Gegründet 1947 Montag, 12. April 2021, Nr. 84
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Aus: Ausgabe vom 26.03.2021, Seite 12 / Thema
Raubkunst der Nazis

Torte schwer verdaulich

Wie Hitler sich kostbare Kunstwerke aus Italien aneignete, und wie sie dorthin zurückkehrten
Von Horsta Krum
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Hitlers Sahnestück: Der »Discobolus Lancelotti«, eine römische Marmorkopie einer griechischen Diskuswerferstatue, war bei den deutschen Faschisten besonders beliebt

Groß, ganz groß und überwältigend sollte es werden, das »Führermuseum« in Linz. Diese Stadt, mit der Hitler emotional verbunden war, sollte die Hauptstadt europäischer Kultur werden und Wien, Florenz, Paris, überhaupt alle Kulturstädte Europas übertreffen. Zunächst ließ sich Hitler von dem Kunsthändler Karl Haberstock beraten. 1938 ernannte er dann den Generaldirektor der Dresdener Gemäldegalerie, Hans Posse, zum »Sonderbeauftragten für Linz« und stattete ihn mit Vollmachten und Geld aus. Posse reiste nach Wien, wo er aus beschlagnahmten Kunstsammlungen jüdischer Familien eine Liste zusammenstellte, aus der Hitler vor allem Malerei des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts auswählte, die eher lokale Bedeutung als Weltgeltung besaß.

Als am 1. September 1939 die deutschen Eroberungskriege begannen, ergaben sich für Posse und seinen Mitarbeiterstab überreiche Möglichkeiten, konfiszierte Gemälde und Skulpturen, Bibliotheken und anderes Kulturgut wie Möbel, Schmuck, Münz- und Waffensammlungen zu sichten und Hitler Vorschläge zu unterbreiten.

Im Gegensatz zu den osteuropäischen Ländern galten die westeuropäischen den Nazis als »Kulturnationen«, so dass hier der Umgang mit Kulturgütern weniger brutal war. In Frankreich beispielsweise verhinderte der Kunstschutz der Wehrmacht, dass staatlicher Kunstbesitz in deutsche Hände fiel. Dagegen wurden jüdische Familien und Sammler systematisch beraubt. Durch den »Führervorbehalt« hatte sich Hitler den ersten Zugriff auf die erbeutete Kunst gesichert. Posse kaufte vor allem bei Händlern und Sammlern, unterstützt von Verbindungsleuten, die die Kontakte herstellten. Außer Posse gab es viele Kunstinteressierte, die für Hitler und andere Nazigrößen unterwegs waren oder für sich selbst. Posse besaß als Sonderbeauftragter des »Führers« eine besondere Autorität, die er oft ausspielte, um günstige Preise zu erzielen.

Geschenke vom »Duce«

In Italien mussten die Kunstbeschaffer anders vorgehen als in den besetzten Ländern oder in der neutralen Schweiz, schließlich galt Italien als befreundete Nation. Hier herrschte seit 1925 Benito Mussolini, der »Duce« (Führer), mit seinem »Partito Nazionale Fascista«. Beide, Mussolini und Hitler, brauchten einander: Hitler Mussolini als Verbündeten im geplanten Eroberungskrieg und Mussolini Hitler zur Durchsetzung seiner Interessen im Mittelmeerraum. So wundert es nicht, dass die Staatsmänner behutsam miteinander umgingen, wobei Hitler seine Überlegenheitsgefühle nicht immer verbarg, etwa wenn er mit großer Geste wertvolle Geschenke entgegennahm.

Beim Staatsbesuch 1938 äußerte er sein Entzücken über das sechs Meter breite Triptychon »Die Pest in Florenz« (1868) des österreichischen Malers Hans Makart. Mussolini kam nicht umhin, seinem Besucher das Gemälde zu schenken. Da er auf bildende Kunst keinen Wert legte, zählte für ihn das politische Kalkül mehr als der Verlust des Kunstwerkes. Hitler zeigte sich hoch erfreut; bevorzugte er doch die Malerei des 19. Jahrhunderts. Trotzdem wusste er, dass ein bedeutendes Museum auf die Kunstwerke vorhergehender Epochen nicht verzichten kann – und gerade darin bestand ja der unerhörte Reichtum Italiens. Leidenschaftliche Kunstsammler, ehrgeizige Museumsdirektoren, geltungsbedürftige Politiker und Wirtschaftsleute schmücken sich bis heute mit Kunstschätzen aus Italien.

