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Aus: Ausgabe vom 12.03.2021, Seite 12 / Thema
Kapitalistik

Der Formwandler

Von alleine geht er nicht, man wird ihn treten müssen. Der Kapitalismus als historische und veränderliche Produktionsweise
Von Jörg Goldberg
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Ständige Umwälzung der Produktivkräfte. Den meisten Repräsentanten des Kapitals dürfte mehr oder weniger klar sein, dass die Klimakrise einschneidende Veränderungen des Akkumulationsmodells erfordert: Braunkohletagebau vor Windkrafträdern in Nordrhein-Westfalen

Zwischen Anfang März und Anfang Mai dieses Jahres veranstalten die Heinz-Jung-Stiftung und Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung ein marxistisches Kolloquium unter dem Titel »Formwandel des Kapitalismus und die Rolle von Krisen – Grundlagen der historischen Kapitalismusanalyse«. Den Auftakt machte der Ökonom Jörg Goldberg. Wir veröffentlichen mit seiner freundlichen Genehmigung an dieser Stelle die Ausarbeitung seines Referats vom 1. März. (jW)

Seit der Finanzmarktkrise 2008 und mitten in der Coronakrise wurde und wird die Frage diskutiert, ob die neoliberale Entwicklungsphase des Kapitalismus ihrem Ende zugeht und ob die Krisenperiode 2008–2020 zu strukturellen Veränderungen im globalen Kapitalismus führen wird. Im Folgenden wird versucht, die Triebkräfte zu skizzieren, die Epochenbrüche im Kapitalismus bewirken können.

Historischer Charakter

Die Erkenntnis, dass die kapitalistische Produktionsweise historisch entstanden und also auch vergänglich ist, findet sich schon bei den klassischen bürgerlichen Ökonomen. Marx würdigte diese in den »Theorien über den Mehrwert«, wo er z. B. Jean-Charles-Léonard Simonde de Sismondi die Erkenntnis zuschreibt, »dass die bürgerlichen Formen nur transitorische und widerspruchsvolle sind«.¹ Aber auch die besten bürgerlichen Ökonomen des 20. Jahrhunderts, John Maynard Keynes und Joseph Schumpeter, haben dem Kapitalismus eine Tendenz zur Selbstabschaffung attestiert, die sie sich allerdings als allmählichen Wandel vorstellten.

Marx sind in diesem Kontext zwei zentrale Erkenntnisse zuzuschreiben: Erstens, der historische Charakter des Kapitalismus ist begründet in seinen immanenten Widersprüchen, die die ständige Umwälzung der Produktivkräfte und damit die Vergesellschaftung der Arbeit vorantreiben. Zweitens kann der Kapitalismus nur politisch überwunden werden, im Ergebnis des aktiven Handels der Arbeiterklasse. Es gibt weder einen ökonomisch-mechanischen Zusammenbruch noch einen allmählichen Wandel.

Da dies auch heute noch politisch relevant ist, sei hier noch einmal Marx’ bekannte Formulierung aus dem Abschnitt »Geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Akkumulation« des ersten Bandes des »Kapitals« wiedergegeben: »Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten (…) wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch der Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert.«²

Tatsächlich ist der Zusammenhang zwischen dem ökonomischen Vergesellschaftungsprozess, der Krisenhaftigkeit des Kapitalismus und der Veränderung der Klassenstrukturen nicht so klar, wie Marx das an dieser Stelle darstellt. Weder hat der Kapitalismus die Klassenstrukturen vereinfacht, d. h. es steht heute nicht bloß eine kleine Gruppe von »Kapitalmagnaten« einer »vereinten« Arbeiterklasse gegenüber, noch ist der Zusammenhang zwischen Ausbeutung einerseits und politischem Handeln andererseits so einfach, wie es im zitierten Passus erscheint. Marx und Engels als aktive Teilnehmer an den politischen Kämpfen ihrer Zeit wussten das durchaus, wie z. B. Marx’ Analyse in »Klassenkämpfe in Frankreich« zeigt: Dort werden differenziert die Rolle der unterschiedlichen Gesellschaftsschichten in der Revolution von 1848/50 und die Beziehungen zwischen Interessen, Ideologie und politischem Handeln geschildert. Allerdings wurden diese Erkenntnisse von Marx nicht – in Form einer »Revolutionstheorie« – verallgemeinert.

