn »Beispielen«, die dazu dienen, »Leitlinien« zu entwickeln. Die Kurzdefinition lautet: »Antisemitism is discrimination, prejudice, hostility or violence against Jews as Jews or Jewish institutions as Jewish.« (Antisemitismus ist Diskriminierung, Vorurteil, Feindschaft oder Gewalt gegen Juden als solche oder gegen jüdische Institutionen als solche.)

Die »Beispiele« sind in drei Gruppen geteilt: »A. Allgemeines«, »B. Israel und Palästina: Beispiele, die als solche antisemitisch sind« und »C. Israel und Palästina: Beispiele, die nicht per se antisemitisch sind – egal, ob man die Ansichten oder Aktionen billigt oder nicht«.

Die »Erklärung« lehnt sich damit formal an die 2016 veröffentlichte »Arbeitsdefinition« der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA, Internationale Allianz zum Holocaustgedenken) an, die die Nachfolge des EUCM-Papiers von 2005 antreten sollte, das allgemein als handwerklich nicht ausgereift kritisiert wurde und mit dem wenig gearbeitet worden war. Die »Arbeitsdefinition« der IHRA wurde in kurzer Zeit von zahlreichen Regierungen übernommen, am 20. September 2017 auch von Deutschland. Das Papier diente dem Bundestag als Legitimationsgrundlage, als er am 17. Mai 2019 mit großer Mehrheit die Ächtung der internationalen BDS-Bewegung beschloss, die für Boykottmaßnahmen und Sanktionen gegen Israel als Protest gegen die Besetzung des Westjordanlands und die Blockade des Gazastreifens eintritt.

Mängel der »IHRA-Definition«

Die 1998 gegründete IHRA repräsentiert eine starke Macht. Was klingt wie der Name einer privaten Vereinigung oder einer sogenannten NGO, ist in Wirklichkeit ein zwischenstaatlicher Zusammenschluss, dem die wichtigsten westlichen Länder angehören. Insgesamt hat die IHRA 34 Mitglieder, weitere sieben Staaten haben Beobachterstatus. Der Text der »Working Definition« wurde von einer Arbeitsgruppe innerhalb der Allianz, dem Committee on Antisemitism and Holocaust Denial (Komitee zu Antisemitismus und Holocaustleugnung), entworfen und schließlich am 26. Mai 2016 bei einer Vollversammlung der IHRA in der rumänischen Hauptstadt Bukarest angenommen.

Die dortige Kurzdefinition lautet: »Antisemitism is a certain perception of Jews, which may be expressed as hatred toward Jews. Rhetorical and physical manifestations of antisemitism are directed toward Jewish or non-Jewish individuals and/or their property, toward Jewish community institutions and religious facilities.« Der deutschen Bundesregierung war das noch nicht eindeutig genug, so dass sie die »Definition« der IHRA in eine »erweiterte« Form brachte. Der Text lautet nun auf deutsch: »Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen ­und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen. Darüber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein.«

Der eingefügte letzte Satz steht zwar wirklich an anderer Stelle des IHRA-Papiers, ist aber eindeutig nicht Teil der Kurzdefinition. Dennoch empfiehlt die Bundesregierung ausdrücklich »die Berücksichtigung« der von ihr veränderten Fassung »insbesondere in der Schul- und Erwachsenenbildung sowie bei der Ausbildung in den Bereichen Justiz und Exekutive«.

Die »Jerusalemer Erklärung« soll, wie es in deren Einleitung explizit heißt, eine Antwort auf die »IHRA-Definition« sein. Diese sei »in ­zentralen Punkten unklar« und »weit offen für unterschiedliche Interpretationen«, habe »Verwirrung verursacht«, »Kontroversen hervorgerufen« und »dadurch den Kampf gegen den Antisemitismus geschwächt«. Die Unterzeichnenden schlagen vor, ihre »Erklärung« als Alternative zur »IHRA-Definition« anzusehen. Aber auch Staaten und Institutionen, die die Richtlinien der IHRA übernommen haben, könnten »unseren Text als Hilfsmittel zu deren Interpretation benutzen«.

