Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Dienstag, 20. April 2021, Nr. 91
Die junge Welt wird von 2503 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 29.03.2021, Seite 16 / Sport
Wintersport

Ein eiskaltes Business

Zum Abschluss einer Wintersportsaison im Ausnahmezustand
Von Gabriel Kuhn
16.jpg
Es dreht sich weiter: Die US-Athletin Madison Chock bei der Eiskunstlauf-WM in Stockholm

Am Wochenende endete der Skisprungweltcup mit dem Skifliegen der Herren in Planica und dem »Blue Bird Tournament« der Damen in Russland. In Stockholm fand das Schaulaufen der Eiskunstlauf-WM statt. Es war das inoffizielle Ende der Wintersportsaison.

Dies war eine Saison wie keine andere. Zuschauer gab es fast nirgends, dafür Tausende Coronatests. Angesichts der Umstände konnten die Wintersportfunktionäre zufrieden sein. Ziel war es, so viele Wettbewerbe wie möglich durchzuziehen, schließlich steht viel Geld auf dem Spiel. Einige traditionelle Veranstaltungen mussten abgesagt werden, etwa die Skirennen in Wengen oder das Skispringen am Holmenkollen. Dafür konnten alle Weltmeisterschaften stattfinden. Zwar nicht ohne Proteste, doch die ökonomischen Argumente wogen bei den Verantwortlichen schwerer.

Herren- und Damenwettbewerbe wurden dabei unterschiedlich bewertet: Für die Herren fand sich bei Absagen fast immer ein Ersatzort, für die Damen nicht. Die nordischen Kombiniererinnen hatten ihre allererste Weltcupsaison, am Ende bestand diese jedoch aus einem einzigen Wettbewerb, der im Dezember stattfand. Auch im Skisprung wurde kein einziger der ausgefallenen Damenwettbewerbe nachgetragen, dafür fünf der Herren.

Vor Saisonbeginn wurden die Weltcupkalender den besonderen Umständen angepasst. Die Anzahl der Wettkampforte wurde reduziert, wobei sich die Internationale Eislaufunion besonders hervortat: Alle Eisschnellaufwettbewerbe fanden an ein und demselben Ort statt, dem Eisschnellaufmekka Heerenveen in den Niederlanden. Auf außereuropäische Veranstaltungsorte wurde fast gänzlich verzichtet. Nur die Freestyleweltmeisterschaften für Skiläufer und Snowboarder in »Halfpipe«, »Slopestyle« und »Big Air« wurden dort ausgetragen, wo die Namen das größte Interesse vermuten lassen: in den USA.

Von besonderer Bedeutung war die Absage sämtlicher Veranstaltungen in der chinesischen Provinz Hebei. Sie hätten als Generalprobe für die Olympischen Winterspiele 2022 in Beijing dienen sollen. Viele der Anlagen waren extra für die Spiele errichtet worden.

Coronafälle beeinträchtigten die Saison. Der norwegische Skisprungweltcupsieger Halvor Egner Granerud wurde bei der Nordischen Ski-WM in Oberstdorf positiv getestet. Bei den Damen wurde die Österreicherin Marita Kramer wegen eines falschen Testergebnisses um den Weltcuptitel gebracht. Alles in allem bewährten sich jedoch die ausgefeilten »Blasen«-Systeme. Einige Teams gingen freilich wenig Risiko ein: Norwegen verzichtete fast zur Gänze auf die Weltcupsaison im Langlauf, um bei der Nordischen Ski-WM in Oberstdorf die Besten am Start zu haben. Das zahlte sich aus. Die norwegischen Herren gewannen zehn von zwölf möglichen Einzelmedaillen.

Corona war nicht das einzige Gesundheitsproblem. Vor allem im alpinen Skilauf nehmen die Verletzungen überhand. Beim Weltcupfinale, bei dem in den Einzelrennen die 25 besten der Weltcupwertung an den Start gehen dürfen, fehlten allein beim Damenriesenslalom sechs Läuferinnen, fast ein Viertel. Bei schwerwiegenden Verletzungen wie Kreuzbandrissen ist die Saison im Eimer. Athleten wie die österreichische Riesenslalomspezialistin Stephanie Brunner haben bereits drei hinter sich. Selbst Markus Waldner, Renndirektor beim Internationalen Skiverband FIS, räumte in einem Gespräch mit der österreichischen Tageszeitung Der Standard ein, dass man »die Verletzungsproblematik in den Griff bekommen« müsse. Allerdings mit einer interessanten Erklärung: »Wenn es viele Verletzte gibt, verlieren wir auch die Protagonisten.«

Die Protagonisten im Skisprung leben besonders gefährlich. Der Norweger Daniel-André Tande stürzte im Probedurchgang des Skifliegens in Planica so schwer, dass er in der Universitätsklinik von Ljubljana in einen künstlichen Tiefschlaf versetzt werden musste. Tande schwebt laut Auskunft der Ärzte nicht in Lebensgefahr, doch die Langzeitfolgen des Unfalls sind nicht abzusehen.