Solange die politischen Kräfteverhältnisse, die eine grundlegende Transformation des Kapitalismus erlauben, nicht gegeben sind, ist tatsächlich »kein Ende abzusehen«.³ Da der sich entwickelnde Kapitalismus aber immer wieder an ihm immanente bzw. durch »äußere« Faktoren gesetzte Schranken stößt, äußert sich sein historischer Charakter in Gestalt von inneren Strukturveränderungen. Der moderne (»westliche«) Kapitalismus, der etwa 200 Jahre alt ist, unterlag und unterliegt einem Formwandel, der sich als historische Abfolge längerer, relativ eigenständiger Entwicklungsphasen darstellt. Diese Entwicklungsphasen werden durch »große« Krisen beendet, die gleichzeitig – wenn die politischen Kräfteverhältnisse progressive Lösungen nicht erlauben – die Grundlage für neue, veränderte Entwicklungsphasen legen.

Technik und Zentralisation

In der Geschichte des Kapitalismus lassen sich (bis jetzt) vier historische Brüche oder »große Krisen« nachweisen, die allerdings unterschiedliche Ursachen und Verläufe hatten und jeweils gesondert analysiert werden müssen. Das kann hier auch nicht ansatzweise geleistet werden. Es sollen aber jene dem Kapitalismus immanenten Widersprüche skizziert werden, die im Zuge der Vergesellschaftung der Arbeit zu historischen Formveränderungen führen.

Der Kapitalismus ist, wie Marx betont hat, eine revolutionäre Produktionsweise, deren Existenzbedingung die ständige Umwälzung der Produktivkräfte ist. Die mit der Akkumulation des Kapitals verbundene Produktivkraftentwicklung äußert sich vor allem in der Veränderung und in der progressiven Zunahme der Arbeitsmittel, d. h. der Maschinerie, in der zugleich das fortschreitende Wissen inkorporiert ist. Je größer das akkumulierte Kapital, desto billiger kann produziert werden, desto größer die Produktions- und Absatzmengen. Angetrieben wird dieser Prozess durch die Konkurrenz der Einzelkapitale untereinander. Es ist die Konkurrenz, die die Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise zu Zwangsgesetzen für jedes einzelne Unternehmen macht. Die Konkurrenz zwingt die Einzelkapitale zur Rationalisierung, zur Senkung der Produktionskosten, zur Anwendung neuer Produktivkräfte, zur Ausdehnung der Produktion. In diesem Prozess obsiegen die großen Einzelkapitale. Die Konkurrenz führt zur Konzentration und zur Zentralisation des Kapitals, »je ein Kapitalist schlägt viele tot«, schreibt Marx.⁴

»Hand in Hand« mit der Zentralisation entwickeln sich die Produktivkräfte als gesellschaftliche: Technischer Fortschritt und Zentralisation des Kapitals sind zwei Seiten derselben Medaille. Konzentration und Zentralisation sind aber kein eindimensional gerichteter Prozess, wie Engels in seinen oft unterschätzten »Umrissen zur Kritik der Nationalökonomie« geschrieben hat: »Die Konkurrenz beruht auf dem Interesse, und das Interesse erzeugt wieder das Monopol; kurz, die Konkurrenz geht in das Monopol über. Auf der anderen Seite kann das Monopol den Strom der Konkurrenz nicht aufhalten, ja, es erzeugt die Konkurrenz selbst.«⁵ Jeder, der heute die Wirtschaftspresse studiert, kann den Untergang »alter« Monopolisten und das Aufsteigen neuer Konzerne, u. a. im Kontext des technischen Wandels, verfolgen.

