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Aus: Ausgabe vom 23.03.2021, Seite 7 / Ausland
Südamerika

Heftige Gefechte

Venezolanische Truppen attackieren bewaffnete Gruppe an der Grenze zu Kolumbien. Unklarheit über Hintergründe
Von Frederic Schnatterer
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Venezolanische Soldaten an der Grenze zu Kolumbien im Bundesstaat Táchira (23.8.2015)

Es soll sich um die heftigsten Gefechte für die venezolanischen Streitkräfte seit langem gehandelt haben. Am Sonntag (Ortszeit) kam es laut Medienberichten zu Kämpfen im venezolanischen Bundesstaat Apure in unmittelbarer Nähe zu Kolumbien, als die Armee eine nicht eindeutig identifizierbare bewaffnete Gruppe angriff. Nachdem zunächst kolumbianische Medien darüber berichtet hatten, bestätigte der venezolanische Staatschef Nicolás Maduro im Fernsehen, die Streitkräfte hätten eine »kolumbianische Gruppe« attackiert – laut mehreren Medien Dissidenten der Guerillaorganisation FARC-EP, die das 2016 mit der kolumbianischen Regierung geschlossene Friedensabkommen nicht anerkennen.

Bereits in den frühen Morgenstunden sei es zu ersten Angriffen nahe dem Dorf La Victoria gekommen, berichteten mehrere NGOs und lokale Medien. Auf Videos in den sozialen Netzwerken sind neben Artillerie und Helikoptern Flugzeuge zu sehen, die an der Attacke beteiligt gewesen sein sollen. Auch Schusswechsel in La Victoria selbst sind zu hören. Etelivar Torres, Bürgermeister von Arauquita auf der kolumbianischen Seite der Grenze, berichtete von heftigem Gefechtslärm und Bombardements. Venezolanische Quellen schreiben von Soldaten, die im Krankenhaus behandelt werden mussten.

In der Grenzregion zwischen Venezuela und Kolumbien operieren mehrere kolumbianische bewaffnete Gruppen, unter ihnen die linken Guerillas »Nationale Befreiungsarmee« (ELN) sowie Teile der FARC-EP. 2016 hatte die damalige kolumbianische Regierung unter Juan Manuel Santos mit den FARC einen Friedensvertrag geschlossen. In der Folge legte der Großteil der Guerilleros die Waffen nieder, mittlerweile sind sie in der legalen politischen Partei »Comunes« organisiert. In den vergangenen Monaten hat sich die Situation für ehemalige Guerilleros in Kolumbien jedoch noch weiter verschärft, Hunderte sind seit der Unterzeichnung des Friedensvertrags bereits ermordet worden.

Es ist wahrscheinlich, dass der Angriff vom Sonntag einer Dissidentengruppe unter dem Banner der FARC galt, die unter dem Namen »10. Front« agiert. Bereits im vergangenen September war es zu Gefechten zwischen ihr und der venezolanischen Armee im Bundesstaat Apure gekommen. Die Hintergründe sind indes unklar. Mehrere Medien berichteten, dass sich die Truppe in der Grenzregion einen Konflikt mit den Guerilleros unter der Führung von Jesús Santrich und Iván Márquez liefert. Die beiden ehemaligen Comandantes hatten im August 2019 bekanntgegeben, wieder zu den Waffen zu greifen, da die kolumbianische Regierung den Frieden verraten habe. In Anspielung auf die Gründung der ursprünglichen FARC-Guerilla 1964 in Marquetalia, einem im Nordwesten Kolumbiens gelegenen Bezirk, nannten sie sich »zweite Marquetalia«.

Die rechte kolumbianische Regierung unter Präsident Iván Duque kämpft in der ersten Reihe für einen Regime-Change im Nachbarland Venezuela. Seit Bogotá den venezolanischen Oppositionspolitiker Juan Guaidó als »Übergangspräsidenten« anerkannt hat, unterhalten die Nachbarländer keine diplomatischen Beziehungen mehr. Zum Propagandakrieg gegen Caracas gehört auch die seit langem und regelmäßig wiederholte Behauptung, die venezolanische Regierung böte kolumbianischen Guerilleros Unterschlupf und arbeite gar mit ihnen zusammen. Auch mehrere Mitarbeiter von NGOs stießen am Sonntag in dasselbe Horn und erklärten – von den Medien willig weiterverbreitet –, Maduro habe mit dem Angriff in Apure der Gruppe von Santrich und Márquez einen Gefallen getan.

Ohne sich direkt auf die Kampfhandlungen zu beziehen, ließ ein ranghoher Militär am Sonntag über den Kurznachrichtendienst Twitter wissen, die venezolanischen Streitkräfte verteidigten die Souveränität des Landes. Maduro erklärte, man schütze die Grenze, da Kolumbien dies nicht tue, so dass in der Folge bewaffnete Gruppen von dort auf venezolanisches Territorium vorstoßen könnten. »Null Toleranz für aus Kolumbien kommende bewaffnete Gruppen auf venezolanischem Territorium; sollen sie ihren Krieg dort machen«, betonte der Staatschef im Fernsehen.

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