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Aus: Ausgabe vom 29.03.2021, Seite 11 / Feuilleton
Nachruf

Furchtlos und konsequent

Zum Tod des Berliner Politikers und Gewerkschafters Gert Julius
Von Arnold Schölzel
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Ein Unermüdlicher: Gert Julius (1936–2021)

Es gibt Menschen, deren politische Biographie wie vorbestimmt verläuft. Der Weg von Gert Julius, der am 21. März in Berlin starb, führte von der SPD zur PDS/Die Linke und schließlich in die DKP. Nichts davon war absehbar, gleichbleibend allerdings seine Haltung: Alles tun, um Krieg und Faschismus zu verhindern. Für ihn war das gleichbedeutend mit Sozialismus. Er engagierte sich als Betriebsrat und Gewerkschafter, als Kommunalpolitiker, als Anstifter von Solidaritätsaktionen für das 1999 von NATO-Bombern zertrümmerte Jugoslawien, für das blockierte Kuba oder für verfolgte Angehörige des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit. Er nutzte sein Mandat als Stadtverordneter im Berliner Stadtbezirk Tempelhof-Schöneberg in den 2000er Jahren, um zu hochkarätig besetzten politischen und wissenschaftlichen Konferenzen ins Rathaus Schöneberg einzuladen, etwa mit den Philosophen Wolfgang Fritz Haug, Hans Heinz Holz und Thomas Metscher. Bei CDU, SPD, Grünen und Frontstadtpresse veranlasste das alles regelmäßig Tobsuchtsanfälle, Gegendemonstrationen, Saalverbote und Beleidigungen als »Mauermörder«. Gert Julius ließ das äußerlich kalt, er machte unbeirrt weiter – in Ruhe, furchtlos, mit Sachlichkeit und Energie. Ein Unermüdlicher.

Gert Julius wurde am 2. März 1936 in Berlin geboren, absolvierte eine Banklehre und übte diesen Beruf bis zur Rente aus – lange Zeit in Hamburg bei der damaligen Bank für Gemeinwirtschaft, seit 1987 wieder in Berlin. In beiden Städten war er als Betriebsrat tätig und in der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) aktiv, später in Verdi. 1999 verließ er nach 31 Jahren Zugehörigkeit die SPD, vielleicht die wichtigste Zäsur in seinem Leben. Er kandidierte zwar bereits auf der offenen Liste der PDS für die Bezirksverordnetenversammlung, hielt aber nun den Bruch für unausweichlich. Er sehe keine Chance mehr, schrieb er dem SPD-Landesvorstand, »in dieser Partei für sozialdemokratische Politik einzutreten und diese durchzusetzen«. Vor allem aber: »Ein weiterer und der wesentlichste Grund meines Austritts ist der unter Führung der sozialdemokratischen Regierungsmitglieder im Rahmen der NATO begonnene Angriffskrieg gegen das Volk der Bundesrepublik Jugoslawien und der diese Politik unterstützende Beschluss des letzten Bundesparteitages der SPD.« Bereits damals aber begegnete er seiner neuen Partei, der PDS, mit Skepsis. In einem jW-Interview forderte er sie auf, sie solle nicht versuchen, eine Ersatzpartei für die SPD zu werden. Wie viele andere, die mit ihm zur PDS wechselten, sah er sich dort aber erneut Leuten gegenüber, die wie Gerhard Schröder auf die »neue Mitte« setzten und mit der Arbeiterbewegung nichts am Hut hatten – eine Situation, die ihn schließlich in die DKP führte.

Das wichtigste blieb für ihn: Menschen verschiedenster politischer Überzeugung zusammenzuführen. Er wurde ehrenamtlicher Vorsitzender des DGB-Ortskartells im Stadtbezirk, Geschäftsführer der Gesellschaft für Bürgerrecht und Menschenwürde (GBM), gründete mit anderen Gewerkschaftern 2005 das Bündnis für Soziale Gerechtigkeit und Menschenwürde (BüSGM), dessen Zeitung er maßgeblich gestaltete, er engagierte sich in der jW-Genossenschaft, im Vorstand des Rotfuchs-Fördervereins und schaffte es immer wieder, große Säle mit seinen Initiativen zu füllen. Legendär wurde die Veranstaltung »Rote Lieder gegen braunen Mob«, zu der er jährlich zum 8. Mai einlud. Seine Tatkraft und seine Initiativen werden fehlen.

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