Gegen die Begehrlichkeit neidvoller Nachbarn hatte bereits das antike Rom Vorschriften zum Schutz von Kulturgütern erlassen, die sich auf öffentlichen Plätzen befanden. Diese Kulturgüter durften nicht verkauft oder verändert werden, auch wenn sie Privatleuten gehörten. Ab dem Mittelalter regelten einzelne Regionen den Schutz ihrer Kulturgüter. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erließ der italienische Staat entsprechende Gesetze für sein gesamtes Territorium, Regelungen, die er gelegentlich ergänzte oder ersetzte. In den späten zwanziger Jahren kam der italienische Kunstmarkt fast zum Erliegen. Danach, in den dreißiger und zu Beginn der vierziger Jahre, warben Händler und Sammler erfolgreich um ausländische Käufer. Diese wandten sich auch an Institutionen, etwa an Museen. Aber der Export von Kunstwerken aus staatlichem Eigentum war und blieb verboten, diese Regelung verschärfte sich sogar: 1937 wurden Exporte untersagt, die einen »äußerst schweren Schaden« (un danno gravissimo) für das kulturelle Erbe bedeutet hätten. Ein Gesetz von 1939 verbot Exporte auch dann, wenn sie einen »erheblichen Schaden« (un ingente danno) angerichtet hätten.

Hatten sich Verkäufer und Käufer geeinigt, musste beim Exportbüro eine Lizenz beantragt werden. Nach einer positiven Antwort war eine Exportsteuer zu bezahlen, die dem Wert des Kunstwerkes entsprach. Der Erziehungsminister Giuseppe Bottai, zuständig für den Schutz von Kulturgut, konnte seine Zustimmung versagen und überdies ein zeitlich begrenztes Exportverbot für bestimmte Bereiche verhängen. Auf diese Weise gelangten viele Kunstwerke nach Deutschland. Selbstverständlich waren auch Posse und seine Helfer in Italien unterwegs. Außer Posse ernannte Hitler noch einen zweiten Beauftragten: Philipp von Hessen, den Schwiegersohn des italienischen Königs Viktor Emanuel. Der hatte 1922 seine Befugnisse an Mussolini abgegeben, dafür war er 1936 mit dem Titel »Kaiser von Abessinien« belohnt worden und blieb weiterhin Italiens König. Prinz Philipp und Posse teilten sich die Aufgabe: Der Kunstexperte machte staatliche, private oder kirchliche Kunstwerke ausfindig, der Philipp übernahm den diplomatischen Teil. Erwies sich der gesetzmäßige Weg als schwierig, weil das Exportbüro oder Bottai ihre Genehmigung versagten, wandte sich Philipp an Mussolini oder dessen Schwiegersohn Geleazzo Ciano, der als Außenminister amtierte. Manchmal benutzte der Prinz auch den deutschen Botschafter in Rom als Vermittler. Ein Besuch beim König, seinem Schwiegervater, konnte ebenfalls hilfreich sein.

Erzwungener Export

Das Duo aus Adel und Wissenschaft arbeitete zielstrebig und geduldig. Beispielsweise sollte das »Portrait eines jungen Mannes« für das Linzer Museum gekauft werden, eins der berühmten Bilder von Hans Memling aus dem Jahre 1490. Da Philipp aus Erfahrung wusste, dass Bottai den Verkauf nicht genehmigen würde, wandte er sich im Juni 1941 direkt an Mussolini, der Hitlers Wunsch an seinen Außenminister weitergab; Ciano wies Bottai an, die nötigen Vorkehrungen für den Export zu treffen, da Mussolini den steuerfreien Export genehmigt habe. Bottai wandte ein, dass ein steuerfreier Export nicht ohne Gesetzesänderung möglich sei. Stets befolge er die Befehle Mussolinis, müsse aber darauf hinweisen, dass der Export dieses Bildes ein nicht wiedergutzumachender Verlust sei. Als möglichen Ausgleich schlug er vor, dass Deutschland ein ähnlich wertvolles Gemälde an Italien geben solle. Die beiden Kunstbeschaffer, so Bottai, verhielten sich wie in einem besetzten Land. Deutschland wolle sich für die Zeit nach dem Krieg ökonomisch bereichern, auf Kosten Italiens, das wirtschaftlich geschwächt und sein kulturelles Ansehen verlieren werde. Ciano überging alle Einwände. Also gab Bottai die erforderlichen Anweisungen an das Exportbüro. Das Bild verließ Italien, nachdem eine Kopie angefertigt worden war – ein letztes schwaches Zeichen der unterlegenen Seite.

