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Aus: Ausgabe vom 23.03.2021, Seite 12 / Thema
Planwirtschaft

Lenin, Castro, Bezos?

Vorabdruck. Die Idee des »Cybersozialismus« im Licht historischer Planungsdebatten
Von Oliver Schlaudt
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Sozialismus aus dem Rechner: Mit der Computertechnologie kam die Idee auf, die Märkte am Rechner zu simulieren (Rechenzentrum in der Sowjetunion)

In diesen Tagen erscheint im Berliner Dietz-Verlag der von Timo Daum und Sabine Nuss herausgegebene Sammelband »Die unsichtbare Hand des Plans. Koordination und Kalkül im digitalen Kapitalismus«. Wir veröffentlichen daraus mit freundlicher Genehmigung des Verlags redaktionell leicht gekürzt den Beitrag von Oliver Schlaudt »Lenin, Castro, Bezos? Die Idee des ›Cybersozialismus‹ im Licht historischer Planungsdebatten«. (jW)

»Method and system for anticipatory package shipping« lautet der Name eines Patents, das Amazon Technologies Inc. im Jahr 2012 unter der Nummer US8615473B2 bei den US-amerikanischen Behörden angemeldet hat. Wie der italienische Informatiker Domenico Talia anschaulich erklärt, handelt es sich dabei um eine Computertechnologie, die »vorauseilend« Waren in bestimmte Gebiete auf den Weg bringt, um erst dann aufgrund vorliegender Kundendaten zu ermitteln, wer im Zielgebiet Interesse an dem Produkt haben wird.¹ Der prospektive Kunde weiß womöglich nicht einmal von der Existenz des Produkts, aber dank Big Data weiß Amazon schon besser als er selbst, welche Konsumentscheidung die richtige für ihn ist.

Das Unternehmen Amazon, das 2019 mit einem Marktwert von über 300 Milliarden US-Dollar den Rang der wertvollsten Marke der Welt erklomm, scheint sich damit nolens volens – vor allem aber kaum bemerkt und ungestraft – auch an die Spitze der antikapitalistischen Avantgarde gestellt zu haben. Berührt, ja zerschmettert der patentierte Algorithmus des »Anticipatory Shipping« nicht das heiligste Tabu unserer Gesellschaft – den Markt? In der Tat wird dieser als vermittelnde Instanz zwischen Händler und Konsument überflüssig.

Just dies, den Wirtschaftsprozess ohne Markt koordinieren zu müssen, war indes die größte technische Herausforderung für eine sozialistische Ökonomie. Denn ohne Privateigentum und Geld kann man auf diesen Mechanismus nicht zurückgreifen. Mit der neuen Computertechnologie, die es erlaubt, enorme Datenmengen zu sammeln und zu verarbeiten – Big Data – scheint dies nun möglich zu werden. Sollte also eingetreten sein, was Marx auf der letzten Seite von »Lohn, Preis, Profit« festhielt, dass nämlich »das gegenwärtige System bei all dem Elend, das es über (die Arbeiterklasse) verhängt, zugleich schwanger geht mit den materiellen Bedingungen und den gesellschaftlichen Formen, die für eine ökonomische Umgestaltung der Gesellschaft notwendig sind«? Einige Autoren sehen in der Tat in der modernen Informationstechnologie die passende Infrastruktur für eine aktualisierte Planwirtschaft, einen »Cybersozialismus« oder »digitalen Sozialismus«. Andere Autoren bemühen ebenfalls das historische Modell sozialistischer Gesellschaften, um die möglichen Folgen von Big Data, künstlicher Intelligenz, Kybernetik und Verhaltensökonomie zu beschreiben, meinen dies aber als Warnung. So zeichnen die Autoren des Manifests »Digitale Demokratie statt Datendiktatur«, das in Scientific American und Spektrum erschien, das düstere Bild einer drohenden »zentralisierten Top-down-Kontrolle«, welche die Privatsphäre zerstören und »individuelle Selbstentfaltung« durch »externe Vorgabe« von Zielen ersetzen wird.