Verelendung und Integration

Ob Marx, als er über das Anwachsen der »Masse des Elends« schrieb, die »absolute« oder die »relative« Verelendung meinte, braucht hier nicht diskutiert zu werden. Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, Marx habe eine dauerhafte Besserstellung der Arbeiter im Kapitalismus für unmöglich erachtet und den Kampf für soziale Reformen nur als eine Art »Durchlauferhitzer« für die Revolution gehalten. In Marx’ berühmter »Inauguraladresse der Internationalen Arbeiter-Assoziation« wird die gesetzliche Verankerung des Zehnstundentags und die Errichtung von Produktivgenossenschaften als Sieg der »politischen Ökonomie der Arbeiterklasse« über die »politische Ökonomie der Mittelklasse« gefeiert. In Abhängigkeit von den jeweiligen Kräfteverhältnissen und unter Ausnutzung von Interessengegensätzen z. B. zwischen »Landlords und Geldlords« könne es gelingen, das »Elend der arbeitenden Massen« zu verringern.⁶ Perioden, in denen dem Kapital Konzessionen abgerungen und gesetzlich fixiert werden, in denen ein sozialer Kompromiss herrscht, können sich abwechseln mit Perioden, in denen es politische Niederlagen der Arbeiterbewegungen dem Kapital erlauben, erkämpfte Reformfortschritte rückgängig zu machen. Genau darin bestand das Wesen der »großen Krise« von 1973/75, die in die neoliberale Phase der Umverteilung und des Sozialabbaus führte.

Die Herstellung des Weltmarkts

Die Herstellung des Weltmarkts ist eines der wichtigsten revolutionären Ergebnisse der kapitalistischen Produktionsweise, es ist ihr »Beruf«. Auf dem Weltmarkt agieren aber nicht bloß Einzelkapitale, dort treffen nationale Bourgeoisien, Nationalkapitale, aufeinander. Auf dem Weltmarkt ist die für den Kapitalismus charakteristische Trennung von ökonomischer und politischer Macht aufgehoben, dort kämpfen »Nationen«, d. h. nationale Bourgeoisien, mit ökonomischen und politischen Mitteln um wirtschaftliche Vorteile. In einem Aufsatz zu Friedrich Lists Buch »Das nationale System der politischen Ökonomie«, einer Bibel des wirtschaftlich aufstrebenden Deutschlands im 19. Jahrhundert, schreibt Marx: »Der Bourgeois hat, so sehr der einzelne Bourgeois gegen die anderen kämpft, als Klasse ein gemeinschaftliches Interesse, und diese Gemeinschaftlichkeit, wie sie nach innen hin gegen das Proletariat gekehrt ist, ist nach außen hin gegen die Bourgeois anderer Nationen gekehrt. Das nennt der Bourgeois seine Nationalität.«⁷ Je enger verflochten die ökonomischen Kreisläufe auf der internationalen Ebene sind, desto wichtiger ist eine relativ stabile Ordnung, die Waren- und Kapitalverkehr regelt, und desto wichtiger sind internationale Währungsverhältnisse, die einen einigermaßen verlässlichen Zahlungsverkehr sichern.

Eine solche globale »Ordnung« basiert auf politischen und ökonomischen Machtverhältnissen, optimalerweise auf einer Hegemonialmacht, die in der Lage ist, stabile internationale Verhältnisse zu garantieren. Die Machtverhältnisse zwischen den »Nationen« ändern sich aber ständig, was Lenin »Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung« nannte. Der Aufstieg Chinas und einiger anderer ehemaliger »Hinterländer des Kapitals« (Rosa Luxemburg) und der Machtverlust der USA werden heute als Bedrohung der globalen »Stabilität« empfunden: »Das 21. Jahrhundert wird wahrscheinlich eine Ära ohne einen absoluten Hegemon sein (…) im Ergebnis werden Macht und Einfluss auf chaotische Weise verteilt werden«, klagen Vertreter des Davoser »World Economic Forum«.⁸ Hegemonialwechsel gingen historisch mit Krisen, Kriegen und neuen Entwicklungsphasen einher. Angesichts der Zusammenballung von Massenvernichtungswaffen und einer ökologischen Krise, die die menschliche Zivilisation bedroht, ist ein globaler Rahmen, der ein Minimum an ökonomischer und politischer Kooperation möglich macht, unabdingbar.

Die marxistische Politische Ökonomie basiert auf der Erkenntnis, dass der Produktionsprozess im Kapitalismus einerseits einen natürlichen, stofflichen Charakter hat, andererseits aber Verwertungsprozess ist. »Wie die Ware selbst Einheit von Gebrauchswert und Wert, muss ihr Produktionsprozess Einheit von Arbeitsprozess und Wertbildungsprozess sein«, schreibt Marx im »Kapital«. Der Arbeitsprozess ist zunächst »Prozess zwischen Mensch und Natur, ein Prozess, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt«.⁹ Erst als Verwertungsprozess erhält er seine gesellschaftlich bestimmte Form. Methodisch ist damit die Grundlage für eine Analyse der Zuspitzung des Widerspruchs Kapital/Natur gelegt, die gegenwärtig in Gestalt der Klimakrise ganz oben auf der Agenda des Kapitalismus steht.

