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Aus: Ausgabe vom 26.03.2021, Seite 8 / Ansichten

Auf Privatisierungskurs

Deutsche Bahn mit Rekordverlust
Von Ralf Wurzbacher
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Bahn-Vorstand: Hochdotiertes Pleitetrio (v. l. n. r.: Berthold Huber, Richard Lutz, Ronald Pofalla)

Am Mittwoch verlängerte der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn vorzeitig die Verträge von Konzernchef Richard Lutz, Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla und Personenverkehrschef Berthold Huber. Bis 2027, Pofalla bis 2025, werden die Herren bei Fixgehältern plus Boni von weit über einer Million Euro gut leben. Eigentlich wollten sich alle drei noch einen Zehn-Prozent-Aufschlag genehmigen, was vorerst am Veto der Beschäftigtenvertreter scheiterte. Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG hatte im Vorjahr einen Tarifabschluss mit Lohnplus von 1,5 Prozent bis Februar 2023 ausgehandelt, was faktisch eine Minusrunde bedeutet. Wenn Zehntausende in der Coronakrise kleingehalten werden, können die Bosse nicht groß absahnen. Können sie doch, notfalls mit Aufschub. Übers Geld soll im nächsten Jahr noch mal gesprochen werden. Dann ist die Pandemie vielleicht überstanden und »Business as usual« wieder ­ohne Scheu zu machen.

Zum Normalgeschäft der DB AG gehört seit jeher die Misswirtschaft. Den Beweis dazu lieferte einmal mehr am Donnerstag die Bilanzpressekonferenz für 2020. Mit einem Jahresverlust von 5,7 Milliarden Euro und Schulden von 33 Milliarden Euro hat der Staatskonzern seine Talfahrt noch einmal beschleunigt. Dabei taugt das Virus nur bedingt als Ausrede, denn viel schwerer wiegen die strukturellen Altlasten. Eine »Bahn« ist die DB nicht einmal mehr zur Hälfte, weniger als 50 Prozent ihrer Umsätze generiert sie noch auf der Schiene. Als Möchtegern-Global-Player versenkt sie lieber Unsummen in zahllosen Auslandsbeteiligungen, die, wenn nicht kümmerliche Erträge, große Defizite einspielen. Allein die britische Arriva riss das Vorjahresergebnis um 1,4 Milliarden Euro nach unten.

Vor allem binden absurde Großprojekte wie »Stuttgart 21« massenhaft Geld, Energien und verunmöglichen Fortschritte hin zu einer kunden- und klimafreundlichen Eisenbahn nach dem Muster der Schweiz. Wäre der Konzern wirklich der »Impfstoff gegen den Klimawandel«, wie Lutz am Donnerstag prahlte, müssten bahnfremde Töchter veräußert und das nur noch aus Staatsräson gepushte Milliardengrab »S21« zugebuddelt bzw. in ein Alternativkonzept überführt werden. Nichts davon wird auch nur erwogen, womit der Weg in die Schuldenfalle zum Selbstläufer und der Boden für die Privatisierungslobby bereitet wird. Ausgerechnet die mit reichlich Ambitionen in die Bundestagswahl gehenden »Klimaretter« der Grünen-Partei hatten im Dezember eine Trennung von Netz und Fahrbetrieb vorgedacht, während sich die Zerschlagung der Berliner S-Bahn unter der Regie einer »grünen« Verkehrssenatorin schon im Stadium der Umsetzung befindet. Den Börsengang der Bahn hatte 2008 die Finanzkrise gestoppt. Diesmal könnte es umgekehrt laufen und Corona zum Hebel der Neoliberalen werden. Dann verdienten auch Lutz und Konsorten noch viel mehr.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Bernhard May, Solingen: Weiter Weg für Bahn Dass die Grünen im Dezember das »Trennungsmodell« wieder aufwärmten, lässt stutzen. Bevor die »Bankenkrise« die Bahn-Verramschung einstweilen vereitelte, favorisierten sie wie die GDL auch schon diese...

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