Schon 1937/38, bevor Posse und Philipp Italien bereisten, war Hitler ein großer Coup gelungen: der Erwerb des »Diskuswerfers« (Discobolus). Vom Original der griechischen Antike, das verschollen ist, existiert die berühmte römische Marmorkopie (175 cm hoch), die 1781 auf einem der sieben Hügel Roms gefunden und seitdem viele Male kopiert wurde. Hitler legte besonderen Wert auf die römische Marmorstatue, auch deshalb, weil seine Filmemacherin Leni Riefenstahl in dieser Zeit den Film »Olympia« drehte, in dem sie das Bild der Statue mit Fotos von Sportlern der Gegenwart überblendete und so das Ideal athletischer Körper aus der Antike in die Gegenwart übertrug. Eigentümerin der Statue war die Familie Lancelotti. Auf diplomatischem Wege ließ Hitler mit ihr verhandeln, so dass sie die Exportgenehmigung beantragte. Drei Professoren erstellten auf Bottais Wunsch ein Gutachten, das die Statue als unersetzbares Kulturgut einstufte, worauf Bottai den Verkauf verbot. Im Mai 1938 wandte sich die deutsche Botschaft in Rom an Bottai und begründete die erneute Anfrage mit dem persönlichen Interesse des »Führers«. Bottai lehnte erneut ab. Nun befahl Mussolini selbst, dass Bottai die nötigen Vorkehrungen für den Export treffen solle; Bottai gab nach. Der deutsche Staat, der Magistrat und die Museen von Berlin bezahlten den Preis und die Exportsteuer, Schulkinder sammelten Spenden¹. Hans Heinrich Lammers, der Chef der Reichskanzlei, bedankte sich schriftlich bei Bottai.

Auf diese Weise gelangten auch andere wertvolle Kunstwerke in Hitlers Sammlung für das Linzer Museum, beispielsweise eins der Reiterbilder von Rubens. Am Ende wurde der Export jedes Mal genehmigt. Der »Führer« verfügte über mehrere Geldquellen: die »Dankspendenstiftung«, die Lammers regelmäßig mit öffentlichen Geldern auffüllte; Spenden aus Partei und Industrie, beispielsweise der Firma Reemstma; Tantiemen des Buches »Mein Kampf«; Einkommen aus Geldanlagen; Sonderbriefmarken. Wie die Finanzierung der römischen Statue zeigt, gab es aber noch andere Wege.

Die Verhandlungen über Kulturgüter erwiesen sich als mühsam – bis sich 1943 die Ereignisse überschlugen: Nach der Landung der Westalliierten in Italien wurde Mussolini entmachtet, die faschistische Partei aufgelöst. Dem Waffenstillstandsabkommen folgte die Kriegserklärung gegen Nazideutschland im Herbst. Die Wehrmacht besetzte Norditalien bis Rom; Mussolini durfte als Verbündeter im besetzten Gebiet eine Schattenregierung führen. Während sich die deutschen Besatzer mit Mussolinis Truppen immer weiter nach Norden zurückziehen mussten, rächten sie sich an der Widerstandsbewegung Resistenza, indem sie grausame Verbrechen an der Zivilbevölkerung verübten.