Die Debatte über die Potentiale und Gefahren der neuen Technologien ist ein Gebot der Zeit. Die begrifflichen Koordinatensysteme, in denen diese beschrieben werden und in denen sich die verschiedenen Lager verorten, sind aber weniger neu. Sie haben ihre feste Form in den sozialistischen Planungsdebatten (Socialist Calculation Debates) des 20. Jahrhunderts gewonnen und führen in der aktuellen Diskussion oft unbemerkt ein Nachleben. Der US-amerikanische (aus Belarus stammende) Publizist Evgeny Morozov hat daher jüngst in seinem lehrreichen Essay »Digital Socialism?« eine »neue Planungsdebatte« gefordert.² Statt vorschnell Möglichkeiten und Gefahren der neuen Technologie zu beschwören, zielt er offenbar darauf ab, durch eine Revision der älteren Planungsdebatten erst zu bestimmen, welche Maßstäbe wir in unseren Urteilen anlegen sollen.

Erste Planungsdebatte 1918 bis 1945

Mit den sozialistischen Revolutionen in Russland, Ungarn und Bayern 1917 und 1919 wurde die Organisation einer Planwirtschaft zu einer konkreten historischen Möglichkeit und Aufgabe. Der österreichische Nationalökonom, Philosoph und Volksbildner Otto Neurath arbeitete für die Münchner Räterepublik Pläne einer geldlosen »Naturalwirtschaft« aus.³ Auch andere Wissenschaftler wie zum Beispiel der junge Karl Polanyi nahmen sich dieses Themas an. Im bürgerlichen Lager wurde diese Herausforderung wahrgenommen und auch angenommen. Ludwig von Mises, prominenter Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, antwortete Anfang der 1920er Jahre in zwei Artikeln. Einen davon nahm 1935 Friedrich August von Hayek in englischer Übersetzung in den Band »Collectivist Economic Planning« auf, zu dem er eine Einführung und ein Nachwort zum aktuellen Stand der Debatte beifügte, in denen er Mises’ Argumentation aufgriff und entschieden verbesserte.⁴

Das Argument von Mises und Hayek kreist um die Rolle der Preise in der Findung ökonomisch rationaler Entscheidungen. Den Kern des Problems kann man sich leicht an einem Beispiel klarmachen. Man stelle sich vor, zur Produktion von gewissen »Keilen« stünden drei verschiedene Verfahren zur Verfügung, die sich im notwendigen Rohstoffaufwand unterscheiden: Verfahren A verlangt pro Stück fünf Einheiten Holz und fünf Einheiten Gummi, Verfahren B fünf Einheiten Holz und vier Einheiten Gummi, Verfahren C endlich vier Einheiten Holz und fünf Einheiten Gummi. Man sieht sofort, dass Verfahren A aufgrund eines höheren Rohstoffverbrauchs nach einem zentralen Gebot ökonomischer Rationalität, nämlich dem der Sparsamkeit, ausscheidet. Aber nach welchem Kriterium wählt man zwischen den Verfahren B und C? Der berühmte Robinson Crusoe als individueller, selbstversorgender Akteur hat selbstverständlich Kriterien zur Hand, nach denen er sich richten wird, wie zum Beispiel den Kraft- und Zeitaufwand zur Beschaffung der Rohstoffe. In einer komplexen Gesellschaft mit diversifizierter Produktion und Arbeitsteilung wird die Entscheidung jedoch komplizierter, da in gesamtgesellschaftlicher Perspektive auch immer alternative Verwendungen der Rohstoffe in anderen Produktionssparten berücksichtigt werden müssen. Robinson Crusoes Frage »Kann ich leichter Holz oder Gummi beschaffen?« weicht hier der Aufgabe, welcher von mehreren möglichen Verwendungen eine gegebene Menge einer knappen Ressource am sinnvollsten zugeführt wird. Dies entspricht in der Tat der modernen Definition von Ökonomie, wie sie im Fach allgemein anerkannt ist.