Eine konkrete Auseinandersetzung mit den behaupteten Mängeln des IHRA-Papiers enthält die »Jerusalemer Erklärung« jedoch nicht. Naheliegend ist die Annahme, dass dies aufgrund der Heterogenität der Unterstützerinnen und Unterstützer der »Erklärung« unmöglich und kontraproduktiv gewesen wäre. In der Präambel wird betont: »Wir teilen nicht alle dieselben politischen Ansichten, und wir versuchen nicht, für eine parteiliche politische Agenda zu werben. Die Feststellung, dass eine umstrittene Meinung oder Handlung nicht antisemitisch ist, impliziert nicht, dass wir sie billigen.«

Das betrifft offensichtlich in der Hauptsache die Haltung zur BDS-Bewegung. Diesen Aspekt hob beispielsweise Micha Brumlik, einer der deutschen Unterzeichner, in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk hervor: »Ich persönlich finde BDS politisch falsch. Ich halte es für einen schweren Fehler, dass BDS auch solche israelischen Wissenschaftler, Wissenschaftlerinnen, Intellektuelle und Künstler boykottiert, die sogar gegen die Besetzung des Westjordanlandes sind.«

Die Beispiele

In der Beschreibung von Verhaltensweisen, die als eindeutig antisemitisch verurteilt werden, folgt die »Jerusalemer Erklärung« weitgehend den früheren Definitionen. Dazu gehören negative Verallgemeinerungen, die Phantasien über »jüdische Weltverschwörungen« und die Vorstellung, dass alle Juden eine kollektive Agenda auf Kosten anderer Völker betrieben, rassistische Klischees zum Beispiel über »große Nasen« und »angeborene Habgier«, Angriffe auf einzelne Juden oder auf jüdische Einrichtungen wie Synagogen und Friedhöfe, Benachteiligung von Juden etwa bei Einstellungen oder Beförderungen und schließlich das Leugnen oder Herunterspielen des Holocaust.

In bezug auf Israel nennt die »Erklärung« als Beispiele von eindeutigem Antisemitismus: die Übertragung judenfeindlicher Vorurteile auf den Staat Israel. Kollektive Schuldzuweisungen an »die Juden« für das Verhalten Israels und die Behandlung von Juden, nur weil sie Juden sind, als »Agenten Israels«. Die Forderung, »dass Juden öffentlich Israel oder den Zionismus verurteilen müssten, zum Beispiel bei politischen Versammlungen«. Die Annahme, »dass nichtisraelische Juden, nur weil sie Juden sind, zwangsläufig gegenüber Israel loyaler seien als gegenüber ihrem eigenen Land«. Und »das Bestreiten des Rechts der Juden im Staate Israel, kollektiv und individuell als Juden in Übereinstimmung mit dem Prinzip der Gleichheit zu leben«.

Als Beispiele, die nicht oder nicht »per se« antisemitisch seien, nennt die »Jerusalemer Erklärung« erstens »die Unterstützung der Forderung der Palästinenser nach Gerechtigkeit und nach vollständiger Gewährung ihrer politischen, nationalen, bürgerlichen und menschlichen Rechte«. Zweitens: »Kritik am Zionismus und Gegnerschaft gegen ihn als eine Form des Nationalismus«. Legitim sei drittens auch das Eintreten für eine Bandbreite von verfassungsmäßigen Ausgestaltungen des Zusammenlebens von Juden und Palästinensern im Gebiet zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer. »Es ist nicht antisemitisch, Arrangements zu unterstützen, die allen Bewohnern ›zwischen Fluss und Meer‹ volle Gleichberechtigung einräumen, sei es in zwei Staaten, in einem binationalen Staat, einem einheitlichen demokratischen Staat oder in welcher Form auch immer.«

»Zwischen Fluss und Meer« ist eine gezielte Übernahme der palästinensischen Parole »Min Al-Nahr ila Al-Bahr«. Gemeint ist damit das gesamte frühere britische Mandatsgebiet Palästina. Das schließt den Staat Israel innerhalb der »grünen Linie« – der Grenze vor dem Junikrieg 1967 –, den Gazastreifen und das seit 1967 besetzte Westjordanland ein.

