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Aus: Ausgabe vom 13.03.2021, Seite 6 / Ausland
#TeamStrobl

Tatort Twitter

Österreichische Politikwissenschaftlerin Strobl wird von radikalen Rechten, Konservativen und Liberalen im Internet heftig attackiert
Von Johannes Greß, Wien
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Natascha Strobl, ideales Feindbild der Rechten: Antifaschistisch, antirassistisch, öffentlichkeitswirksam – und weiblich

Nach Drohungen gegen sie und ihre Familie hat die Wiener Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl am Mittwoch ihren Twitter-Account auf Eis gelegt. Strobl, die im deutschsprachigen Raum als eine der renommiertesten Expertinnen für die extreme Rechte gilt, wurde in der Vergangenheit immer wieder Ziel von heftigen Attacken.

Dem vorausgegangen war eine am Montag erschienene Kolumne der linksliberalen Wochenzeitung Falter, in der Autor Harry Bergmann von seinen persönlichen Erlebnissen bei einer Demo gegen die Coronaauflagen in Wien berichtete. »Linksradikale« hätten als Antwort auf judenfeindliche Parolen von rechts »Anti-Israel-Chöre angestimmt«. Die Schlussfolgerung des Autors: »Die schnelle Antwort von links und von rechts war gleich: Die Juden sind schuld.« Auf Twitter erkundigte sich Strobl daraufhin, was das denn für Parolen gewesen seien, andere Twitter-User mischten sich ein. Zu jenem Zeitpunkt handelte es sich »nur« um einen Streit um Deutungsmacht, wer nun wo was gesehen oder gehört hatte, bei dem Bergmann teils heftig kritisiert wurde.

Anstoß für die nächste Eskalationsstufe war ein zweiter Text, den der Falter-Kolumnist am Mittwoch nachlegte. In diesem ging es um einen Traum, »der mehr oder weniger die Wirklichkeit des Vortags« gewesen sei: »Eine Dame« – womit offensichtlich Strobl gemeint ist – »setzte sich auf den Richterstuhl und schlug mit dem Hammer wild um sich«. Damit sei er, der Autor, durch die »gnadenlos egozentrische Twitter-Gerichtsbarkeit« vom Zeugen zum Angeklagten, zum Täter gemacht worden: »Ich begann als Ohren- und Augenzeuge und endete auf der Anklagebank.«

Was der Autor bei seinem Demobesuch gehört oder gesehen hatte (oder nicht), war zu jenem Zeitpunkt kaum mehr Thema. Was als Streit unter Linken über Antisemitismus, Israel-Kritik und die Grenze zwischen diesen begonnen hatte, wurde zum willkommenen Anlass für die radikale Rechte, über Strobl herfallen zu können. Auch Konservative und Liberale stimmten in den Shitstorm mit ein – auch das ein bekanntes Szenario.

Strobl, Autorin mehrerer Bücher zum Thema extreme Rechte und auf Twitter bekannt für ihre Analysen zu Faschismus, der sogenannten Neuen Rechten und Identitären, nahm in der Vergangenheit mehrfach eine Auszeit von Twitter, nachdem sie wiederholt Opfer gezielter Kampagnen, Beschimpfungen und sogar Morddrohungen geworden war. Einen traurigen Höhepunkt erreichten die Anfeindungen zuletzt im Juli 2020, als Welt-Autor Rainer Meyer (»Don Alphonso«) Strobl in einem seiner Texte anging. Meyer, der sich regelmäßig an Feminismus, Antirassismus und Antifaschismus abarbeitet, löste in der Vergangenheit mehrfach Shitstorms gegen Journalistinnen und Journalisten aus dem linken Spektrum aus. Die Person Strobl ist ein ideales Feindbild der radikalen Rechten: antifaschistisch, antirassistisch, öffentlichkeitswirksam – und weiblich.

Auf Twitter entwickelte sich in Folge der Bergmann-Kolumne unter dem Hashtag »Team Strobl« eine Solidaritätskampagne für die Wiener Politikwissenschaftlerin. Viele betonten dabei die öffentliche Relevanz von Strobls Arbeit und die Wichtigkeit, dass sich – auch und vor allem Frauen – gegen die extreme Rechte und digitalen Hass stark machen. Die Falter-Redaktion, die sich zunächst nicht zu den Geschehnissen geäußert hatte, gab Donnerstag abend bekannt, Strobl und Bergmann würden sich am Freitag in der Redaktion gemeinsam an einen Tisch setzen, Chefredakteur Florian Klenk twitterte, die beiden würden »miteinander ein gutes und klärendes Gespräch führen. Das freut mich sehr.«

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