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Aus: Ausgabe vom 15.03.2021, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Das Grauen

»In Sodom« kombiniert Gedichte und Tagebucheinträge des jüdischen Dichters Avrom Sutzkever
Von Gerd Bedszent
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An die Massenvernichtung erinnern: Gedenkstätte Paneriai, Litauen

Die Massenmorde der Nazis und ihrer Verbündeten an der jüdischen Bevölkerung Osteuropas sind von der historischen Forschung umfänglich dokumentiert. Dass die Aufarbeitung dieser Verbrechen noch immer nicht abgeschlossen ist, belegt etwa das kürzlich im Verlag Hentrich & Hentrich erschienene Buch »In Sodom«. Der Herausgeber Arndt Beck hat in dem schmalen Bändchen Gedichte des jüdischen Dichters Avrom Sutzkever mit Auszügen aus dessen Tagebuchaufzeichnungen des Jahres 1946 kombiniert.

Sutzkever, einer der bedeutendsten jiddischsprachigen Dichter, hatte im Ghetto der litauischen Stadt Vilnius (damals: Wilna) den Einmarsch der faschistischen Truppen erlebt. Dort entging er im Unterschied zur Mehrheit der jüdischen Bevölkerung den Massenmorden und schloss sich einer in den umliegenden Wäldern operierenden Partisaneneinheit an. In der Nachkriegszeit sagte Sutzkever als Zeuge vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal aus – in dieser Zeit führte er Tagebuch. Später beteiligte er sich mit eigenen Beiträgen am von dem so­wjetischen Dichter Ilja Ehrenburg zusammengestellten Schwarzbuch über den Genozid an den sowjetischen Juden in den von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten. Dass besagtes Buch in der So­wjetunion nicht erscheinen durfte, war wahrscheinlich eine der Ursachen für seine Übersiedlung nach Israel. Sutzkever verstarb im Jahr 2010 hochbetagt in Tel Aviv. In einem seiner Gedichte heißt es: »man sagt mir: für Millionen fordere ich Gerechtigkeit / dass diese Stunde unvergessen bleibt in alle Ewigkeit – / doch diese Millionen gibt es nicht mehr, sind verloren – / welche Gerechtigkeit könnt ich da fordern?«

Im Band kombiniert Beck die in den Protokollen zum Nürnberger Prozess festgehaltenen Zeugenaussagen Sutzkevers (unter anderem beschrieb er, wie seine Familienangehörigen ermordet wurden) mit einer Neuedition der Tagebuchaufzeichnungen sowie mit deren Verarbeitung in Gedichtform. Beck ergänzt die Texte durch Fotos und zahlreiche in den Band eingestreute eigene Grafiken. Das Ergebnis ist eine angemessene Aufarbeitung des Massenmordes mit künstlerischen Mitteln: Man liest von nüchternen Akten eines bürokratisch durchorganisierten Massenmordes und der kaum beschreibbaren Brutalität einzelner Täter.

Arndt Beck (Hg.): In Sodom. Avrom Sutzkever in Deutschland, Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin 2020, 98 Seiten, 19,90 Euro

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