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Aus: Ausgabe vom 10.03.2021, Seite 5 / Inland
Umweltverschmutzung

Rohstofflager Meeresboden

Tiefseebergbau: Lobbyisten geben Ressourcenraub als Klimaschutz aus
Von Burkhard Ilschner
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Sind vor dem Raubzug gieriger Meeresausbeuter nicht sicher: Manganknollen

Die Klage ist deutlich: »Das Wettrennen um die Schätze des Meeres wird als Klimaschutz getarnt« – mit diesen Worten kritisiert das Projekt »Fair Oceans« des Bremer Vereins für Internationalismus und Kommunikation (IntKom) die Debatte um den Rohstoffabbau am Meeresboden. »Nötig ist ein definitiver Stopp derartiger Pläne statt nicht endender Debatten über absehbar ins Leere laufende Moratorien«, wirbt Projektkoordinator Kai Kaschinski für eine zivilgesellschaftliche Initiative gegen Versuche, Tiefseebergbau als notwendigen Beitrag zum Klimaschutz zu rechtfertigen.

Es geht um die Förderung mineralischer Ressourcen aus ökologisch höchst sensiblen Meerestiefen: Manganknollen am Meeresboden und Kobaltkrusten an den Hängen unterseeischer Bergketten enthalten neben den namensgebenden Metallen auch Kupfer, Nickel oder Titan; ferner locken Sulfidschichten rund um sogenannte Hydrothermalquellen am Meeresboden mit hohem Gehalt an Kupfer, Gold und Silber. Hinzu kommen in allen drei Fällen viele weitere Metalle in jeweils kleineren Mengenanteilen. Der Streit um diese Ressourcen begann vor rund 50 Jahren, als die UNO über die Seerechtskonvention debattierte, die 1994 endlich in Kraft trat: In ihr wurden die Meeresbodenschätze zum »gemeinsamen Erbe der Menschheit« erklärt, das Gemeingut verwaltet die International Seabed Authority (ISA) auf Jamaika als UN-Behörde.

Seit den 1970er Jahren gieren westliche Industriestaaten und führende Konzerne nach diesen Rohstoffen – in der BRD etwa die staatliche Preussag AG oder die Frankfurter Metallgesellschaft AG. Allerdings gab es damals so gut wie keine maritime Technik für wirtschaftlichen Abbau, zudem minderten vorhandene Rohstofflandlagerstätten den ökonomischen Druck zu ihrer Erschließung. Trotzdem ließ die BRD 1989 im Ostpazifik in rund 4.000 Metern Tiefe ein mehr als 3,5 Quadratkilometer großes Meeresbodenareal umpflügen: 2020 zeigte sich, dass die damals angerichteten Schäden bis heute sichtbar sind.

Aktuell geben drastischer Anstieg der Rohstoffpreise sowie Entwicklung potentieller Fördertechniken der Gier nach Tiefseeressourcen neue Nahrung. Nicht nur rohstoffarme Industrieländer wie Japan, Südkorea oder Deutschland sehen im Tiefseebergbau strategische Perspektiven: 2014 haben etwa deutsche mittelständische Anlagenbauer in Hamburg den Lobbyverein »Deep Sea Mining Alliance« (DSMA) gegründet, aus dem inzwischen eine »Pressure Group« von internationalem Gewicht geworden ist. Auch China, Russland, Frankreich oder Indien wollen dabeisein – und infolge der Aushöhlung ursprünglicher Seerechtsregeln können längst nicht nur Staaten, sondern auch Konzerne bei der ISA Explorationslizenzen erwerben.

Tiefseebergbau, schreibt »Fair ­Oceans«, sei nachhaltig und vorsorgend nicht umsetzbar. Das gemeinsame Erbe der Menschheit werde verschachert, ökologisch das höchst sensible Meeresleben bedroht, zudem berge das Profitstreben entwicklungspolitische Gefahren: »Ein weiteres Mal werden die Ressourcen für die Konsumansprüche der Industrienationen und Schwellenländer aus dem globalen Süden geholt, und die Gesellschaften dort müssen den Preis für ihre Abhängigkeit vom Rohstoffmarkt, auftretende Umweltfolgen und soziale Ungleichheit tragen.«

Scharf kritisiert »Fair Oceans« den Versuch, den Tiefseebergbau zum Garanten der Klimawende zu stilisieren: Ohne ihn, so behaupte die Industrie, drohe eine Verknappung strategisch wichtiger mineralischer Rohstoffe für die Produktion alternativer Energieträger oder E-Autos. Tiefseebergbau gefährde, was Klimaschutz bewahren wolle – die Funktion der Ozeane als wichtigste Kohlenstoffspeicher des Planeten. Explizit richtet sich der Aufruf gegen die Forderung nach einem Moratorium – denn dieser Ruf beinhalte immer die Option einer alsbaldigen Aufhebung und suggeriere so, dass Tiefseebergbau mittelfristig akzeptabel, sinnvoll und notwendig sein könne. Nur ein Stopp dieser Pläne schaffe Raum für nachhaltige Rohstoffnutzung sowie Klima- und Rohstoffgerechtigkeit.

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