Interagieren die ökonomischen Agenten über den Markt, so drückt sich in den resultierenden Preisen nicht nur der Beschaffungsaufwand für die Rohstoffe aus, sondern über den Einfluss der Nachfrage zugleich auch die Gesamtheit der alternativen Verwendungsmöglichkeiten. Die Folge davon entspricht der wohlbekannten Smithschen »unsichtbaren Hand«: Wenn jeder individuelle Produzent seine eigenen Kosten minimiert, sorgt er dadurch zugleich für eine gesamtgesellschaftlich optimale Güterallokation. Ludwig von Mises musste diese Überlegung nur mehr aufgreifen, um aus ihr ein Argument gegen die Möglichkeit der Planwirtschaft und für den Kapitalismus zu gewinnen: Eine ökonomisch rationale Entscheidung setzt Preise voraus, Preise setzen das Wirken des Marktmechanismus voraus, und der Markt setzt Privateigentum an Produktionsmitteln voraus, womit man beim Kapitalismus angelangt ist. In dieser Form ist das Argument freilich nicht schlüssig. Preise ermöglichen rationale Entscheidungen und sind für sie mithin hinreichend. Aber warum sollten sie auch notwendig sein? Hayek sah die Lücke und schloss sie: Ein allwissender Akteur mag auch ohne Preise rationale Entscheidungen treffen können, aber der faktische Marktakteur, der unter der Bedingung der »Imperfections of the Human Mind« agiert, benötigt in der Tat den Preis zur Orientierung.⁵

Das Argument von Mises und Hayek stellte ein Novum in der weltanschaulichen Grundsatzdebatte um Sozialismus und Kapitalismus dar. Im 19. Jahrhundert hatten Gegner des Sozialismus entweder malthusianisch die Gefahr beschworen, dass sozialistische Wohlfahrtspolitik zu einem unkontrollierten Bevölkerungswachstum führe, oder aber sie prophezeiten negative Auswirkungen für den gesellschaftlichen Wohlstand, da im Sozialismus keine ausreichenden Anreize für unternehmerische Tätigkeit bestünden. Das Argument von Mises und Hayek bewegt sich auf einem ganz anderen Level. Es bemüht nicht irgendwelche psychologischen Mutmaßungen, sondern beruht – zumindest dem Anschein nach – auf einem logisch zwingenden Schluss.

Das Argument von Mises und Hayek erwies sich nicht nur politisch, sondern auch in theoretischer Hinsicht als »Game-Changer«. Es beruht – mit Foucault gesprochen – auf der Entdeckung des Markts als »Ort der Wahrheit«, womit ein neoliberaler Topos das Licht der Welt erblickt. Hayek lieferte 1945 die kanonische Darstellung in dem Artikel »The use of knowledge in society«.⁶ Ungleich den Klassikern haben die Ökonomen die Wirtschaft fortan nicht mehr zuallererst in Begriffen von Produktion und Arbeit beschrieben, sondern »der Markt« nahm die erste Stelle ein. Der Kapitalismus wird zur »Marktwirtschaft«.⁷ Zugleich änderte sich aber auch die Art und Weise, wie der Markt verstanden wird. Hayek schrieb dem Markt nun explizit eine epistemische, informationsgenerierende Funktion zu. Das Geld wurde zum Universalmedium aller menschlichen Belange. Auf diesen Aspekt haben Neoliberalismusforscher wie Foucault und Philip Mirowski nachdrücklich hingewiesen. Aber erst Morozov hat in seinem Aufsatz zum digitalen Sozialismus genauer erklärt, welche Art Information überhaupt auf dem Markt erzeugt wird und für wen diese Information nützlich und »entzifferbar« ist: Preise liefern nicht wie Landkarten oder Messwerte eine objektive Beschreibung von Tatsachen, auf deren Grundlage rationale Entscheidungen getroffen werden können; sie sind vielmehr die relevante Information für denjenigen, der sein Handeln an der Möglichkeit des Profits ausrichtet.⁸ Dieser Hinweis ist entscheidend, denn entsprechend stellt sich der Planwirtschaft gar nicht die Aufgabe, dieselben Informationen auf einem alternativen Weg zusammenzusuchen. Entsprechend dem verschobenen Ziel des Wirtschaftens benötigt eine Planwirtschaft auch eine andere Art von Informationen als Preise.

