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Aus: Ausgabe vom 13.03.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Atemberaubend

Von Arnold Schölzel
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Vor einer Woche noch sah es für die freie Welt, gemessen an Zeitungstexten, schlecht aus. Am 6. März greift z. B. der Tagesspiegel eine Meldung auf, wonach »in China Einreisende einen Analabstrich über sich ergehen lassen« müssen. In Stuhlproben sei das Coronavirus länger nachweisbar. Ein Regierungsmitglied Japans habe bereits »psychische Schmerzen« bei Untersuchten diagnostiziert, und auch das US-Außenministerium habe »protestiert, weil US-Diplomaten sich ebenfalls zugunsten der Gesundheit chinesischer Bürger vornüberbeugen mussten«. Der Tagesspiegel sieht in der erzwungenen Verrenkung »Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen Pekings auf internationaler Bühne«. Noch viel deutlicher werde »das Großmachtstreben allerdings« bei der Tagung des Volkskongresses. Titel des Artikels: »Über Macht, Aufrüstung und Repression: Mit welchen Mitteln China seinen Einfluss noch weiter ausweiten will«. Offenbar mit weltweit erzwungenen Stuhlproben.

Und mit Waffen. Auf Seite eins derselben Tagesspiegel-Ausgabe kommentiert also Christoph von Marschall, »diplomatischer Korrespondent der Chefredaktion«, die »Militärmacht China«. Er hat herausgefunden, bisher hätten »Wachstum und die Chance, davon zu profitieren«, den »Exportchampion Deutschland« fasziniert, neu sei, dass »man sich hierzulande auch für Chinas Rüstung interessiert«. Was er mit »neu« meint, schreibt er nicht. Immerhin sind Sondergesetze, die chinesische Einkäufe deutscher Produzenten verhindern sollen, schon einige Jahre alt. Von der deutschen Fregatte, die demnächst vor China kreuzen soll, nicht zu reden. Von Marschall meint, China nehme »immer weniger Rücksicht auf internationale Regeln und Verträge oder die Interessen anderer«, und fragt, ob sich der Frieden retten lasse. Antwort: »Ihre Hoffnungen richten Chinas Nachbarn auf Europa.« Erwartet werde »eine gemeinsame Strategie Europas und der USA, um China durch Druck und militärische Präsenz einzudämmen«. Anders gesagt: Schickt nicht ein deutsches Kanonenboot, sondern viele. Das ist bei weitem nicht so klar wie weiland Kaiser Wilhelm II. 1900 in seiner »Hunnenrede« und führt auch nicht gerade aus den Depressionen, die Stuhlproben verursachen.

Aber für Umschwung ist gesorgt. So veröffentlicht der in Hamburg lehrende Wirtschaftswissenschaftler Thomas Straubhaar in seiner Welt-Kolumne am Mittwoch den Leitsatz für eingebildete ideologische Hegemonie: »In autoritären Systemen wird per Zwang regiert, in Marktwirtschaften per Überzeugung.« Da sehen jede deutsche Klitsche oder Amazon überzeugend gut und die Volksrepublik alt aus.

Am Freitag folgt – so schnell geht Weltgeschichte – die triumphale Bestätigung der Straubhaar-Parole: Dem FAZ-Kommentator Klaus-Dieter Frankenberger »verschlägt« schon »die schiere Zahl« von 1,9 Billionen US-Dollar (1,6 Billionen Euro) im »Konjunkturpaket« des neuen US-Präsidenten »den Atem«. Denn die Krise hat nichts mit Kapitalismus, sondern allein mit einem Virus zu tun. Aber nun: »An der Pandemiefront« entspanne sich die Lage, »die Wachstumsaussichten werden immer rosiger«. Die USA könnten »die andere, die staatskapitalistische Lokomotive der Weltwirtschaft« überholen, »und zwar in einem Augenblick, in dem der Systemkonflikt immer schärfer wird«. Offenbar war die zweite Rettung der Weltwirtschaft durch China innerhalb eines Jahrzehnts derart demütigend, dass beim ersten konjunkturellen Lichtblick Euphorie und Großmachtphantasien die publizistischen Fachkräfte überwältigen – bis zur nächsten Krise. Für Konfliktverschärfung sorgen NATO, EU und Zeitungsleute bis dahin unentwegt. Mal verunsichert wegen Großmachtstrebens durch Stuhlproben, mal des Atems beraubt wegen der zukünftigen eigenen Erfolge und wegen militärischer Präsenz.

Für Umschwung ist gesorgt. So veröffentlicht der in Hamburg lehrende Wirtschaftswissenschaftler Thomas Straubhaar in seiner Welt-Kolumne am Mittwoch den Leitsatz für eingebildete ideologische Hegemonie: »In autoritären Systemen wird per Zwang regiert, in Marktwirtschaften per Überzeugung.« Da sehen jede deutsche Klitsche oder Amazon überzeugend gut und die Volksrepublik alt aus.

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