1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Gegründet 1947 Sa. / So., 19. / 20. Juni 2021, Nr. 140
Die junge Welt wird von 2552 GenossInnen herausgegeben
1.000 Abos für die Pressefreiheit! 1.000 Abos für die Pressefreiheit!
1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Aus: Ausgabe vom 30.03.2021, Seite 6 / Ausland
EU-Abschottung

Polizeigewalt und Solidarität

Trotz Kriminalisierung unterstützt Bevölkerung weiterhin Geflüchtete an der kroatischen EU-Außengrenze
Von Heike Schiebeck
6.JPG
Flüchtlinge in einer verlassenen Fabrik in der Nähe von Velika Kladusa (31.1.2021)

Über das hügelige Hochland südlich von Bihac pfeift ein eisiger Wind. Es ist Mitte März, keine Spur von Frühling. Hier liegt der verlassene Weiler Lipa an der Landstraße nach Sarajevo, ein Ort, der Ende letzten Jahres traurige Berühmtheit erlangte: Die Internationale Organisation für Migration (IOM) stellte ihre Arbeit im provisorischen Flüchtlingslager ein, etwa 1.000 Menschen waren plötzlich sich selbst überlassen. Bilder vom brennenden Camp und verzweifelt im Schnee umherirrenden Flüchtlingen erreichten unsere Medien. Die UN-Organisation IOM betreibt einige der Camps in Bosnien mit EU-Geldern.

Daka, der einzige bosnische Einwohner von Lipa, besitzt Land und Ruinen drei Kilometer vom Camp entfernt. Während des Krieges vertrieb die kroatische Armee die serbische Bevölkerung, so auch seine Familie. Als das Flüchtlingslager errichtet wurde, hat er sich in einem Wohncontainer zwischen den Ruinen der Bauernhäuser niedergelassen, Wasser schöpft er aus einer Quelle in der Nähe, zwei Photovoltaikpaneele spenden Strom. Im Januar und Februar, als die Not am größten war, hat er, finanziert vom Kochkollektiv Zürich, auf seinem Gelände viermal wöchentlich Lebensmittelpakete mit Mehl, Öl, Zwiebeln sowie andere Hilfsgüter an die Geflüchteten ausgegeben. Sie laden ihre Handys bei ihm auf. Er wurde mehrfach von der Polizei aufgesucht, aber das konnte ihn nicht einschüchtern.

Auch in Velika Kladusa, einem Städtchen im Nordwesten Bosniens direkt an der kroatischen Grenze, helfen einheimische und internationale Freiwillige, aller Kriminalisierung zum Trotz. Im Flüchtlingslager Miral leben 1.000 Personen auf Raum, der für 700 gedacht ist. Die Krätze grassiert, in der Umgebung hausen weitere 300 bis 400 in verlassenen Gebäuden, den Squats, ohne Wasser, Strom und Fenster, oder im Wald unter freiem Himmel. Die Coronapandemie ist hier nur eines von vielen Problemen. Immer wieder kommt es zu rassistischen Übergriffen. Die in- und ausländischen Ehrenamtlichen versorgen die Menschen, so gut es geht, mit Lebensmitteln, Brennholz, Kleidung und verarzten sie. Das geschieht meist heimlich, weil in Bosnien nur offizielle Hilfsorganisationen dazu berechtigt sind. Werden Ausländerinnen oder Ausländer von der Polizei erwischt, müssen sie Geldstrafen zahlen und werden des Landes verwiesen. Um ihre Arbeit zu legalisieren, hat Alma, eine junge Lehrerin, mit bosnischen Freunden den Verein »Rahma« gegründet, was auf arabisch »Mitgefühl« heißt. Alma hat schon Morddrohungen erhalten, aber sie macht weiter. »Rahma« betreibt ein gut geführtes Lager mit Kleidung, Schuhen und Hygieneartikeln. Die Mitglieder fahren in ihren privaten Pkw zu den Squats, um Lebensmittel auszuteilen. Andere Bosnier spenden etwas Geld, lassen Geflüchtete bei sich duschen oder waschen ihre Kleider.

»Die bosnischen Menschen sind gute Menschen, aber die kroatische Polizei ist fürchterlich«, sagt uns auf englisch ein junger Flüchtling, der abends mit anderen auf dem Weg zur Grenze ist. Werden sie abgefangen, zerstört die kroatische Polizei ihre Handys, weigert sich, ihr Asylgesuch entgegenzunehmen, nimmt ihnen Ausrüstung, warme Jacken oder gar die Schuhe und jagt sie zurück nach Bosnien. Oft werden die Flüchtlinge verprügelt, durch den eiskalten Grenzfluss getrieben oder gefoltert. Diese illegalen »Pushbacks« und Menschenrechtsverletzungen dokumentiert das Border Violence Monitoring Network (BVMN), ein Zusammenschluss von 14 Organisationen, in dem Freiwillige seit 2017 mit Betroffenen Interviews führen. Im Dezember hat das BVMN das »Blackbook of Pushbacks« herausgegeben, eine 1.500 Seiten starke Dokumentation. 900 Fälle von illegalen Pushbacks an den EU-Außengrenzen mit mehr als 12.000 betroffenen Personen sind darin festgehalten.

Auch Daka möchte sich an der Menschenrechtsarbeit beteiligen und mit seinem Verein »Center for Regeneration« dem BVMN beitreten. So trotzen mutige, solidarische Menschen der brutalen EU-Abschottungs- und Abschreckungspolitik.

Heike Schiebeck ist Mitglied des Europäischen BürgerInnen Forums

1.000 Abos jetzt

Die Bundesregierung sagt: der Tageszeitung junge Welt sei mit geheimdienstlichen Mitteln der »Nährboden zu entziehen«. Wirtschaftlich und wettbewerbsrechtlich negative Folgen durch die Nennung der Zeitung im Verfassungsschutzbericht seien sogar beabsichtigt.

Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

Ähnliche:

Mehr aus: Ausland