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Aus: Ausgabe vom 23.03.2021, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Schichtsystem

Wegweisendes Urteil

Gerichtsentscheidung: Hamburger Hafenarbeiterin setzt Anspruch auf familienfreundliche Arbeitszeit durch
Von Kristian Stemmler
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Nachts ruht die See im Hamburger Hafen, und Beschäftigte kümmern sich um ihre Kinder

Heike Röhrs ist keine Frau, die große Worte macht. »Es hat sich gelohnt«, kommentierte sie am vergangenen Mittwoch im Gespräch mit junge Welt eher nüchtern ein Urteil des Landesarbeitsgerichtes Hamburg (LAG), das bei Gewerkschaften, vor allem bei den Verdi-Frauen des Landesbezirks, für Begeisterung sorgte. Das Gericht hatte zwei Tage zuvor einer Klägerin aus Hamburg recht gegeben und damit eine Bresche geschlagen in eine von Männern dominierte Arbeitswelt – den Hafen. Gegen den Widerstand des Terminalbetreibers Eurogate, bei dem sie beschäftigt ist, setzte Heike Röhrs den Anspruch auf eine familienfreundliche Regelung ihrer Arbeitszeit durch.

Seit 15 Jahren arbeitet Heike Röhrs als Großgerätefahrerin auf dem Containerterminal von Eurogate in Waltershof. In Kabinen in luftiger Höhe von über zehn Metern steuert sie Van Carrier, gewaltige Hubwagen, die ein wenig wie überdimensionale Spinnen aussehen und mit denen Container von A nach B befördert werden. Von den rund 850 Hafenarbeitern bei Eurogate, die mit der Containerverladung zu tun haben, sind über 90 Prozent Männer. Gearbeitet wird an Werktagen in drei Schichten: Frühschicht von 6.30 bis 15 Uhr, Spätschicht von 14.30 bis 23 Uhr und Nachtschicht von 22.30 bis sieben Uhr. An Sonn- und Feiertagen sind es vier Schichten.

Bis zur Geburt ihres Sohnes, der heute neun Jahre alt ist, war das für Heike Röhrs kein Problem »Danach wurde es schwieriger, den Familienalltag zu organisieren«, sagte die Hafenarbeiterin. Vor allem auch, weil ihr Mann ebenfalls bei Eurogate arbeitet, und das im selben Schichtmodell. In den ersten Jahren habe er wegen einer Erkrankung zu Hause bleiben müssen und sich um den Sohn kümmern können, während sie Vollzeit gearbeitet habe, so Röhrs. Als ihr Mann wieder angefangen habe, habe sie in der Tankstelle von Eurogate, in der die Van Carrier aufgetankt werden, dann in Teilzeit arbeiten können, vier Tage in der Woche von 6.30 bis 12.30 Uhr – also beinahe familienfreundlich.

Als die Elternzeit im April 2018 zu Ende ging, wollte Heike Röhrs dieses Schichtmodell weiterführen, doch Eurogate stellte sich quer. Es ginge nicht, dass jemand aus dem Schichtsystem ausschere, weil die Prozesse im Hafen ineinandergriffen. Eine Klage gegen die Ablehnung ihres Antrags gewann Heike Röhrs vor dem Landesarbeitsgericht. Als im Oktober 2019 ein externer Dienstleister die Tankstelle des Unternehmens übernahm und die Tätigkeit dort wegfiel, schickte Eurogate ihr dann die Änderungskündigung, die Gegenstand des Verfahrens vor dem LAG am Montag vergangener Woche war.

Wie zuvor das Arbeitsgericht stellt auch das Landesarbeitsgericht fest, dass die Änderungskündigung unwirksam sei, weil sich Eurogate nicht darauf beschränkt habe, »die von der Klägerin im Vorprozess erstrittenen Arbeitszeiten im dringenden betrieblichen Umfang zu ändern, sondern darüber hinausgegangen sei«. Für einen Einsatz der Klägerin am Wochenende hätten »erforderliche Gründe« gefehlt. Der Anwalt des Hafenbetriebs hatte vor Gericht darauf beharrt, dass dieser grundsätzlich keine Teilzeit anbieten könne. Sinngemäß hatte er erklärt, alle hätten sich den Regeln der Arbeit im Hafen zu unterwerfen, da könne keiner eine Extrawurst gebraten bekommen.

Verdi Hamburg begrüßte das Urteil in einer Pressemitteilung vom selben Tag. »Aus unserer Sicht ist damit der Anspruch auf Teilzeit auch im gewerblichen Bereich bestätigt«, erklärte Sieglinde Frieß, stellvertretende Landesbezirksleiterin. Man habe sich »ein Stück mehr Klarheit« über die Frage gewünscht, in welchem Umfang dieser Anspruch gelte, hoffe aber, dass »dies in der Begründung des LAG-Urteils noch deutlicher wird«. Verdi Hamburg wünsche der Kollegin, »dass sie nun in Ruhe weiterarbeiten kann«. Sie habe ein Stück dazu beigetragen, dass das Thema der Vereinbarkeit von Familie und Beruf »auch im Hafen mehr in den Fokus gerückt ist«.

Für Heike Röhrs ist das Urteil eine Erleichterung. Während der Auseinandersetzung mit der Gegenseite sei sie immer wieder von Vorgesetzten unter Druck gesetzt worden. »Zeitweise hatte ich Schlafstörungen«, berichtet die Hafenarbeiterin. Wegen depressiver Verstimmungen wurde ihr ein Schwerbehindertenstatus von 30 Prozent zugesprochen. Heike Röhrs hofft, dass ihr Kampf Signalwirkung für den Hafen und darüber hinaus hat. »Was die Vereinbarkeit von Beruf und Familie angeht, versagen Politik und Wirtschaft doch auf ganzer Linie«, sagte sie.

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