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Aus: Ausgabe vom 17.03.2021, Seite 8 / Ansichten

Regierende Querdenker

Berlin zieht Astra-Zeneca-Impfstoff zurück
Von Sebastian Carlens
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Hilft, ist aber leider zum Teil britischer Herkunft: Coronavakzin von Astra-Zeneca

Nicht nur in der BRD gibt es Coronaleugner und Impfskeptiker. Auch in anderen Ländern toben sich mitten im Pandemiegeschehen anthroposophisch Verstrahlte und faschistische Konjunkturritter auf den Straßen aus. Doch Deutschland hat eine Besonderheit aufzubieten, denn hier sitzen die Verharmloser, Beschwichtiger und Irreführer – das, was sich »Querdenker« nennt – in der Regierung. Es war Jens Spahn, der vor einem Jahr, als das Coronavirus die Welt bereits fest im Griff hatte, Zweifel an der Wirksamkeit von Schutzmasken streute: »In der jetzigen Lage sehe ich keine Notwendigkeit«, hatte der als Gesundheitsminister verkleidete Pharmalobbyist noch am 31. März 2020 getönt. Unterstützt wurde er von Armin Laschet – daran will sich niemand mehr erinnern, denn im Gegensatz zum verglühenden Stern Spahn soll der Rheinländer noch eine Bundestagswahl gewinnen.

Damals war der Hintergrund dieser regierungsoffiziellen Wissenschaftsskeptik eine gewisse Beschaffungsproblematik. Was diese Eierei angerichtet hat, kann man noch heute beobachten, wenn Maskenverweigerer in Innenstädten wüten. Die Masken kamen dann doch, sie sind schließlich seit vielen Jahrzehnten als Mittel zum Schutz vor Infektionen bewährt. Für manche von Spahns Parteifreunden sollte sich der künstlich verknappte Markt als Goldgrube erweisen.

Was Berlin nun anrichtet, dürfte noch viel verheerender sein: Der Rückzug des britisch-schwedischen Vakzins von Astra-Zeneca, das – bei 1,5 Millionen verimpften Dosen – in sieben Fällen zu Thrombosen geführt haben könnte, ist Wasser auf die Mühlen der »Impfskeptiker«. Um keine Zweifel aufkommen zu lassen: Jeder Impfstoff hat Nebenwirkungen, es kann stets zu Erkrankungen und sogar Todesfällen kommen. Dies gilt auch für das Mittel des deutschen Herstellers Bion­tech, das eine vergleichbare Rate von Thrombosefällen aufweist. In der Regel, das ist die Rechnung, fordern unbekämpfte Infektionskrankheiten jedoch viel mehr Opfer; im Falle von Covid-19-Erkrankten sind es rund 15 Prozent, die mit Thrombosen zu kämpfen haben. Jeder Impfstoff, auch der von Astra-Zeneca, drückt diese Rate erheblich; schwere Krankheitsverläufe werden effektiv verhindert.

Doch so, wie Astra-Zeneca aus politischen Gründen eine Zulassung in der EU bekommen hatte (man wollte »Sputnik V« und die chinesische Konkurrenz draußen halten), wird sie dem Unternehmen aus ebensolchen Gründen entzogen – weil der »Brexit«, der gegen Berlins Willen erfolgte, einfach ein geschwächtes Königreich hinterlassen muss; koste es, was es wolle.

Und weil wir von »Querdenkern« regiert werden, die alles – Profitinteresse, Standort-Deutschland-Phantasterei, Rachediplomatie – wichtiger nehmen als die Gesundheit der Bevölkerung, liegt die BRD im Impfranking weit hinter Ländern wie Marokko oder der Türkei – und erst recht hinter Großbritannien. Große Schnauze, nichts dahinter; Deutschland ist der kranke Mann des Westens, im wahrsten Sinne des Wortes.

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Zur neuen Leserbrieffunktion auf jungewelt.de