Der »Kunstschutz« der SS, gegründet, um italienisches Kulturgut zu bewahren, zerstörte zwar nicht, richtete aber beträchtlichen Schaden an. So transportierte er zusammenhängende Teile von Museumsbeständen nach Deutschland. Auch der Reichtum Florentiner Museen und Privatsammlungen, der in die Umgebung ausgelagert war, sollte diesen Weg nehmen, blieb aber wegen Treibstoffmangels in Südtirol, wo die US-Amerikaner ihn fanden. Die brachten viele Kunstwerke zurück, stahlen dabei aber mindestens zehn wertvolle Gemälde, die 1962 in den USA auftauchten. Deutsche Soldaten und SS hatten sich bereits vorher bereichert.

US-Wahlkampfhilfe

Die Kämpfe zwischen alliierten und italienischen Truppen auf der einen Seite, der Wehrmacht und Mussolinis restlichem Militär auf der anderen, dauerten bis zur Kapitulation der Deutschen am 2. Mai 1945. Kurz danach marschierten die Westalliierten in Süddeutschland ein, wo sich fast alle Kulturgüter befanden, die die Nazis geraubt oder gekauft hatten. In München wurde der wichtigste Sammelpunkt eingerichtet, der »Central Collecting Point« (CCP) mit reichlich einer Million Kunstgegenständen. Unter den vier Alliierten bestand Einigkeit, dass nur die Kunstwerke restituiert würden, die als »Kriegsbeute« galten, also ab Herbst 1943 Italien verlassen hatten.

Die Italiener, darob enttäuscht, ernannten Roberto Siviero als ihren Interessenvertreter. Wie kein anderer prägte Siviero die Verhandlungen und kämpfte um die Rückführung italienischer Kulturgüter. Seine Verhandlungspartner nannten ihn zielstrebig, hartnäckig, verbissen, rücksichtslos. Auf US-amerikanischer Seite kursierte das Gerücht, er sei Kommunist. Niemand konnte seine Auftraggeber dazu bringen, ihn durch eine andere Person zu ersetzen, denn auch ihnen gegenüber war er hartnäckig. Auf allen politischen Ebenen hatte er Gegner, aber mehr noch Verbündete, auch in der ehemaligen Resistenza.

Unter den US-Amerikanern gab es einzelne, die den italienischen Forderungen wohlwollend gegenüberstanden, beispielsweise der Botschafter in Rom und die Kunstschutzabteilung MFAA (Subcommission for Monuments, Fine Arts and Archives), mit der Siviero bereits 1944 Verbindung aufgenommen hatte. Auch konnte er leicht die Medien seines Landes mobilisieren, so dass diese seine Argumentation eindrücklich unterstützten: Der Export der Kunstwerke vor 1943 sei unter politischem Druck zustande gekommen, deshalb sei ihre Rückführung moralisch geboten. Die Siegermächte blieben bei ihrer Position, auch die USA, Italiens Hauptansprechpartner.

Aber plötzlich fand der US-amerikanische Botschafter in Washington Gehör. Er machte seine Regierung auf die schlimme soziale Situation in Italien aufmerksam und befürwortete die Unterstützung der Regierungspartei Democrazia Cristiana (DC); diese könne nämlich, so befürchtete er, bei den Parlamentswahlen am 18. April 1948 ihre Mehrheit an die linke Volksfront aus Kommunisten und Sozialisten verlieren.

Daraufhin beschlossen die USA umfangreiche finanzielle Unterstützung für den Wahlkampf der DC und sprangen den Christdemokraten gerade noch rechtzeitig in einer anderen Angelegenheiten bei. Washington telegrafierte an seine Militärregierung in Berlin: Für die bevorstehenden Wahlen solle der gegenwärtigen italienischen Regierung alle nur mögliche Unterstützung gegeben werden; die begründeten Forderungen Italiens bei der Rückgabe der Kunstwerke mögen erfüllt und die zweifelhaften Ansprüche wohlwollend geprüft werden.² Die erläuternde Direktive sah für die Rückgabe eine Ausnahmeregelung vor, eine »Exceptional Return Order«. Diese sei statthaft, wenn es beispielsweise eine enge persönliche Beziehung zwischen hochrangigen Vertretern beider Länder gegeben habe oder wenn Druck ausgeübt worden sei. Die Verantwortlichen in Washington waren sich im klaren, dass diese Regelung den bisherigen Kriterien widersprach, auf die sich die USA mit den anderen Siegermächten festgelegt hatten. So fehlte denn auch das juristische Fachwort »Restitution«.