In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass die Fraktion der Partei Die Linke im Bundestag am 7. Juni 2011 in einem beschämend dummen und feigen Beschluss alles andere als die sogenannte Zweistaatenlösung als »antisemitisch« verurteilt hat. Rückgängig gemacht wurde diese Entscheidung nie, und noch heute lässt Die Linke nichts anderes als die Zweistaatenlösung zu. Ignoriert wird dabei, dass diese von der großen Mehrheit der israelischen Parteien abgelehnt wird, also nicht realistisch ist. Daher ist es schon seit Jahren eine legitime Option, für die bürgerliche Gleichberechtigung der Palästinenser in irgendeiner Form von gemeinsamem Staat einzutreten. Diese Klarstellung ist einer der wichtigsten Punkte in der »Jerusalemer Erklärung«.

Viertens: Nicht antisemitisch sei auch »eine auf Tatsachen gegründete Kritik an Israel als Staat«, einschließlich seiner »Rolle in der Region« und seiner »Einflussnahme auf Ereignisse in der Welt«. Grundsätzlich seien auf Israel »die gleichen Normen der Debatte anzuwenden, die auch für andere Staaten und Konflikte gelten«. Auch wenn es umstritten sei, sei es dennoch an und für sich »nicht antisemitisch, Israel mit geschichtlichen Fällen wie dem europäischen Siedlerkolonialismus oder dem südafrikanischen Apartheidsregime zu vergleichen«.

Fünftens: »Boykott, Divestment und Sanktionen sind übliche, gewaltfreie Formen des politischen Protests gegen Staaten. Im Falle Israels sind sie an und für sich nicht antisemitisch.« Gemeint ist damit, wie aus anderen Stellen der »Erklärung«, insbesondere der Präambel, hervorgeht, dass BDS-Aktivitäten zwar unter Umständen in einem antisemitischen Kontext stehen können, aber nicht zwangsläufig und generell antisemitisch sind. Eine uneingeschränkte Legitimierung von BDS ist damit nicht impliziert.

Konkret statt pauschal

Die Betonung der »Erklärung« liegt auf den genauen Umständen und Absichten von Worten und Handlungen. »Kurz gesagt: Urteilsvermögen und Sensibilität sind bei der Anwendung dieser Leitlinien auf konkrete Situationen erforderlich«, heißt es in der »Präambel«. Gerade daran fehlt es in der Bundestagsresolution vom 17. Mai 2019 gegen die BDS-Bewegung völlig. Das Parlament beschloss pauschal, dass Veranstaltungen, die in Zusammenhang mit BDS stehen oder gebracht werden können, nicht in Räumen stattfinden dürfen, die sich in staatlichem Besitz oder unter staatlicher Verfügung befinden. Städte und Kommunen wurden vom Bundestag aufgefordert, ebenso zu verfahren. Die AfD ging sogar noch einen Schritt weiter und verlangte ein pauschales Verbot der gesamten BDS-Bewegung. Sie ist das klassische Beispiel einer ultrarechten Partei, die sich durch demonstrative Überidentifizierung mit Israel ein Alibi verschaffen möchte.

In der »Jerusalemer Erklärung« heißt es außerdem: »Politische Meinungsäußerungen müssen nicht maßvoll, angemessen, zurückhaltend oder vernünftig sein, um unter dem Schutz des Artikels 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte oder des Artikels 10 der Europäischen Menschenrechtskonvention (…) zu stehen. Kritik, die manche für exzessiv oder umstritten oder für den Ausdruck eines ›doppelten Standards‹ halten, ist nicht generell antisemitisch. Grundsätzlich unterscheidet sich die Trennlinie zwischen antisemitischen und nicht antisemitischen Meinungsäußerungen von der Linie zwischen unvernünftigen und vernünftigen Meinungsäußerungen.«

Zurück zur Bekämpfung der BDS-Bewegung: Diese wird in der »Working Definition« der IHRA nicht einmal ausdrücklich erwähnt. Dass sie als antisemitisch zu gelten habe, kann nur indirekt aus anderen Formulierungen beispielsweise gegen die »Anwendung doppelter Standards« oder die »Verweigerung des Selbstbestimmungsrechts gegenüber dem jüdischen Volk«, geschlossen werden. Auch eine Textstelle, die sich dagegen ausspricht, »Juden kollektiv für Handlungen des Staates Israel verantwortlich zu machen«, könnte in diesem Sinn herangezogen werden.

