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Aus: Ausgabe vom 18.03.2021, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Tierindustrie

»Die Tierwirtschaft hat Auswirkungen auf das Klima«

Auch beim Biolandbau werden Tiere und Menschen ausgebeutet. Ein Gespräch mit Lisa Roxanne Knoke
Interview: Christof Mackinger
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Demonstration gegen die Agrarindustrie in Berlin (18.1.2020)

Anfang März haben Sie die Studie »Milliarden für die Tierindustrie« präsentiert. Sie trägt den Untertitel »Wie der Staat öffentliche Gelder in eine zerstörerische Branche leitet«. Warum braucht es eine solche Studie?

Das Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung, die sogenannte Borchert-Kommission, hat unlängst empfohlen, den Umbau der Nutztierhaltung mit jährlich mehreren Milliarden Euro zu finanzieren – und zwar ohne eine Reduktion der Tierbestände! Mit unserer Studie wollen wir die öffentlichen Fördermittel in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stellen, die jetzt schon jedes Jahr in die Tierindustrie fließen. Also in eine Industrie, die global betrachtet verheerende Auswirkungen auf Klima, Umwelt und Lebewesen hat.

Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?

Wir konnten rund 13,2 Milliarden Euro jährlich quantifizieren. Diese Summe umfasst unter anderem 5,8 Milliarden Euro für Fiskal- und Wirtschaftspolitik, 2,8 Milliarden Euro für EU-Agrarförderungen, 2,7 Milliarden Euro für die Agrarsozialpolitik, 207 Millionen Euro für Beratungen und Dienstleistungen und 640 Millionen Euro aus dem Haushalt des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. So kamen wir insgesamt auf die 13,2 Milliarden Euro an Subventionen – die dazu beitragen, dass die Bestände diesen enormen Umfang behalten. Hinzu kommen viele weitere Posten, die wir nicht quantifizieren konnten, aber angeschnitten haben, wie etwa das öffentliche Veterinärwesen. Das kann so nicht weitergehen! Wir brauchen eine Kehrtwende. Das heißt: bis zum Jahr 2030 einen Abbau der Tierhaltung um mindestens 80 Prozent.

Warum differenzieren Sie in dem Bericht nicht zwischen Massentierhaltung und Biotierbeständen?

Die Tierindustrie bringt Umweltzerstörung durch Futtermittelanbau in Monokultur und Weidelandbeschaffung vor allem in Südamerika mit sich. Dadurch gehen CO2-Speicher verloren und wertvolle Landschaft wird zerstört, Böden versanden und der Wasserhaushalt kommt durcheinander. Zudem ist die Tierindustrie verantwortlich für milliardenfaches Leid von Tieren, denen eigene Interessen abgesprochen werden – für die Profite der Agrarkonzerne. In den Schlachtbetrieben werden auch Menschen rücksichtslos ausgebeutet, wie spätestens die Coronakrise sichtbar gemacht hat. Auch beim Biolandbau werden Tiere ausgebeutet, wird viel Fläche verbraucht. Die gegenwärtigen Biostandards sorgen nicht dafür, dass die Tiere ihre Lebensbedürfnisse ausleben können. Und aufgrund der hohen Bestände hat die gesamte Tierwirtschaft Auswirkungen aufs Klima – unabhängig davon, ob die Tiere nun nach den Standards der biologischen Landwirtschaft gehalten werden oder nicht.

Würde ein umfangreicher Abbau der Tierindustrie nicht viele Menschen den Arbeitsplatz kosten?

In unserer Studie haben wir auch Forderungen benannt: Mit der drastischen Reduktion der Tierbestände fordern wir Alternativen für die Beschäftigten in der Tierhaltung und Fleischverarbeitung. In den Niederlanden etwa gibt es ein Ausstiegsprogramm für Bauern aus der Schweineindustrie. Wir wollen, dass die Beschäftigten bei der Ausgestaltung solcher Ausstiegsprogramme miteinbezogen werden. Großkonzerne müssen vergesellschaftet werden.

Wie kann dieser Teil der Landwirtschaft umfassend umgestaltet werden?

In Anbetracht der klimaschädigenden Auswirkungen der Industrie muss schnell, aber auf sozial gerechte Weise, umgebaut werden. Wir würden uns wünschen, dass die Milliarden, die aktuell in die Tierindustrie fließen, in die Regionen investiert werden, die bislang stark von ihr abhängig sind. Dort braucht es eine Bodenreform, damit die freiwerdenden Flächen für sozial gerechte Anbauprojekte verfügbar werden. Es müssen die Projekte gefördert werden, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren anstatt an Profiten. Und klar ist: Wir müssen weg vom hohen Verzehr von Fleisch, Milch und Eiern hin zu Angeboten auf pflanzlicher Basis.

Lisa Roxanne Knoke ist Biologin und im Bündnis »Gemeinsam gegen die Tierindustrie« aktiv

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

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