Im Skilanglauf sind die Probleme vergleichsweise trivial. Hier ist vor allem eine Regeländerung für den Zielsprint gefordert: Es gibt dabei »Korridore«, die man nicht verlassen darf. Wer als erster zur Markierung kommt, darf seinen Korridor auswählen. In Sprintduellen kommen Läufer dort jedoch oft gleichzeitig an. Beim Kampf um den besten Korridor verletzten sie zwangsläufig die Regel, wonach andere Läufer nicht behindert werden dürfen. Juryurteile fallen völlig willkürlich aus. So gab es keine Strafe für Joni Mäki, den Schlussläufer der finnischen Staffel beim Weltcuprennen in Lahti, der den russischen Gesamtweltcupsieger Alexander Bolschunow abdrängte. Dafür wurde Bolschunow disqualifiziert, weil er Mäki nach dem Zieleinlauf mit einem Bodycheck niederstreckte. Bei der nordischen Ski-WM wenige Wochen später fand sich Bolschunow in Mäkis Rolle wieder. Beim Zieleinlauf des 50-Kilometer-Rennens drängte er den Norweger Johannes Høsflot Klæbo ab. Klæbo drängte zurück, und einer der Stöcke Bolschunows ging zu Bruch. Klæbo wurde disqualifiziert, doch Bolschunow blieb trotzdem nur Silber, da auf den letzten Metern auch noch Klæbos Landsmann Emil Iversen an ihm vorbeigezogen war.

Vor großen Herausforderungen steht der Winterport als Wirtschaftszweig. Ihm gehen die Fernsehzuschauer verloren. In den nordischen Ländern sieht sich kaum noch jemand unter 40 Langlaufrennen an. Das gleiche gilt für alpine Skirennen im Alpenraum. Sportarten wie der Eisschnellauf oder das Rodeln bedienen seit jeher nur eine Nische. Die stark geförderten Freestyleevents der Skifahrer und Snowboarder ziehen zwar ein jüngeres Publikum an, erweisen sich bisher jedoch nicht als massentauglich. Bereits jetzt sind die meisten Wintersportevents nur mit Hilfe von Schneedepots und künstlicher Beschneiung zu organisieren. Nachhaltig sieht anders aus. In einem Interview mit der französischen Presseagentur AFP stellte sogar die US-amerikanische Skirennläuferin Mikaela Shiffrin, Siegerin von 69 Weltcuprennen, die Frage, ob wir »in 40 Jahren überhaupt noch Skifahren« werden.

Die Wintersportverbände wollen davon nichts hören. Ihre Aufgabe ist es, die Interessen der Wintersportindustrie zu befriedigen – mitnichten ein Verschwörungsmythos, wie das Beispiel Katharina Liensbergers zeigt: Die österreichische Slalomweltmeisterin und Slalomweltcupsiegerin dieses Jahres verlor 2019 fast ihren Platz im österreichischen Skiteam, weil sie mit einer Skimarke an den Start gehen wollte, die damals kein offizielles Abkommen mit dem Österreichischen Skiverband hatte. Erst nachdem sie für das Saisonauftaktrennen nicht nominiert worden war, gab Liensberger nach. Dagegen nehmen sich die Markenautos, über die Abfahrtsläufer bei Weltcuprennen springen müssen, harmlos aus.

Das enge Verhältnis von Sport und Wirtschaft erklärt auch, warum nach den Olympischen Winterspielen 2018 im südkoreanischen Pyeongchang 2022 wieder Olympische Winterspiele in Asien stattfinden werden. Hier gibt es noch Märkte zu erobern.

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

Polizei vor Kiezkneipen- oder Waldschützern, Instagram vor linken Bloggern, Geheimdienste vor Antifaschisten? Oder eher andersherum? Die Tageszeitung junge Welt entlarvt jeden Tag die herrschenden Verhältnisse, benennt Profiteure und Unterlegene, macht Ursachen und Zusammenhänge verständlich.

Unverbindlich und kostenlos lässt sich die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) probelesen. Abbestellen nicht nötig, das Probeabo endet automatisch.