Die Verfechter der Planwirtschaft gaben sich freilich nicht kampflos geschlagen. Ein anfänglich in Großbritannien lokalisierter Kreis jüngerer Autoren, die sozialistische Neigungen mit einer neoklassischen, am mathematischen Stil orientierten Sozialisierung verbanden, ließ sich von der siegesgewissen Argumentation der Marktradikalen nicht beunruhigen. Oskar Lange, Abba Lerner und H. D. Dickinson gehörten zu dieser Gruppe. Der Grund dafür, dass sie sich nicht von Mises beeindrucken ließen, war, dass sie schlicht und ergreifend den Preismechanismus nicht mit dem Markt identifizierten. Tatsächlich hatte bereits 1897 der italienische Ökonom Vilfredo Pareto, der an der Ausarbeitung der neoklassischen Theorie maßgeblichen Anteil hatte, die Beobachtung gemacht, dass die »abstrakten« mathematischen Gleichungen der »reinen Ökonomie« keine Auskunft über den konkreten Mechanismus geben, der das angestrebte Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage herstellt. Er lieferte einen mathematischen Beweis, dass die freie Konkurrenz einen solchen Mechanismus darstellt. Zugleich erkannte er aber an, dass eine »kollektivistische Gesellschaft« an dem Ziel, Angebot und Nachfrage miteinander in Deckung zu bringen, nicht scheitern muss. Sie muss sich nur eine Institution schaffen, die die Güter so verteilt, »als sei die freie Konkurrenz am Werk«. Die Preise, präzisierte Pareto, können als »reale Größen« verschwinden, müssen aber durchaus als Rechnungs- oder Buchhaltungsgrößen beibehalten werden: »Ohne sie würde das Produktionsministerium blind vorgehen und wäre nicht in der Lage, die Produktion zu organisieren.«⁹

Diese Einsicht ermöglichte eine verblüffende Konstellation. Die jungen, sozialistischen Ökonomen konnten sich den neoklassischen, eigentlich auf den Kapitalismus gemünzten Theorieapparat aneignen, um eine Theorie der Planwirtschaft zu entwickeln. Die Preise betrachteten sie, wie von Pareto verlangt, erst einmal als reine Rechnungsgrößen. Die zuständige Planungsbehörde würde sie – im Grunde nicht anders als der Markt selbst – in einer Art Trial-and-Error-Prozedur festlegen und beständig revidieren. Die Tatsache, dass Léon Walras Jahrzehnte zuvor in seinen für die Neoklassik grundlegenden Werken den Markt mit einem »Auktionator« verglichen hatte, der sich an den richtigen Preis herantastet (»Tâtonnement«), verlieh diesem Vorschlag unmittelbar Plausibilität.¹⁰ Für Konsumgüter (im Gegensatz zu Produktionsmitteln) würde man unter Umständen auch im Sozialismus echte Märkte zulassen können (wie dies in der »Neuen Ökonomischen Politik« Lenins und Trotzkis ab 1921 in der Sowjetunion ja auch der Fall war). Mit der Computertechnologie kam später die Idee auf, die Märkte am Rechner zu simulieren: »Let us put the simultaneous equations on an electronic computer and we shall obtain the solution in less than a second.«¹¹

Diese neoklassischen Sozialisten sind am ehesten die Ahnherren der heutigen Cybersozialisten. Um so wichtiger ist es, eine dritte Gruppe in der historischen Debatte zu erwähnen, die einen anderen Weg einschlug, in den meisten historischen Darstellungen aber unter den Tisch fällt. Diese Fraktion von Ökonomen ging nämlich zum frontalen Gegenangriff über und unterzog die von Mises und Hayek gepriesene Sprache des Geldes – zumindest die Rechnung in Marktpreisen – einer rigorosen Kritik. Vor allem Karl William Kapp ist hier zu nennen, der eine Analyse der Unzulänglichkeiten der monetären Metrik lieferte, die noch heute durch ihre Klarheit und Relevanz besticht:¹² Die Sprache der Marktpreise vermag nur den Nutzen solventer Konsumenten auszudrücken, woraus dreierlei folgt: 1. Sie ist inegalitär, da Geld ungleich verteilt ist; 2. sie blendet die Manipulation von Bedürfnissen aus, da sie jeden im Kauf bestätigten Konsumentenwunsch als solchen akzeptiert, ohne sich für die Dynamik der Bedürfnisbildung zu interessieren; 3. sie blendet vor allem die sozialen und ökologischen Folgekosten des Wirtschaftens aus, da sie sich auf die Privatperspektive des Konsumenten beschränkt. Ökonomen wie Karl Polanyi und Maurice Dobb betonten dementsprechend, dass die Bestimmung der Preise durch eine zentrale Planungsbehörde im Sozialismus ausdrücklich auf einem Werturteil über die Wichtigkeit und Legitimität der jeweiligen Bedürfnisse basieren müsse, das im Gegensatz zu der neoklassischen Vorstellung der »souveräne Konsument« begreifen muss.¹³

