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Aus: Ausgabe vom 26.03.2021, Seite 5 / Inland
Immobilienwirtschaft

Auf den Deckel

Deutsche Wohnen im Coronajahr mit satten Gewinnen. Fokus auf Neubauten und Wachstum außerhalb Berlins
Von Steffen Stierle
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Immobilienhaie schaffen unbezahlbaren Wohnraum – Folge: Menschen ohne festes Obdach (Berlin, 5.3.2021)

Die Deutsche Wohnen SE blickt trotz Pandemie und Berliner Mietendeckel auf ein »erfolgreiches Geschäftsjahr 2020« zurück. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (bereinigtes EBITDA) konnte um 12,1 Prozent auf rund eine Milliarde Euro gesteigert werden, wie der Konzern am Donnerstag mitteilte. Beim Immobilienportfolio konnte eine Wertsteigerung um rund 1,9 Milliarden Euro verzeichnet werden, was vor allem durch Bewertungsgewinne im Verkauf realisiert worden sei. Freuen dürfen sich vor allem die Aktionäre. Denn die Dividende pro Anteilsschein soll gegenüber dem Vorjahr um 13 Cent auf 1,03 Euro angehoben werden.

»Die Deutsche Wohnen bleibt ein starker und verlässlicher Akteur auf dem Immobilienmarkt«, sagte Finanzvorstand Philip Grosse bei der Vorstellung der Zahlen. Man verfolge eine langfristige Strategie und richte das Portfolio »konsequent auf das Wachstum in Deutschlands Topstädten aus«. Klingt wie eine Drohung. Offenbar müssen auch Mieter außerhalb Berlins befürchten, bald die kalte Flosse des Immobilienhais zu spüren zu bekommen. Bislang treibt der Konzern mit seiner aggressiven Mietpreispolitik vor allem in der Hauptstadt sein Unwesen. Dort stehen drei Viertel der 155.400 Wohneinheiten, die Deutsche Wohnen ihr Eigen nennt.

Doch spätestens seit dem Mietendeckelbeschluss vom Januar 2020 nervt Berlin. So versäumte es die Konzernführung auch bei der Verkündung der Gewinne aus dem Coronajahr nicht, über das Instrument zu jammern. Die Bestandsmiete im Gesamtportfolio sei »aufgrund des Mietendeckels um 4,1 Prozent auf durchschnittlich 6,70 Euro pro Quadratmeter« zurückgegangen, hieß es in der Mitteilung vom Donnerstag. Ohnehin sei die Maßnahme »keine Lösung für die Herausforderungen auf dem Berliner Wohnungsmarkt«. Benötigt werde mehr Neubau, der Mietendeckel bewirke jedoch das Gegenteil und verschärfe den akuten Wohnungsmangel zusätzlich.

Dabei verlautbart der Konzern in der gleichen Mitteilung, künftig verstärkt auf Neubauten setzen zu wollen. Sogar ein »Kompetenzzentrum für nachhaltigen Neubau« soll gegründet werden. Schließlich gilt für neue Wohngebäude eine Ausnahme vom Mietendeckel. Grosse behauptete am Donnerstag laut dpa, es werde zunehmend schwieriger, »ein Preisgefüge zu finden, mit dem wir über Zukauf von Bestandsimmobilien wachsen können«. Da halte er »das Thema Neubau für interessanter«.

Mit der Expansion in anderen Städten und den Fokus auf Neubauten hat der Dax-Konzern also bereits Wege gefunden, den Mietendeckel zu umgehen. Darüber hinaus bleibt man zuversichtlich, den profithemmenden Eingriff doch noch abwehren zu können. Im zweiten Quartal 2021 werde »mit einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Verfassungsmäßigkeit des Mietendeckels gerechnet«, hieß es in der Mitteilung vom Donnerstag weiter.

Allerdings droht in der Hauptstadt bereits neues Ungemach. So hat die Initiative »Deutsche Wohnen & Co. enteignen« Ende Februar angefangen, Unterschriften für den geplanten Bürgerentscheid zu sammeln. Innerhalb von vier Monaten müssen nun mindestens 175.000 gültige Unterschriften gesammelt werden. Zahlreiche Kiez­teams sind unterwegs, Aktionstage und Sammlercamps sind anberaumt. Im September soll abgestimmt werden. Für Deutsche-Wohnen-Chef Michael Zahn ist die Enteignungsinitiative »einfach Anspruch, besser zu werden, Dinge besser zu machen«, wie er bei der Präsentation der Geschäftszahlen betonte. Soziale Verantwortung sei der Pfad, auf dem man sich bewege.

Derweil fordert der Deutsche Gewerkschaftsbund einen bundesweiten, sechsjährigen Mietenstopp. »Geringverdiener, Alleinerziehende und viele Beschäftigte in Kurzarbeit können keine Mieterhöhungen mehr stemmen«, so Vorstandsmitglied Stefan Körzell laut dpa. Die Deutsche Wohnen könne einen Mietenstopp allemal verkraften. Schließlich verzeichne der Konzern trotz Mietendeckel und Pandemie kaum Gewinneinbußen.

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