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Aus: Ausgabe vom 22.03.2021, Seite 8 / Ansichten

Rabiates aus Kassel

Polizeiprügel für linke Demos
Von Arnold Schölzel
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Da kennt die Polizei kein Erbarmen: Gewalt gegen Demonstranten bei der LL-Demo am 10. Januar in Berlin

Mit ihren Stiefeln auf Köpfe zielende Polizisten am 10. Januar in Berlin beim Gedenken an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Der Grund: Die »Ordnungshüter« haben FDJ-Abzeichen ausgemacht. Sonnabend in Düsseldorf: Die Polizei löst eine Demonstration zum kurdischen Neujahrsfest Newroz mit etwa 700 Menschen auf. Begründung: zu viele Teilnehmer. Laut Rheinischer Post fordern die Demonstranten u. a. die Bundesregierung auf, sich gegen das Verbotsverfahren zu stellen, das vom Erdogan-Regime gegen die Partei HDP eingeleitet wurde. Außerdem habe man sich nicht auf das musikalische Begleitprogramm einigen können. Ähnliches reicht in Hannover, um gegen den dortigen Newroz-Umzug vorzugehen.

In Potsdam versammeln sich am gleichen Tag unter Polizeischutz etwa 700 Menschen, um dem evangelikalen Anführer der »Christen im Widerstand« zu lauschen. Der hält sich für einen Nachfolger des von den Nazis ermordeten Theologen Dietrich Bonhoeffer und die Coronapolitik fürs »Dritte Reich«. Sein musikalisches Begleitprogramm ist der Weckgesang: »Wach auf, Deutschland, mein geliebtes Deutschland.« Am Sonnabend zuvor »überrumpelten« laut Tagesspiegel 150 Demonstranten desselben Ansinnens die Potsdamer Polizei und wanderten unbehelligt durch die Innenstadt. Die Zahl der Beispiele dieser Art wächst: Dresden und Leipzig, am 13. März vor der Landtagswahl viele Städte Baden-Württembergs, wo die geschäftstüchtigen »Querdenker« ihren Ursprung und inzwischen eine eigene Partei haben. Die kommt auf ein Prozent der Stimmen, das sind 48.409, hat aber gegen die Politesoterik der siegreichen Grünen keine Chance. Nun berichtet die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung über Tradition im Ländle: Als die Nazis an ihrer »Neuen Deutschen Medizin« gegen die »jüdisch-marxistische« bastelten, benannte Robert Bosch 1940 in Stuttgart sein Werkskrankenhaus nach dem Erfinder der Homöopathie. Heute richtet das einen Lehrstuhl für dessen »Naturheilkunde« ein. Droht dem deutschen Kapital die Krise, kommt es auf Faschisten und Globuli.

So weit, so normal für die Bundesrepublik: Der Feind steht links und wird verprügelt – die milde Variante. Rechts gibt es diese oder jene »Extremisten«, aber auch wenn sie hundertfach morden, wie es deutsche Nazis seit 1990 getan haben – sie werden, wenn’s hoch kommt, ein »Prüffall«. Wer mit Aluhut oder anderem Wahn, wegen Waldorf-»Schulbildung« geistig verdreht wie einst SPD-Innenminister Otto Schily oder sonstigem Mangel an Elementarwissen auf die Straße geht, für den bildet die Polizei wie in Kassel am Sonnabend ein Empfangskomitee. Wer linker Meinung ist, dem wird gegen den Kopf getreten oder der aufs Fahrrad geschlagen.

»Jana aus Kassel« weinte im November 2020 in Hannover, weil sie so allein im »Widerstand« sei. Seit Sonnabend weiß sie: Sie hat viele uniformierte Beschützer.

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

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Debatte

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Ruth Zeise: Plädoyer für Homöopathie Ich bin absoluter Fan Ihrer Artikel, ich teile Ihre politische Sicht, bin beeindruckt von Ihrem Wissen und Weitblick. Um so mehr erschreckt mich in Ihrem Artikel das Durcheinander kruder medizinischer...
  • Richard Altpaß: Nur in einer Richtung Vor allem nutzt Deutschland (federführende Politiker) jeden rechtsextremen Vorfall, um gegen Linke zu hetzen, indem dann immer gelogen wird: »Aber Linke sind auch nicht besser/mindestens genauso schli...
  • Milo Nowak: Pauschales Vorurteil Ich stimme Herrn Schölzel voll zu, wenn er das Dulden von Rechtsextremisten und das rabiate Verhalten der Polizei anprangert. In einem Deteil schürt er aber so wie ich das verstanden habe ein Vorurtei...

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