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Aus: Ausgabe vom 04.03.2021, Seite 11 / Feuilleton
Kunst

Assange und die Ninja Turtles

Verwobene Verweise: Margret Eichers wild zitierende Tapisserien
Von Matthias Reichelt
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Helden aus dem Untergrund: Margret Eichers Wandteppich »Agent Assange« 2020

Eigentlich frech, eine Ausstellung »Lob der Malkunst« zu betiteln, in der keine einzige der großflächigen Arbeiten mit Pinsel oder Spachtel gefertigt wurde. Margret Eicher, die ihre künstlerische Karriere als Malerin und Zeichnerin begann, hat sich seit 2000 von diesem klassischen Medium verabschiedet und komponiert am Computer ihre vielschichtigen Bilder, die sie anschließend von einer Weberei in Flandern als wandfüllende Tapisserien produzieren lässt. Diese werden aktuell im Haus am Lützowplatz in Berlin ausgestellt.

Mit kunsthistorischem Wissen nutzt Eicher, ganz im Geist der Postmoderne, dieses feudalherrschaftliche Medium, um mit Verweisen und Zitaten zu Schlüsselbildern aus popkultureller Gegenwart, Kunstgeschichte, Politik und Medienreflexion zu spielen. Die einzelnen Bildelemente für ihre Collagen fand sie anfangs in den Printmedien und bezieht sie heutzutage ausschließlich aus dem Netz. Aufgrund geringer Auflösungen, die nicht für die Größe der Tapisserien ausreichen, muss sie die Motive aufwendig am Computer nachbearbeiten.

Mit neuen Mitteln

Auf dem titelgebenden Wandteppich sitzt der junge Gerhard Richter an einem Tisch in der Paris-Bar, einem legendären Treff der Kunstszene Berlins. Auf der rechten Seite des mit Gemälden in Petersburger Hängung reich bestückten Gastraums hat Eicher den Künstler Martin Kippenberger (1953–1997) in typischer Angeberpose als Partylöwen eingefügt. Mittig ist Scarlett Johansson als »Mädchen mit dem Perlenohrring« aus dem Film von Peter Webber von 2003 zu sehen, in dem die fiktive Geschichte hinter dem berühmten Barockgemälde des niederländischen Malers Vermeer erzählt wird. Bei Eicher ist die Hollywoodschauspielerin mit dem Lorbeerkranz in der rechten und der Posaune in der linken Hand ausgestattet: Mit Siegesfanfare soll der Sieger im Wettstreit der Malschulen gekürt werden. Ob Eicher hier ein Urteil im Kampf zwischen den Positionen fällt – deutscher »Malerfürst« hier, klassischer Barockmaler Vermeer dort –, oder ob Kippenbergers Reduktion des Mediums zur Dienstleistung à la »Lieber Maler, male mir« prämiert wird, geht aus dem Bild nicht hervor. Da Eicher ihre Arbeit in der Tradition der Malerei mit neuen Mitteln begreift, liegt es nahe, dass hier kein Urteil zu erwarten ist, sondern der Akzeptanz verschiedener Formen Ausdruck verliehen wird. Eine Spur in diese Richtung sind die im Bild eingestreuten Termini wie »Digital Paint­ing« und »Industrial Painting«, mit denen die Künstlerin die Bandbreite des Mediums zitiert. Die Malerei ist als Zitat mehrfach medial überblendet und jenseits aller Handwerklichkeit anwesend.

In anderen Wandteppichen macht Eicher ihre politischen Positionen deutlich. Eine 2020 fertiggestellte Arbeit ist eine Hommage an den Wikileaks-Gründer Julian Assange. Lässig und cool wird er als Held und Popikone stilisiert. Bewaffnete Ninja Turtles flankieren ihn und beschützen ihn vor Feinden vor allem aus den westlichen Demokratien, denen Assange Isolationshaft, Todesdrohungen, Geheimprozesse und Rufmord zu verdanken hat. Die Turtles-Autoren Kevin Eastman und Peter Laird benannten ihre mutierten humanoiden Riesenschildkröten aus dem Comic der 1980er Jahre übrigens nach den vier Renaissancekünstlern Leonardo da Vinci, Michelangelo, Raffaello und Donatello.

Realität und Zeichen

Auch der von den USA mit einer Lüge begonnene Irak-Krieg ist ein Thema. Ein Soldat mit Maschinengewehr im Anschlag, das Motiv ist einem Artikel über die Bundeswehr entnommen, liegt inmitten einer Landschaft, die auf Albrecht Dürers »Das große Rasenstück« basiert. Eingefasst wird das Motiv von Szenen aus dem Film »Avatar« (2009), während der untere Teil nächtliche Aufnahmen der Bombardierung Bagdads zeigt, wie sie 2003 im TV ausgestrahlt wurden. Wie bei der US-Inszenierung der angeblichen Al-Qaida-Verstrickung Saddam Husseins verschmilzt hier Fiktionales und Reales untrennbar zu einer Medienwirklichkeit. Den philosophischen Schlüssel hierfür liefert Jean Baudrillard (1929–2007), auf den Margret Eicher zweifach verweist. Auf dem Maschinengewehr prangt der Begriff »Simulation«, während über den Szenen des Bombardements Bagdads eine Erkenntnis Baudrillards zitiert wird: »In der Simulation ist das Zeichen nicht mehr von der Realität zu unterscheiden.«

Eichers Ausstellung, die im letzten Jahr in der Villa Stuck in München gezeigt wurde, ist wegen des Kulturshutdowns nur virtuell zu besuchen. Ein Jammer, denn die zehn großen Tapisserien sind unmittelbar höchst beeindruckend. Eine kleine Entschädigung sind die sachkundigen Onlineführungen, die das Haus am Lützowplatz anbietet, und die Möglichkeit, mit der Künstlerin an bestimmten Terminen online ins Gespräch zu kommen.

Margret Eicher – Lob der Malkunst. Haus am Lützowplatz, Berlin

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Virtuelle Ausstellung bis 14. März 2021

Margret Eicher im Gespräch mit Wolfgang Ullrich, 4. März, 18 Uhr, Anmeldung für den Stream: kurzelinks.de/Eicher-Ullrich

www.hal-berlin.de

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