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Aus: Ausgabe vom 29.03.2021, Seite 10 / Feuilleton

Rohe Stoffe, rauhe Methoden

Von Erwin Riess
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Das Monopolkapital floriert: Schild der Firma Glencore im Schweizer Ort Zug

Der Dozent stand mit seinem Freund Groll hinter dem Zaun einer Industrieanlage in Klagenfurt. »Sehen Sie die mannshohe Pyramide aus silbrig-grauen Barren? Das ist Zink«, sagte Herr Groll. »Klagenfurt ist einer der wenigen übriggebliebenen Standorte für Lohnverzinkerei. Von meinem fünfzehnten bis zu meinem zwanzigsten Lebensjahr habe ich in den Ferien in der Verzinkerei der Voest Alpine in Krems an der Donau gejobbt und sehr gut verdient. Ich konnte mir Interrail-Reisen und ein Moped leisten, und beim Kauf von Büchern und Schallplatten musste ich nicht knausrig sein. Ich hege warme Gefühle für Zink.«

»So ist das bei einer Feuerverzinkerei«, stellte der Dozent sachlich fest.

»Mittlerweile ist meine Liebe zu Zink aber erkaltet.«

»Ich höre«, sagte der Dozent und zückte sein Notizbuch.

»Der weltgrößte Rohstoffkonzern mit Sitz im Kanton Zug wurde in den 80er Jahren von einem gewissen Marc Rich gegründet«, erzählte Groll. »Er baute den Konzern zu einem führenden Rohstoffhändler vor allem in Geschäften mit Südafrika und dem Iran aus. In den 90er Jahren spekulierte Rich mit Zink und machte schwere Verluste, daraufhin musste er das Unternehmen an seine Manager verkaufen, die zu gleichen Teilen den Konzern übernahmen. Geschäftsführer war der Südafrikaner Ivan Glasenberg, der Vorsitzende des Bereiches Umwelt, Gesundheit und Sicherheit hieß Tony Hayward – er hatte 2010, als er noch bei British Petrol arbeitete, die Öl- und Umweltkatastrophe nach dem Brand der Bohrplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko zu verantworten. Für Glencore war das aber ein Leistungsnachweis, der ihn drei Jahre später zum Vorsitzenden des Verwaltungsrats des Konzerns machte. Und so leisten alle zusammen ihren Beitrag zu Ruin und Zerstörung unseres blauen Planeten.«

»Was für eine blumige Formulierung!« warf der Dozent ein.

»Heutzutage muss man Romantiker sein, wenn man die Wirklichkeit ertragen will«, sagte Groll und fuhr fort: »Zunächst konzentrierte sich Glencore auf den physischen Handel mit Metallen, mineralischen Rohstoffen und Erdöl. In der Folge expandierte das Unternehmen mit Öl- und Kohleprodukten in den Energiebereich. Durch die Akquise einer niederländischen Getreidevertriebsgesellschaft im Jahr 1982 stieg Glencore in die Agrarwirtschaft ein. Durch weitere Zukäufe in den Bereichen Bergbau, Verhüttung, Raffinerie und Verarbeitung expandierte das Unternehmen in den 80er und 90er Jahren weiter. Das Agrargeschäft ist weiter lukrativ, vor allem das Verschieben von Grundnahrungsmitteln jeweils dorthin, wo die höchsten Preise winken. Hungersnöte bedeuten für den Konzern Profit, denn Hilfslieferungen der UNO werden bei ihm bestellt. Glencore ist auf drei Kontinenten Großgrundbesitzer und kontrolliert je ein Viertel des Weltmarkts für Gerste und Rapsöl. Bei Sonnenblumenöl ist es ein Fünftel, bei Weizen und Sojaöl ein Zehntel. Für russischen Weizen ist Glencore der weltgrößte Exporteur überhaupt.«

»Bravo!« bemerkte der Dozent sarkastisch.

»Das Unternehmen gilt als extrem gewerkschaftsfeindlich«, setzte Groll fort. »Minenbesetzungen und Streiks der Bergarbeiter werden gern gewaltsam beendet. Auch die Ermordung von Gewerkschaftern durch Paramilitärs zählt zum Repertoire der Machtausübung. Dazu kommt, dass Glencores Industrien und Minen Umweltverschmutzungen im großen Stil verursachen. Der Konzern betreibt Minen in Sambia, der Republik Kongo, Peru und Kolumbien und anderswo. Giftige Abraumstoffe werden in offene Mülldeponien neben Wohnstätten verbracht, Abwasser wird über undichte Pipelines, die durch bewohnte Gebiete führen, geleitet. Aus Kupferbecken steigen Schwefel- und Säuredämpfe auf. Die Bewohner leiden unter Hauterkrankungen und Missbildungen. Die Zahl geistig behinderter Kinder ist erschreckend hoch. Umweltauflagen werden systematisch negiert. EU-Parlamentarier verurteilten die Finanzierung von Bergbauprojekten des Konzerns mit EU-Geldern. Natürlich folgenlos.

Im Februar 2012 wurde die Fusion mit der ebenfalls in Zug in der Schweiz ansässigen Xstrata, auch das ein Rohstoffkonzern, bekanntgegeben. Die EU stimmte zu. Auch die chinesischen Regulierungsbehörden gaben ihre Zustimmung – unter der Auflage, dass chinesischen Kunden bestimmte Mengen an Kupfer, Zink und Blei geliefert werden. – Sie sehen, das Monopolkapital floriert.«

Ein schwerer Lkw näherte sich dem Eingang.

»Lassen Sie uns verschwinden«, sagte Groll zu seinem Freund. »Sonst werden wir noch als Zinkdiebe verdächtigt.«

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

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