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Aus: Ausgabe vom 30.03.2021, Seite 1 / Titel
Arbeitskämpfe international

Stiche gegen Amazon

Streikproteste und Gewerkschaftsinitiativen weltweit: Belegschaften machen beim Krisengewinnler mobil
Von Oliver Rast
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In Indien wird verstärkt für bessere Arbeitsbedingungen protestiert: Im Amazon Fulfillment Center in Bengaluru

Krisengewinnler Amazon steht unter Druck: Gewerkschafter organisieren Beschäftigte beim Internetgiganten nicht nur hierzulande, sondern weltweit – für Betätigungsfreiheit, Tarifverträge und Arbeitsschutz in der Pandemie.

In der BRD begann mit der Nachtschicht zu Montag bereits die fünfte Streikkette in den zurückliegenden anderthalb Jahren. Verdi rief Kollegen an den Standorten Werne, Rheinberg (beide Nordrhein-Westfalen), Leipzig (Sachsen), Koblenz (Rheinland-Pfalz) und zwei Versandzentren im hessischen Bad Hersfeld zu einem viertägigen Arbeitsausstand auf. »Bis einschließlich Gründonnerstag greifen wir ein«, sagte der Gewerkschaftssekretär für Rheinberg, Tim Schmidt, am Montag im jW-Gespräch. Die Stimmung sei kämpferisch und »unsere Mitgliederzahlen wachsen«, ergänzte sein Verdi-Kollege Philip Keens vom Werner Standort gleichentags gegenüber jW.

Coronabedingt könne es aber nur »Homestreiks« geben, sagte Keens. Dennoch, das Ziel ist klar: die Anerkennung der Flächentarifverträge des Einzel- und Versandhandels sowie der Abschluss eines Tarifvertrags für gute und gesunde Arbeit. »Amazon verdient sich in der Coronakrise weiter eine goldene Nase. Schon deshalb muss die Tarifflucht dort beendet werden«, wird Orhan Akman, der zuständige Verdi-Bereichsleiter, in einer am Sonntag abend verbreiteten Mitteilung zitiert.

Allein an den Amazon-Umschlagpunkten in Rheinberg und Werne werden erfahrungsgemäß Hunderte Beschäftigte ihre Arbeit niederlegen, heißt es aus Verdi-Kreisen. Und der Effekt? »Auslieferungen verzögern sich, Kunden sind verärgert, betriebsintern wird Personal umgeschichtet«, weiß Schmidt. Nadelstiche, immerhin.

Amazon reagiert demonstrativ gelassen: »Der Betrieb in den Versandzentren läuft völlig normal«, behauptete ein Konzernsprecher am Montag auf jW-Anfrage. Die Streikbeteiligung sei »ex­trem niedrig«. Kritiker würden Amazon »bei vielen Themen angreifen«, mokierte sich der Sprecher. Der Konzern sei zu einer Art »Projektionsfläche« für Gewerkschaften geworden.

Das ist wohl so. Mit Grund. Gegen Union Busting, also professionelle Gewerkschaftsbekämpfung, beim Onlineriesen engagieren sich vielerorts immer mehr Beschäftigte. In den USA etwa, genaugenommen im Logistiklager in Bessemer im Bundesstaat Alabama. Dort stimmen rund 6.000 Arbeiter seit zwei Monaten im Briefwahlverfahren über den Anschluss an die US-Handelsgewerkschaft RWDSU ab. Mit einem Ergebnis ist Dienstag zu rechnen.

Amazon versuchte, das Votum per Einspruch zu blockieren, scheiterte indes am National Labor Relations Board, der dortigen »Arbeitnehmerschutzbehörde«. Hinzu kommt: Es ist eine Stimmabgabe mit Signalwirkung. Sind die Initiatoren erfolgreich, wäre der Weg frei für die erste US-Gewerkschaft bei Amazon in der rund 27jährigen Konzerngeschichte.

Es brodelt auch in Indien. Streiks gegen Lohnraub bei Amazon laufen beispielsweise in Pune, berichtete die basisgewerkschaftliche Initiative ­Labournet am Montag auf ihrer Homepage. Demnach sollen die Proteste auf weitere Städte wie Bengaluru, Delhi und Hyderabad ausgeweitet werden. Internationale Gewerkschaftskämpfe, »die auch die Position der Beschäftigten in Deutschland stärken«, sagte ­Silke Zimmer, Verdi-Fachbereichsleiterin Handel in NRW, zu Wochenbeginn. »Wir werden gemeinsam weiter Druck machen, bis Amazon die Forderungen der eigenen Beschäftigten endlich respektiert«, betonte sie.

Wer hat Angst vor wem?

Diejenigen, die sich nicht scheuen, gegen Faschismus, Rassismus, Krieg und Ausbeutung einzutreten? Die dafür mit Verfolgung und Repression rechnen müssen? Oder diejenigen, die Verfassung und die herrschenden Verhältnisse »schützen«?

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