Obwohl die Leitlinien der IHRA genaugenommen nicht dafür geeignet sind – zumindest nicht hinreichend –, werden sie immer wieder als legitimatorische Grundlage für pauschale Maßnahmen gegen Boykottaktivitäten angeführt. In zahlreichen Ländern sind solche Maßnahmen durch Gesetze und Parlamentsbeschlüsse abgesichert. Zum Beispiel sind in mindestens 32 der 50 Bundesstaaten der USA Gesetze gegen BDS in Kraft. Darüber hinaus gibt es auch Anti-BDS-Gesetze auf Ebene der Föderation. Die bundesstaatlichen Bestimmungen bestehen aus zwei Hauptpunkten: Erstens werden Unternehmen, die sich um öffentliche Aufträge bewerben, zur Abgabe einer Erklärung verpflichtet, dass sie sich nicht an Boykottaktivitäten gegen Israel beteiligen und das auch künftig nicht tun werden. Das gilt auch für Selbständige, die für Behörden arbeiten, beispielsweise als Anwälte, Dolmetscher und Gutachter. Zweitens müssen auch Unternehmen, die an öffentlichen Investmentfonds beteiligt werden wollen, eine entsprechende Erklärung abgeben.

Über die Frage, ob solche Maßnahmen nicht in die von der Verfassung garantierte Meinungsfreiheit eingreifen, sind in vielen Bundesstaaten der USA Rechtsstreitigkeiten im Gange. Jüdische Organisationen, die außerhalb des politischen Mainstreams in den Vereinigten Staaten stehen, sind dabei engagiert beteiligt. Das Bedürfnis, der nicht etwa einzelfallbezogenen und nachprüfbaren, sondern pauschalen Ablehnung von BDS-Aktivitäten und ihrer damit legitimierten Diskriminierung etwas entgegenzusetzen, wird nicht nur in den USA, sondern auch in der BRD schon seit Jahren deutlich.

Reaktionen

Entsprechend feindselig und gehässig werden die Kommentare gegen die »Jerusalemer Erklärung« ausfallen. Die ersten Beispiele dafür liegen schon vor. Am Sonntag erschien auf der Webseite der Ruhrbarone ein Gastkommentar von Thomas Wessel, der kaum etwas lieferte, was man Argument nennen könnte, und statt dessen mit einer menschlichen Verächtlichmachung der Unterstützerinnen und Unterstützer der »Erklärung« einsetzte. »Die wenigsten von ihnen wohnen in Jerusalem, die meisten zwischen Konstanz und Kalifornien«, hieß es da. Sie seien »teils wissenschaftlich, teils eher nicht« tätig, lautete eine weitere süffisante Bemerkung. Indessen kann man sich aber leicht anhand der Namensliste, die der »Erklärung« beigefügt ist, davon überzeugen, dass so gut wie alle Unterzeichnerinnen und Unterzeichner entweder aktiv an akademischen Institutionen tätig sind oder es früher waren. (Einige von ihnen sind schon über das Renteneintrittsalter hinaus.) Es folgt die übliche infame Polemik: Irans »Terror-Ayatollah« (O-Ton) Khamenei wolle den Staat Israel vernichten. »Er könnte sich mit diesem Programm auf die ›Jerusalemer Erklärung‹ berufen und wird es beizeiten tun. (…) Im Zweifelsfall würde Israel aus der Völkerfamilie so rausgeworfen werden (sic!) wie das europäische Judentum aus der Menschheit hinausgemordet wurde.«

Der »Jerusalem Declaration« ist zunächst einmal eine Verbreitung und Diskussion zu wünschen, die weit über den Tag und die nächsten Wochen hinausreicht. Dass das ausreicht, um die sogenannte öffentliche Meinung und die Entscheidungen der Politiker zu beeinflussen, ist allerdings zu bezweifeln. Entschieden wird diese Frage letzten Endes leider nicht durch Argumente, sondern Interessen.