Die Natur als Entwicklungsschranke

Dass dem Kapitalismus eine Tendenz zur Untergrabung seiner natürlichen Grundlage innewohnt, war den »Klassikern« immer bewusst, im Kontext der Agrarfrage hat sich Marx mit diesem Aspekt intensiv befasst. Allerdings stand der Gegensatz Kapital/Arbeit im Mittelpunkt der Kapitalismusanalyse, was nichts mit der Unterschätzung der Naturfrage zu tun hat: Politische Bewegungen mit revolutionärem Potential – und darum ging es Marx und Engels – entzündeten sich am Widerspruch Kapital/Arbeit, der Gegensatz Kapital/Natur war kaum die Grundlage politischer Bewegungen. Obwohl natürliche Entwicklungsschranken in der Geschichte des Kapitalismus immer wieder auftauchten (Bodenerosion, Holzknappheit, Wasser- und Luftverschmutzung), waren dies doch immer regional und/oder sektoral lösbare Widersprüche, die zudem nicht gleichzeitig auftraten.

Das ist heute grundlegend anders: Die Klimakrise stellt eine globale Bedrohung dar, die – und das ist inzwischen allen wichtigen Kapitalfraktionen und herrschenden politischen Kräften mehr oder weniger klar – einschneidende Veränderungen des Akkumulationsmodells erfordert: »Ohne weitere Maßnahmen zur Reduzierung der Treibhausgase wird der Planet in Millionen von Jahren nicht gesehene Temperaturen erreichen mit möglicherweise katastrophalen Folgen«, schreibt der kapitalismuskritischen Ansichten unverdächtige Internationale Währungsfonds.¹⁰ Dass der Abschied von fossilen Energieträgern (»Dekarbonisierung«) und der Übergang zu emissionsarmen Produktions- und Konsummustern notwendig ist, ist wissenschaftlich schon seit vielen Jahrzehnten erwiesen, spätestens seit dem Bericht des »Club of Rome« von 1972 auch medial präsent. Trotzdem ist viele Jahrzehnte lang nichts passiert. Hätte man vor 50 Jahren das Programm eines »New Green Deal« aufgelegt, dann wäre das ökonomisch und ökologisch »billiger« geworden.

Die Begrenzung des Raubbaus sowohl an der menschlichen Arbeitskraft als auch an der Natur setzt sich im Kapitalismus aber nie über wissenschaftliche Erkenntnisse oder Einsicht in die Notwendigkeit durch, solange die entsprechenden Maßnahmen den Verwertungsinteressen der dominierenden Einzelkapitale widersprechen. Das zeigt die Geschichte des Klimaschutzes sehr deutlich: Entscheidend waren nicht die seit Jahrzehnten bekannten Forschungen Tausender Wissenschaftler, sondern starke politische Bewegungen wie z. B. »Fridays for Future«, die das politische Klima zu prägen begannen. Um es zuzuspitzen: Ein politisch begabtes Schulmädchen war nötig, damit jene Maßnahmen eingeleitet wurden, deren Notwendigkeit schon lange auf der Hand lag.

Warum Entwicklungsphasen?

Dass die vier genannten Widerspruchsfelder als Ausdruck der dem Kapital immanenten Tendenz zur Expansion und zur progressiven Vergesellschaftung der Arbeit eine ständige Anpassung der Strukturen, also einen historischen Formwandel, nach sich ziehen, ist unmittelbar einsichtig. Die Frage stellt sich, warum sich dieser Anpassungsprozess nicht mehr oder weniger kontinuierlich vollzieht, im Rahmen des »normalen« acht- bis zehnjährigen Konjunktur- und Krisenzyklus, den wir alle kennen. Warum kommt es immer wieder zu längeren Perioden beschleunigter Akkumulation mit relativ stabilen Verhältnissen, die abgelöst werden durch Phasen von Krisen und Depression?