Die kubanische Planungsdebatte

Durch die »Neue Ökonomische Politik« (NEP) fanden marktwirtschaftliche Elemente in die sowjetische Wirtschaftsorganisation Eingang. Die sozialistische Interpretation der neoklassischen Theorie ermöglichte zudem die Präsenz des westlich-ökonomischen Theoriemainstreams an den Universitäten des Ostblocks.¹⁴ Die für uns interessante marktpreiskritische Position geriet dadurch aus dem Blickfeld. In der kubanischen Planungsdebatte nach der Revolution von 1959 wurde ihr allerdings von Che Guevara prominent Geltung verschafft. Auch westliche Intellektuelle wie der französische Ökonom Charles Bettelheim und sein Brüsseler Kollege Ernest Mandel griffen in diese Debatte ein.¹⁵ Praktischer Kern der Auseinandersetzung, die nach allgemeinem Verständnis in einer Übergangsphase stattfand, war die Frage nach der Organisation der Unternehmen. Der Ansatz der »wirtschaftlichen Rechnungsführung« (Cálculo Económico) sah finanzielle Autonomie der Unternehmen vor, insbesondere Absatz der Waren auf dem Markt und Finanzierung über Kreditinstitute. Da solche Unternehmen Gewinn erwirtschaften können, wurde in diesem Ansatz eingeräumt, dass materielle Anreize Bedeutung besitzen. Materieller Lohn, nicht sozialistisches Bewusstsein oder »moralischer Anreiz« sei die Triebfeder produktiver Tätigkeit. Das Budgetfinanzierungssystem (Sistema Presupuestario de Financiamiento) hingegen sprach der einzelnen Produktionseinheit keinen selbständigen Rechtsstatus zu, sondern fasste alle Einheiten eines Sektors zu einem Unternehmen zusammen. Geld wirkt innerhalb eines solchen Verbands nicht mehr als Zahlungsmittel (und somit als indirektes Kontrollmittel), sondern nur als Rechengeld, das heißt als rein buchhalterische Größe.

Hinter diesen praktischen Aspekten stand die zentrale theoretische Frage nach der Wirksamkeit des von Marx beschriebenen Wertgesetzes in der Wirtschaft, wonach der Wert durch die abstrakte Arbeit bestimmt wird. Auch Ökonomen der sozialistischen Länder sahen darin eine Art universelles Gesetz, das in der Planwirtschaft nicht weniger Gültigkeit habe als im Kapitalismus. Während es sich im Kapitalismus sozusagen »unbewusst« durch den Marktmechanismus durchsetze, gelange es in der Planwirtschaft zu seiner bewussten Anwendung.¹⁶ Der Wert bleibt damit der genuine Maßstab ökonomisch-rationaler Entscheidungen (d. h. Entscheidungen zwischen Produktionsmethode B und C im eingangs zitierten Beispiel). Begrifflich untermauern ließ sich diese Position durch die Unterscheidung von »Ökonomie« und »Kapitalismus«: Solange bestimmte Güter und Ressourcen knapp sind, existiert das genuine Feld ökonomischer Entscheidungen, gleich, ob die Wirtschaft kapitalistisch organisiert ist oder nicht. Erst im Überfluss verliert die Kategorie des Werts ihre Bedeutung.

Che Guevara, der in seiner Funktion als Industrieminister das Budgetfinanzierungssystem verteidigte, sah es indes genau umgekehrt: Das Wertgesetz sei ein historisches Gesetz, der Wert eine Kategorie der privatwirtschaftlichen Warenproduktion, deren Logik aber, so die Gefahr, mit dem Gebrauch des Geldes in die sozialistische Gesellschaft importiert würde.¹⁷ Und damit war und ist die Frage nach dem Geld und den Marktpreisen wieder auf dem Tisch.

