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Aus: Ausgabe vom 29.03.2021, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

An den Grenzen der Ermittlung

Kein simpler Krimi: Der Roman »Die Erfindung der Null« mischt auf faszinierende Weise literarische Genres
Von Gerd Bedszent
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Lösungen gesucht: Michael Wildenhain spielt in seinem Krimi mit Elementen der Mathematik

Die Ausgangssituation des Romans ist einfach: Ein promovierter Mathematiker, der sich als Nachhilfslehrer verdingt, wird zum Gegenstand eines Kriminalfalls. Französische Behörden melden eine deutsche Touristin als verschwunden, vermuten ein Tötungsdelikt und verdächtigen ihren Begleiter, eben diesen Mathematiker. Dieser entpuppt sich als ein Genie, welches allerdings außerstande ist, sich ein einigermaßen normales Leben zu organisieren. Die Mühlen der Justiz beginnen sich zu drehen.

Ein simpler Krimi also? Das nun eher nicht. Denn erst nach einem für die Justiz gänzlich unbefriedigenden Abschluss der Ermittlungen und der anschließenden Lektüre eines Bündels außerordentlich wirrer Aufzeichnungen des Beschuldigten beginnt der zuständige Staatsanwalt zu begreifen, dass er an die Grenzen seines Berufes gestoßen ist.

Das nun folgende, äußerst gekonnt geschilderte Konglomerat von privaten Beziehungskisten, Vergangenheitsbewältigung, politischem Vatermord und dem Grunde nach sinnlosen polizeilichen Ermittlungen soll hier nicht im Detail wiedergegeben werden. In Gestalt des Antihelden Martin Gödeler liefert der Autor jedenfalls ein außerordentlich gelungenes Psychogramm einer schwer gestörten Persönlichkeit, die unvermittelt der eigenen Vergangenheit ins Auge blickt. Das Ganze wird der Vollständigkeit halber dann auch noch garniert mit abstrusen Fragmenten höherer Mathematik. Man kann dabei aus dem Buch eine Überzeugung des Autors herauslesen: dass Versuche staatlicher Behörden, gesellschaftliche Probleme ausschließlich mit juristischen Mitteln aufzuklären, zum Scheitern verurteilt sind.

Michael Wildenhain, in den 80er Jahren Aktivist der Westberliner Hausbesetzerszene, hat in mehreren Romanen, Erzählungen und Gedichtbänden Aufstieg und dann auch den Niedergang der linken Subkultur der alten Bundesrepublik beschrieben. Andere seiner Werke sind im Grenzbereich zwischen Natur- und Gesellschaftswissenschaft angesiedelt. Sein jüngster Roman »Die Erfindung der Null« thematisiert unter anderem die Spätbiographie von Protagonisten jener in den 80er Jahren politisierten Generation, der er selber angehört. Das Ergebnis ist eine eher ungewöhnliche und faszinierende Mischung aus verschiedenen literarischen Genres: Sozialreportage, Liebesgeschichte, Politkrimi, Psychothriller und politischer Schlüsselroman – mit einem sehr überraschenden Schluss. Natürlich ist das Buch auch eine Anklage gegen eine Welt der Kälte, der Vereinsamung, der sozialen Frustration. Und es ist eine Warnung vor einem in diesem Klima möglichen Aufstieg der radikalen Rechten. Der Autor lässt ganz am Ende des Buches eine der Figuren resümieren: »Das Ungeheuer schläft. Aber sein Schlaf ist leicht. In unruhigen Träumen regt es sich.«

Michael Wildenhain: Die Erfindung der Null. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2020, 295 Seiten, 22 Euro

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