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Aus: Ausgabe vom 22.03.2021, Seite 10 / Feuilleton
Reden ist Silber

Klassismus

Von Gerhard Henschel
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Die Journalistin Brigitte Theißl hat vor kurzem in der Taz erläutert, wie eine diskriminierungsfreie und respektvolle Berichterstattung über Menschen aussehen könne, die »von Klassismus betroffen« seien: Es gehe darum, »stets die eigene Sprache zu reflektieren und solche Begriffe wie ›sozial Schwache‹ oder ›Unterschicht‹ endgültig zu streichen«. Das gelte auch für die Bildsprache: »Bilder, die Menschen auf einem kaputten, verlassenen Spielplatz von hinten mit zerrissener Kleidung zeigen, stigmatisieren Menschen ebenso.«

Mit einer beschönigenden Bezeichnung wäre der real existierenden Unterschicht jedoch nicht geholfen, und es hätte wenig Sinn, sozial Schwache dadurch zu entstigmatisieren, dass man sie beim Talerbad im Geldspeicher fotografiert. Die gesellschaftliche Hierarchie lässt sich nicht durch Sprach- und Bildkosmetik revolutionieren.

Vor neun Jahren klagte auch der Soziologe Andreas Kemper darüber, dass »die Zuschreibung ›sozial Schwache‹ noch immer üblich« sei, und er empfahl uns allen einen anderen Sprachgebrauch: »Eine klassengerechte Sprache müsste komplett auf Vertikalismen verzichten, da in den europäischen Kulturen Oben als das Gute und Unten als das Schlechte eingeschrieben ist. Vertikalismen verhindern die gleiche Augenhöhe. Sie verschleiern, dass sich dialektische Widersprüche auf einer Ebene befinden. Real stehen sich Arbeiter*innenklasse und Kapitalist*innenklasse auf einer Ebene gegenüber, die Arbeiter*innen befinden sich nicht ›unter‹ den Kapitalist*innen. Der Marxismus ist vermutlich die einzige Gesellschaftstheorie, der [sic] auf vertikalistische Abbildungen der Sozialstruktur verzichtet.«

So? Ich zitiere aus »Das Kapital«, Band 1, in dem Marx die »Sphäre des Pauperismus« beschreibt: »Abgesehn von Vagabunden, Verbrechern, Prostituirten, kurz dem eigentlichen Lumpenproletariat, besteht diese Gesellschaftsschichte aus drei Kategorien. Erstens Arbeitsfähige. Man braucht die Statistik des englischen Pauperismus nur oberflächlich anzusehn, und man findet, dass seine Masse mit jeder Krise schwillt und mit jeder Wiederbelebung des Geschäfts abnimmt. Zweitens: Waisen- und Pauperkinder. Sie sind Kandidaten der industriellen Reservearmee und werden in Zeiten grossen Aufschwungs, wie 1860 z. B., rasch und massenhaft in die aktive Arbeiterarmee einrollirt. Drittens: Verkommene, Verlumpte, Arbeitsunfähige.«

Kurzum: sozial sehr Schwache. Und sie alle sollen den damaligen Industriekapitänen auf Augenhöhe gegenübergestanden haben? Erstaunlich.

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

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Debatte

  • Beitrag von Ronald B. aus . (22. März 2021 um 09:18 Uhr)
    Wenn ich mir den Umgang der jungen Welt mit dem Begriff des Klassismus insgesamt vor Augen stelle, dann kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren – übrigens nach über 30 Jahren so tatkräftiger wie im Gegensatz zu bildungsbürgerlichem linken Engagement stets unbezahlter Präsenz in der Apparatlinken als krankheitsbedingt einkommens-, aber nicht sozialschwacher (im Sinne von »asozialer«) Genosse – nicht erwehren, dass Klassismus so sehr NICHT gelebte Realität in der Linken ist, dass auch dem vermeintlich ungebildetsten Genossen irgendwann der Verdacht aufleuchten muss, dass Klassismus nicht nur ein Merkmal, sondern ein Wesensmerkmal speziell der marxistischen Linken war und ist. Urvater Marx – Edelmann durch und durch – davon natürlich ausgenommen, und wo doch nicht zweifelsfrei, da denn doch nur Kind seiner Zeit – klare Sache.
  • Beitrag von Marius S. aus S. (23. März 2021 um 15:41 Uhr)
    »Die gesellschaftliche Hierarchie lässt sich nicht durch Sprach- und Bildkosmetik revolutionieren.«

    Dem ist nur zuzustimmen, wie auch der Gesamtaussage dieses Artikels.

    Aber wenn wir die falschen Begriffe und Analysekategorien der (bürgerlichen) Sozial- und Politikwissenschaften unkritisch übernehmen, wie etwa »sozial Schwache«, »ArbeitnehmerInnen«, »ArbeitgeberInnen« usw., dann haben wir auch nichts gewonnen und sind keinen Schritt weiter, höchstens in der Verwirrung.

    Richtig ist, dass die angeblich sozial schwachen Menschen vor allem wirtschaftlich schwach sind. Und soziale Schwäche findet man üblicherweise bei den ökonomisch Starken in konzentrierter und organisierter Form vor. Der Begriff »sozial Schwache« stellt die realen Verhältnisse ebenso auf den Kopf wie die Begriffe »Arbeitgeber und -nehmer« und ist deshalb als Analysebegriff für MarxistInnen völlig unbrauchbar. Wir lassen uns ja auch nicht von den bürgerlichen Systemapologeten definieren, was Imperialismus, Faschismus oder Klassenkampf sind, und genausowenig sollten solche Leute unsere Einschätzung beeinflussen, wer in der bürgerlichen Gesellschaft denn nun sozial schwach oder stark sei. Als sozial stark gelten für die bürgerlichen Sozialwissenschaften besonders PolitikerInnen, die Sekt auf Obdachlose kippen und Niedriglöhne gut finden.

    Und augenzwinkernd möchte ich anmerken, dass Marx und Engels auch nie von sozialer Schwäche geredet haben.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Ronald Brunkhorst, Kassel: Richtig, aber unwahr Es ist gut und sehr gut, dass die Aneignung des Begriffes »sozial schwach« durch einen jW-Autor neulich per qualifiziertem Leserbrief (»Erst das Fressen«) scharf und deutlich zurückgewiesen wurde. (.....
  • Heidrun Jänchen: Erst das Fressen ... Gerhard Henschel tut so, als wäre er der letzte Verfechter des guten Sprachgeschmacks. Und dann geht er allen Ernstes her und verteidigt den Begriff »sozial Schwache«? Der kommt aus der gleichen Neusp...

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