Zurück in die Zukunft

Ist Amazon nun die Wiege eines neuen Sozialismus? Der kursorische Überblick über die Planungsdebatten zeigt, dass dies eine Täuschung ist, der man erliegt, wenn man einige zentrale Weichenstellungen der historischen Planungsdebatte ungeprüft übernimmt. Morozov verdanken wir die Präzisierung, dass der Markt nicht einfach »objektive Informationen« liefert, sondern eine Umgebung kreiert, in welcher der »Profitinstinkt« handlungsleitend werden kann. Der Unternehmer stellt sich keine Fragen über Sinn und Umweltverträglichkeit, sondern schielt auf Gewinn. Die Marktpreise bieten ihm die relevanten Indikatoren, um seine Entscheidungen zu treffen. Die neoliberalen und neoklassischen Ökonomen leugnen die Ausrichtung am Profit nicht, im Gegenteil. Die Annahme rational nutzenmaximierender Akteure (Produzenten und Konsumenten) mit fixen Bedürfnisstrukturen erlaubt es ihnen aber, streng mathematisch zu beweisen, was Adam Smith als »unsichtbare Hand« noch postulieren musste: Die strikt egoistische Handlungsausrichtung eines jeden führt zur optimalen Bedürfnisbefriedigung aller.

Wenn man diesen Rahmen akzeptiert, können die neuen digitalen Informationstechnologien als alternative Infrastrukturen durchaus in Frage kommen. Hayek dürfte verblüfft sein – aber wohlgemerkt nicht, weil der Sozialismus doch funktioniert, sondern weil der Kapitalismus auch ganz anders funktionieren kann, als er es glaubte.

Ein Cybersozialismus hingegen, der den Namen Sozialismus verdient, darf nicht hinter das theoretische Niveau zurückfallen, das in den Planungsdebatten erreicht wurde. Konkret gesprochen sollte er in der Lage sein, auf die drei Punkte von Kapps Marktpreiskritik zu antworten: 1. In der Sprache der Marktpreise artikuliert sich nur die Kaufkraft der Konsumenten. Die sich daraus ergebende klassische Frage der Verteilungsgerechtigkeit muss ungeachtet neuer, digitaler Planungsinfrastrukturen beantwortet werden. 2. Die Cybersozialismusdebatte übernimmt bisweilen ungeprüft die der Sprache der Marktpreise innewohnende Fiktion des souveränen Konsumenten, insofern die neue technische Infrastruktur, die den Cybersozialismus möglich machen soll, nichts anderes zum Ziel hat, als Konsumentenwünsche im Voraus zu ermitteln. Zumindest ein Strang der sozialistischen Ökonomen – darunter auch Karl Polanyi und Che Guevara – betrachtete es hingegen als Aufgabe der Planung, über die Wichtigkeit und Legitimität von Bedürfnissen überhaupt erst zu beraten und zu entscheiden. 3. Marktpreise blenden die sozialen und ökologischen Folgekosten aus. Die sozialistische Planung hingegen kennt keine »Externalitäten« oder versteckten sozialen und ökologischen Kosten des Profits. Diese können nur auftreten, wenn Profit aus der Perspektive des privaten ökonomischen Akteurs definiert wird. Aus der Perspektive der gesamtgesellschaftlichen Planungen müssen soziale und ökologische Folgekosten mitberücksichtigt werden.

Mit diesen drei Punkten (zu welchen übrigens Marx wertvolle Hinweise in seiner »Kritik des Gothaer Programms« gegeben hat) fällt die Profitorientierung als Kompass der Entscheidungsfindung aus. Wie aber digitale Infrastrukturen, Big Data und die Algorithmen der künstlichen Intelligenz für die Lösung dieser Aufgabe relevant sein könnten, steht in den Sternen. Oder wie es ein Kritiker ausdrückte: »The revolution will not be automated.«¹⁸

Anmerkungen

1 Domenico Talia: Big Data and the Computable Society. Algorithms and People in the Digital World. London 2019, S. 17ff.

2 Evgeny Morosov: Digital Socialism? The Calculation Debate in the Age of Big Data. In: New Left Review 116–117/2019, S. 33–67

3 Otto Neurath: Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft. München 1919; ders.: Wirtschaftsplan und Naturalrechnung. Von der sozialistischen Lebensordnung und vom kommenden Menschen. Berlin 1925