Die mehrfache Wahlhilfe war erfolgreich: Die Christdemokraten gewannen die absolute Mehrheit im Parlament. Für die praktische Umsetzung der »Exceptional Return Order« stellte Siviero eine Liste von Kunstwerken zusammen, die sich Hitler und Göring angeeignet hatten. Unter den 18 Werken, die Italien zurückerhielt, befand sich auch Memlings »Portrait eines jungen Mannes« und der »Diskobol«. Laut Karteikarte verließ er den CCP am 16. November 1948 – ein wichtiges Ereignis für Italien, denn dieser Verlust war besonders schmerzhaft und demütigend gewesen. Wie alle zurückgegebenen Kunstwerke wurde er in Staatseigentum überführt und steht heute im römischen Thermenmuseum. Das Memling-Portrait fand seinen Platz im »Palazzo Vecchio« von Florenz, wo es 1971 gestohlen wurde. Siviero ahnte, wo er suchen musste, und, hartnäckig wie er war, stieß auf eine Spur, die nach Nordrhein-Westfalen führte. Doch das ist eine andere Geschichte.

US-amerikanische und deutsche Mitarbeiter des CCP kritisierten, dass es für die Ausnahmeregelung keinerlei juristische Grundlage gebe. 88 Kunstwissenschaftler verfassten einen scharf formulierten Brief an General Lucius D. Clay, den Militärgouverneur der US-amerikanischen Besatzungszone. Auf diesen Protest reagierte die italienische Öffentlichkeit empört. So endete die »Exceptional Return Order« in Polemik, hatte aber ihr politisches Ziel erreicht: Die Democrazia Cristiana war die siegreiche Partei.

BRD führt Rückgabeverhandlungen

Öffentliches Interesse erregte die Angelegenheit etwas später auch in der 1949 gegründeten Bundesrepublik. 1951 schrieb die Süddeutsche Zeitung in dieser Sache von der »Schwerverdaulichen Linzer Torte«. Als sich Konrad Adenauer und der italienische Ministerpräsident Alcide de Gasperi 1953 trafen, versicherte der Bundeskanzler, dass die Bundesrepublik alles tun werde, um die Rückgabe der Kunstwerke und bibliographischen Materialien zu ermöglichen, »die während der nationalsozialistischen Regierung zu Unrecht aus Italien entfernt wurden«.³

Doch die Verhandlungen verliefen zäh: Siviero betonte den moralischen Aspekt der italienischen Forderungen und die Machtlosigkeit der Behörden gegenüber den Anordnungen des »Duce« und seines Außenministers, die ihrerseits von den Nazis unter Druck gesetzt worden seien. Die bundesdeutsche Seite bestand auf dem juristischen Standpunkt, wonach der Export legal gewesen sei, und forderte darüber hinaus einen Ausgleich für die »Exceptional Return Order« in Form von gleichwertiger italienischer Kunst. Übel nahm man Siviero, dass er häufiger die deutschen Greueltaten erwähnt habe und dass die Kommentare der italienischen Presse nicht eben schmeichelhaft seien.

Es wiederholt sich, was 1948 geschah: Damals intervenierte der US-amerikanische Botschafter in Washington. Jetzt wendet sich der bundesdeutsche Botschafter Clemens von Brentano an seine Regierung: Die Position der deutschen Kommission »ist in ihren Auswirkungen meiner Ansicht nach unter Umständen dazu geeignet, die politische Atmosphäre in Italien ernsthaft zu gefährden (…). Die Tatsache, dass diese Bilder aus Italien stammen und nach Deutschland überführt wurden, wird von keiner Seite bestritten. Ich meine daher, dass man keine allzu umständlichen Feststellungen treffen, diese Bilder vielmehr möglichst bald den Italienern zurückgeben sollte, dass die moralische und juristische Vermutung dafür spricht, dass sie rechtswidrig nach Deutschland geschafft worden sind.«⁴ Adenauer ersetzte daraufhin in der Delegation den Juristen Erich Kaufmann durch den Diplomaten Friedrich Janz. Der übernahm die Aufgabe, den italienischen Forderungen weitestmöglich entgegenzukommen und sie seinen Delegationsmitgliedern zu vermitteln.