Um das zu erklären kann man in der linken und marxistischen Diskussion zwei »Erklärungsfamilien« ausmachen, die sich – das sei betont – nicht gegenseitig ausschließen: Ein Ansatz legt den Akzent auf die Wirkung von »Basisinnovationen« oder auch von epochalen Ereignissen wie den Weltkriegen, die eine Welle der Neuanlage von Kapital auslösen, deren expansive Wirkungen über mehrere »normale« Konjunkturzyklen hinweg spürbar sind. Historisch hatten die Einführung der Dampfmaschine, der Eisenbahnbau und die Massenautomobilisierung so eine Wirkung: Dies erforderte nicht nur große Investitionen in die betreffende Technik, darüber hinaus waren eine Veränderung der Raumstrukturen und große Infrastrukturinvestitionen notwendig. Die expansive Wirkung solcher Akkumulationswellen lässt aber im Zeitablauf nach.

Die zweite »Erklärungsfamilie« betrachtet die sozialen und politischen Rahmenbedingungen des Akkumulationsprozesses. Angetrieben wird die Akkumulation des Kapitals durch Investitionsentscheidungen von Einzelkapitalen. Diese werden von der Aussicht auf die Verwertung des eingesetzten Kapitals bestimmt. Neben der Abschätzung der zukünftigen Nachfrage hängt die »Investitionsneigung« von den institutionellen, sozialen und politischen Rahmenbedingungen ab. Ein zentraler Aspekt ist dabei die Stabilität der sozialen Verhältnisse, vulgo Klassenbeziehungen. Verschieben sich diese, tritt eine Periode der Unsicherheit ein. Andere Rahmenbedingungen werden, wie oben gezeigt, durch die Situation auf den Weltmärkten, die Stabilität der Geld- und Kreditsysteme usw. gebildet. Solche Strukturen verfestigen sich in Form von gesetzlichen Fixierungen, aber auch durch eher »informelle« Normen, die das Verhalten der Akteure bestimmen. Sie sind relativ stabil, Veränderungen vollziehen sich nur langsam. Dies kann längere Perioden von »Stabilität« begründen; Veränderungen z. B. in den Klassenverhältnissen oder in den internationalen Beziehungen können aber auch zu längeren Phasen von Unsicherheit und damit zum Stocken des Akkumulationsprozesses führen.

Es ist offensichtlich, dass die Strukturen des Akkumulationsprozesses einerseits und die institutionellen Rahmenbedingungen andererseits in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen: Ein Erlahmen der »Investitionsneigung«, Absatzstockungen, vermehrte Krisen, wirken sich auf die politischen und sozialen Beziehungen aus. Umgekehrt kann die Zuspitzung von politischen und sozialen Gegensätzen die Akkumulation des Kapitals ins Stocken bringen.

Als Ergebnis der obenstehenden Betrachtungen sollen drei Punkte festgehalten werden: Erstens, der Kapitalismus stirbt nicht als Folge mechanisch-ökonomischer Widersprüche. Ebensowenig wächst er quasi automatisch aus ökonomischen oder technologischen Gründen in eine neue, humanere und zivilere Gesellschaftsform hinüber. Er kann nur politisch überwunden werden. Zweitens: Solange die politischen Bedingungen seiner Überwindung nicht gegeben sind, führt jede Krise des Kapitalismus zum Zusammenbruch einer bestimmten historischen Entwicklungsphase. Drittens werden die jeweiligen Entwicklungsphasen durch »große Krisen« beendet, die entweder die politischen Bedingungen einer grundlegenden Umwälzung oder die ökonomischen und politischen Voraussetzungen einer neuen, veränderten Entwicklungsphase schaffen.

Anmerkungen

1 Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 26.3, S. 51

2 MEW 23, S. 791

3 Georg Fülberth: Kapitalismus. Papyrossa-Verlag, Köln 2015, S. 116

4 MEW 23, S. 790

5 MEW 1, S. 499

6 MEW 16, S. 11

7 Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) VI/6

8 Klaus Schwab und Thierry Malleret: Covid-19: The Great Reset. World Economic Forum, Genf 2020, S. 104

9 MEW 23, S. 201, S. 192

10 International Monetary Fund: World Economic Outlook, October 2020, S. 85

Anmeldung und Programm des ­»Marxistischen Kolloquiums« unter: kurzelinks.de/marx-studienwoche

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