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. (17. März 2021 um 19:40 Uhr)
    Sehr gerne helfe ich auf die Sprünge: Auch über die Augen kann der Virus aufgenommen werden. Ihre Hausärztin oder Ihr Hausarzt wird das bestätigen. Deshalb sind ja die Lockerungen derart unsinnig, weil die Verbreitungen eben nicht mit der Maskenschutztherapie in den Griff zu bekommen sind. Die Mutationen der Viren werden sich auch in dieser bisher kaum aufgetretenen Weise fortentwickeln. Wie wir auch bisher nicht angenommen hatten, dass Kinder und Jugendliche bald besonders betroffen sein werden. Nun erleben wir aber die dritte Welle der Pandemie. Sie beginnt mit der Mutationsausbreitung und wird vor allem die jüngsten Menschen erfassen. Dieser Umschwung findet bereits statt.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Thomas S. (17. März 2021 um 16:57 Uhr)
    Hatte gestern hier schon mal geschrieben. Also noch ein Versuch. Kann der Autor mir eventuell eine wissenschaftliche Publikation benennen, welche einen positiven Effekt des Gebrauchs von Masken auf Infektionsgeschehen dieser Art belegen kann? Dann wäre ich argumentativ besser gerüstet in Diskussionen mit sogenannten Querdenkern. Vielen Dank.
    • Anmerkung der jW-Redaktion (17. März 2021 um 20:07 Uhr)
      Dazu gibt es etliche Studien, u. a. auch unter Berücksichtigung von Infektionen mit dem SARS-CoV-2-Virus. Beispielsweise diese recht aktuelle hier: https://www.pnas.org/content/117/51/32293.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. (17. März 2021 um 16:33 Uhr)
    Um es einmal klarzustellen: Herr Spahn folgt den Empfehlungen seiner wissenschaftlichen Beraterinnen und Berater. Er äußert sich zu den Aussagen, denn er selbst kann die Entwicklungen der Pandemie ohne Beistand gar nicht überblicken. Daher nimmt er als Minister nur eine Position ein, die ihm angeraten wird. Es ist grober Unfug, ihn für die Entscheidungen anzuzählen, die heute oder morgen getroffen werden. Also hat er angemessen gehandelt.

    Niemand kann in den kommenden Wochen vorhersehen, welche gefährlichen Entwicklungen uns betreffen werden. Ob sich die vielen Mutationen der Pandemie noch schneller ausbreiten und großen Schaden anrichten, kann niemand einschätzen. Warum also einen Minister diffamieren? Meines Erachtens tut er, was er kann. Er leistet Enormes, denn er bleibt bei der Stange. Dafür können wir ihn alle einmal loben. Danke, Herr Spahn!
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Roland W. (17. März 2021 um 19:36 Uhr)
      Wofür ist eigentlich ein Gesundheitsminister verantwortlich, für welche Entscheidungen, die er trifft oder nicht trifft, ist er verantwortlich?

      Scheinbar also für nichts. Dass ein jeder Minister, der in ein Ministeramt gelangt, von Verteidigung bis Gesundheit, vom Fach nicht viel verstehen muss und kann, versteht sich, wie sich versteht, dass ein Beraterstab verfügbar ist, und es dürfte keine Legende sein, dass Lobby eine wesentliche Seite ist.

      Was hat es mit Diffamierung zu tun, zu fragen, warum ein Versprechen nach dem anderen sich in Luft auflöst?

      Wenn nichts einschätzbar ist, dann muss es eben gesagt werden, wir wissen nichts, können nichts wissen und müssen uns überraschen lassen.

      Das stimmt aber nicht. Das Virus hat nicht daran gehindert, für ausreichend Masken zu sorgen, für Schnelltests oder auch Impfstoff zu sorgen.

      Es ist zu alledem kein Geheimnis, dass Markt- und Machtkämpfe um höchste Profite an diesem Pandemiemarkt stattfinden und eben nicht der Mensch an erster Stelle steht. Darf das nicht gesagt werden in einem Lande, das die Menschenrechte quasi erfunden hat und alle Welt belehrt, auch diffamiert?

      Warum kann es dem Minister verborgen geblieben sein, kann er völlig ahnungslos gewesen sein über das, was nun an den Tag kam mit den persönlichen Bereicherungen? Ganz ahnungslos? Nichts gewusst, nichts gesehen, nie davon gehört, obwohl er und sein Ministerium sich bekanntlich sehr bemüht haben im und um das Maskengeschäft?

      Man sieht, soweit geht Meinungsfreiheit denn doch nicht, wenn Fragen zu konkret werden oder es an Antworten fehlt.

      Viele im Lande würden gern die ganzen Wahrheiten aus ministerialem Munde hören, und es wäre geklärt bei glaubhaften überzeugenden Antworten.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Cornelia Praetorius: Warum keine Alternativen? Muss Mann oder Frau ein »Querdenker« sein, wenn man die Pandemiepolitik unserer Regierung kritikwürdig findet? Das Astra-Zeneca-Serum, das von Deutschland sehr spät bestellt worden war, ist eines der ...
  • D. Meisezahl: Holla, die Waldfee Dank an Sebastian Carlens für seine Analyse. Sehr nachvollziehbar stellt er heraus, dass es sich bei dem Hickhack um Impfstrategie, Zulassung, Nichtzulassung von diesem oder jenem Impfstoff um politis...

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