Mehrmals im Laufe der langwierigen Verhandlungen wandte sich Brentano an Adenauer und machte ihn auf die öffentliche Meinung in Italien aufmerksam; er möge ein klares Zeichen gegen die Nazivergangenheit setzen. Der Botschafter war vor allem an guten bilateralen Beziehungen interessiert, stammte er doch aus einer alten lombardischen Familie. Adenauer dachte an den Aufbau einer starken westeuropäischen, von den USA geprägten Allianz gegen die Sowjetunion, wollte aber von Washington nicht vollständig abhängig werden und brauchte Italien als zuverlässigen Bündnispartner. Um Vertrauen aufzubauen, mussten die Verhandlungen für Italien so positiv wie möglich verlaufen, wobei die Grenzen dessen, was die Bundesrepublik hinnehmen oder fordern konnte, immer wieder neu zu formulieren waren. Adenauers Instruktionen an Janz vor den und während der Verhandlungen erfolgten regelmäßig telefonisch. Die erste Verhandlungsphase endete 1954. Verhältnismäßig unkompliziert verliefen die Beratungen über jene Kunstwerke, die Göring einst angesammelt hatte, denn viele von ihnen waren nicht bezahlt, sondern gegen französisches Raubgut getauscht und in seinen Sonderzügen nach Deutschland transportiert worden. Siviero konnte die italienischen Forderungen hier weitgehend durchsetzen. Am Ende versicherten sich alle Beteiligten der gegenseitigen Zufriedenheit. Adenauer bedankte sich offiziell bei Siviero. Janz wurde die Ehrendoktorwürde der Universität von Messina verliehen, nachdem bekanntere Universitäten dieses Ansinnen abgelehnt hatten, und von Brentano äußerte sich hochzufrieden.

Weitere Verhandlungen folgten, allerdings mit Pausen. Schwierigkeiten ergaben sich regelmäßig bei der Abfassung des Protokolls; Janz’ diplomatisches Geschick sorgte oft für einen Kompromiss. Die Bundesrepublik hätte die Verhandlungen gern beendet, aber Siviero drängte immer wieder auf Fortsetzung, weil zu viele Kunstwerke noch nicht aufgespürt waren und weil eventuelle Zeugen vernommen werden sollten.

Ab 1959 war Janz nicht mehr dabei. Die beiden Delegationen vereinbarten, einen Katalog der zurückgegebenen Kunstwerke zu erstellen. Der wurde allerdings nie fertig – vor allem deshalb, weil keine Einigung über die Kommentare der einzelnen Bildreproduktionen erzielt werden konnte. Die Arbeit der beiden Delegationen endete 1983 mit Sivieros Tod.

Eine Inventarliste, die 1945 für das Linzer Projekt erstellt wurde, enthielt 6.755 Gemälde. Wie viele davon aus Italien stammten und dorthin zurückkehrten, ist nicht bekannt, denn ein abschließendes Verhandlungsprotokoll gibt es nicht. Gelegentlich tauchten über die Jahre hinweg immer wieder mal einzelne Kunstwerke auf. Die kunsthistorische Forschung wird vielleicht noch für die eine oder andere Überraschung sorgen.

Anmerkungen

1 Die Karteikarte im CCP gibt 6.485.000 Lire an, wobei unklar ist, ob die Exportsteuer eingerechnet wurde.

2 »States feel Italian election 18 April very important all possible support be given present Government (of) Italy, and it would be helpful if, (…) you could expedite action of clearly valid claims and examine sympathetically those which may be doubtful.« (zitiert nach: C. Emanuel Hofacker: Rückführung illegal verbrachter italienischer Kulturgüter nach dem Ende des 2. Weltkrieges. Berlin 2004, S. 117)

3 Ebd. S. 129

4 Archiv des Auswärtigen Amtes B 95 Nr. 646

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