Antisemit zu sein, gehört in diesem Land zu den schlimmsten und effektivsten Vorwürfen. Zugleich ist es eine der bequemsten Methoden, jemanden aus dem gesellschaftlichen Diskurs »herauszunehmen«, wenn diese Anschuldigung gar nicht erst bewiesen werden muss, sondern aufgrund einer über dem bürgerlichen und internationalen Recht stehenden autoritativen »Definition« einfach bei Vorliegen einer bestimmten Aktivität unwiderlegbar festgestellt werden kann. Diese Handhabe liefert die pauschale Abstempelung aller BDS-Aktivitäten und aller Verbindungen mit ihnen als »antisemitisch«. In der Regel ist das auch der einzige Vorwurf, der den Betroffenen wirklich gemacht werden kann, weil sie keine sonstigen Voraussetzungen für einen Antisemitismusverdacht erfüllen.

Kann das aufgebrochen werden? Wenn die »Jerusalem Declaration« wirklich als Alternative zur »Arbeitsdefinition« der IHRA gedacht ist, wie es in ihrer Präambel heißt, fällt unter anderem auch schwer ins Gewicht, dass jene mehr als vier Jahre Vorsprung hat und außerdem sozusagen auf den Schultern ihrer Vorgängerinnen, insbesondere des Papiers der EUMC von 2005, steht. Es wird in jedem Fall ein schwerer Gang.

Der englische Originaltext der »Jerusalemer Erklärung« ist unter jerusalemdeclaration.org abrufbar.

Eine deutsche Übersetzung findet sich hier: diakblog.files.wordpress.com/2021/03/jda-deutsch_final.pdf

Knut Mellenthin schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 19. September 2020 über das Enthüllungsbuch des ehemaligen Nationalen US-Sicherheitsberaters John Bolton über Donald Trump.

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Debatte

  • Beitrag von Rudi E. aus L. (30. März 2021 um 20:06 Uhr)
    Dass die »Jerusalem-Erklärung« explizit Kritikern Israels zugesteht, die Menschenrechte der Palästinenser und ihr Recht auf einen eigenen Staat als nicht antisemitisch zu definieren, ist m. E. zumindest ein erster Schritt zum richtigen Verständnis, dass »Antisemitismus« nicht immer das ist, was man in ihn (aus politischen Gründen) hineininterpretiert.

    Das Problem ist allerdings, dass diese Sichtweise nicht in allen Ländern so dargelegt und interpretiert wird. Die BRD ist nach wie vor ein Staat, der sich in seiner kritiklosen Vasallentreue gegenüber Israel das nicht zueigen macht. Wäre aber schön, wenn Berlin diese feinen Unterschiede auch als »nicht antisemitisch« anerkennt.

    Es scheint hier in der BRD immer noch das (politische) Denken vorzuherrschen, dass jede, wirklich jede harmlose Kritik an Israel – aber auch harsche Kritik zur Besatzungspolitik gegenüber den Palästinensern – grundsätzlich als antisemitisch eingestuft und geahndet werden muss. Der Sache tut man damit keinen Gefallen.

    Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Definition »Antisemitismus« – um jedweder berechtigten Auseinandersetzung und Diskussion bequem aus dem Wege zu gehen – als politisches Totschlaginstrument benutzt wird. Eine kommode Art, sich mit politisch unbequemen Problemen nicht auseinandersetzen zu müssen.
  • Beitrag von Dieter R. aus N. (31. März 2021 um 08:33 Uhr)
    Nahezu jeder Passus solcher »Expertenpapiere« ist je nach Sichtweise in jeder Richtung interpretierbar und stiftet meiner Meinung nach mehr Verwirrung und Streit als Klärung. Ich persönlich verlasse mich lieber auf meine allgemeine Haltung auch im Hinblick auf Antisemitismus, und die besagt, dass ich niemals Menschen wegen ihrer Herkunft oder wegen ihres Glaubens in irgendeiner Weise diskriminieren würde. Das Recht, Politik und menschenrechtsverachtende Handlungen des israelischen Staates oder von Einzelpersonen zu kritisieren oder zu bekämpfen, nehme ich mir unabhängig anderslautender existierender staatlicher oder sonstiger Einschätzungen ohne jeden Abstrich heraus. Verpflichtet fühle ich mich in jedem Fall einzig meinem Gewissen. Auf dieser Grundlage bin ich z. B. nicht bereit, israelische Waren zu kaufen, solange die derzeitige aggressive israelische Politik fortgesetzt wird, und ich kritisiere als Atheist den jüdischen Glauben an sich – wie jeden anderen auch.

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