4 Friedrich August Hayek (Hrsg.): Collectivist Economic Planning. London 1935

5 Hayek: Collectivist Economic Planning, S. 238

6 Friedrich August Hayek: The Use of Knowledge in Society. In: American Economic Review 35 (4), 1945, S. 519–530

7 Walter Otto Ötsch: Mythos Markt. Marktradikale Propaganda und ökonomische Theorie, 2. durchges. Auflage. Marburg 2009

8 Morozov: Digital Socialism? S. 46 ff.

9 Vilfredo Pareto: Manuel d’Économie politique. Paris 1909, Kap. VI, § 52f., hier S. 363

10 Léon Walras: Éléments d’économie politique pure ou théorie de la richesse sociale. Lausanne 1874

11 Oskar Lange: The Computer and the Market, in: C. H. Feinstein (Hrsg.): Socialism, capitalism and economic growth. Essays presented to Maurice Dobb. Cambridge 1967, S. 158–161

12 Karl William Kapp: Planwirtschaft und Außenhandel. Genf 1936

13 Karl Polanyi: Sozialistische Rechnungslegung. In: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 49 (2), 1922, S. 377–420; ders.: Die funktionelle Gesellschaft und das Problem der sozialistischen Rechnungslegung. In: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 52 (1), 1924, S. 218–228; Maurice Dobb: Economic Theory and the Problems of a Socialist Economy. In: The Economic Journal 43 (172), 1933, S. 588–598

14 Johanna Bockman: Markets in the Name of Socialism. The Left-Wing Origins of Neoliberalism. Stanford 2011

15 Charles Bettelheim/Fidel Castro/Che Guevara/Ernest Mandel/Alberto Mora: Wertgesetz, Planung und Bewusstsein. Die Planungsdebatte in Cuba. Frankfurt a. M. 1969

16 So die Position Alberto Moras, siehe ebd., S. 34 f.

17 Vgl. ebd., S. 65ff.

18 Joshua Mostafa: The Revolution will not be automated. In: Sydney Review of Books, 23.7.2019

Timo Daum/Sabine Nuss (Hrsg.): Die unsichtbare Hand des Plans. Koordination und Kalkül im digitalen Kapitalismus. Karl-Dietz-Verlag, Berlin 2021, 270 Seiten, 18 Euro

Oliver Schlaudt ist Privatdozent am Philosophischen Seminar der Universität Heidelberg. Als Buch erschien von ihm zuletzt 2018: »Die politischen Zahlen. Über Quantifizierung im Neoliberalismus«

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Debatte

  • Beitrag von Hagen R. aus R. (23. März 2021 um 11:58 Uhr)
    Eine Bevormundung des Konsumenten durch die zentrale Planungsbehörde, eine Bewertung seiner Konsumwünsche in »legitim« und »nicht legitim« stellt eine sozialistische Gesellschaft unweigerlich vor große Herausforderungen:

    Der »souveräne Konsument« ist keine Fiktion, sondern wird spätestens auf dem Schwarzmarkt Realität. Dort richten sich die Warenpreise immer nach dem Gebrauchswert, nicht nach den Herstellungskosten. Durch eine Differenz zwischen dem (im Idealfall an den Herstellungskosten orientierten) Marktpreis und dem Schwarzmarktpreis kann man also eine fehlgeleitete Wirtschaftsplanung unmittelbar ablesen, die Arbeitskraft verschwendet, um wenig nützliche Güter herzustellen. Leider war dieses Phänomen in der DDR alltäglich.

    Und dies hatte katastrophale Folgen: Auch nicht selbst benötigte Konsumgüter wurden gehortet, um sie als mögliche Tauschmittel auf dem Schwarzmarkt zu verwenden. Die infolgedessen leeren Regale und der gefühlte Mangel (die Güter waren ja da, nur lagen sie in irgendwelchen privaten Schränken herum) trugen zur Unzufriedenheit in der Bevölkerung bei, die letztlich zum Scheitern der DDR führte.

    Konsumentenwünsche ernst zu nehmen und die ökonomische Planung an ihnen auszurichten stünde auch einem möglichen Cybersozialismus gut, wenn er nicht an denselben Fehlern scheitern möchte, sondern schlau genug ist, aus historischen Erfahrungen zu lernen.

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