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Aus: Ausgabe vom 04.03.2021, Seite 10 / Feuilleton
Berlinale

Was im Wege steht

Verschiedene Formen von Vampirismus: Julian Radlmaiers kluger Film »Blutsauger« auf der Berlinale
Von Holger Römers
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Eine Art Zahnarzt? Ljowuschka (Alexandre Koberidze) als Vampir in Radlmaiers Film »Blutsauger«

Karl Marx hat nun auch einen veritablen Vampirfilm inspiriert. Denn Julian Radlmaier beginnt seinen zweiten Spielfilm (nach »Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes«) damit, dass er einen »Kapital«-Lesekreis jene Textstelle zusammenfassen lässt, wo es unter anderem heißt: »Das Kapital ist verstorbene Arbeit, die sich nur vampyrmäßig belebt.« Und diese Metapher wird dann von dem ebenso souveränen wie vergnüglichen Film ganz wörtlich genommen, so dass sich Großaktionäre einer pharmazeutischen Fabrik hier tatsächlich, wie der Titel ankündigt, als »Blutsauger« entpuppen.

Dass er die Handlung 1928 angesiedelt hat, erklärt Radlmaier mit einer Passage, über die er in einer Eisenstein-Biografie, im Kapitel zu dessen »Oktober«, stolperte. Dort habe es über den Trotzki-Darsteller, dessen Szenen auf Druck Stalins aus dem Revolutionsfilm gestrichen wurden, nur wolkig geheißen, er sei »eine Art Zahnarzt« gewesen. Das hat den 1984 geborenen Deutsch-Franzosen, der auch für Drehbuch und Schnitt verantwortlich zeichnet, auf die Idee gebracht, jenem unbekannten Schauspieler eine Lebensgeschichte anzudichten und sie im Verlauf des Films in kurzen Rückblenden aufzublättern. Zu Beginn lässt er den Ljowuschka genannten Mann (Alexandre Koberidze) indes an der deutschen Ostseeküste landen, wo er sich bei einem Zusammentreffen mit der Fabrikerbin Octavia Flambow-Jansen (Lilith Stangenberg) als exilierter russischer Baron ausgibt.

Dabei erinnern die Kauzigkeit der Figuren und der maritime Handlungsort vielleicht nicht zufällig an eine andere Sozialsatire, die ebenfalls im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts angesiedelt war und den Klassenkampf als buchstäblich bissige Angelegenheit auffasste: In »Die feine Gesellschaft« ließ Bruno Dumont ländliche Subproletarier urlaubende Großbürger halbroh verspeisen. Gerade im Vergleich mit jener französischen Produktion von 2016, die als wilde Provokation bloß eine versponnene Kuriosität blieb, fällt allerdings auf, wie leichthändig und klug dieser Film seine Ausgangsidee entwickelt.

Das äußert sich nicht zuletzt in der Konsequenz, mit der die Marxsche Metapher hier an ihren ursprünglichen Zusammenhang mit der Verfügungs­gewalt über Zeit und mit der Regeneration von Arbeitskraft geknüpft wird. Immer wieder sind in »Blutsauger« also Zeitmangel und Müdigkeit ein Thema, woraus sich vordergründig ein utopistisches Lob der Faulheit ableitet. Radlmaier hat denn auch spürbare Sympathie für Ljowuschka, der von der Oktoberrevolution früh enttäuscht ist, da sie das Reich der Notwendigkeit nicht einfach aufgehoben und »vergessen hatte, die Lohnarbeit abzuschaffen«. Doch bezeichnenderweise lässt er den verhinderten Schauspieler ebenso als tragische Figur enden wie den hoffnungslosen Rivalen um die Gunst Octavias, deren Diener Jakob (Alexander Herbst).

Dabei mag man die romantische Verblendung der beiden Träumer durchaus verstehen. Zwar gibt es, wie eine eingeblendete Kapitelüberschrift mit Adorno feststellt, »kein richtiges Leben im falschen«. Doch die ebenso empfindsame wie reiche Octavia verkörpert mit ihrer – schon im Nachnamen aufscheinenden – Flamboyanz das schönste Leben, das man sich im falschen wohl vorstellen kann. Sie liebt Proust und rezitiert Rilke, sie trägt mit der größten Selbstverständlichkeit die tollsten Klamotten, sie schmückt die Familienvilla mit moderner Kunst und plant, den historistischen Kasten durch einen Neubau im Stil des Neuen Bauens zu ersetzen.

Das gibt Radlmaier Gelegenheit, in historischem Dekor zu schwelgen, wobei einige wenige kontrapunktisch eingestreute Anachronismen – etwa die gleich zu Anfang sichtbaren Para­glider – jedoch verhindern, dass die Sorgfalt von Reinhild Blaschkes Ausstattung jemals als Fetisch wirkt. Ein ähnlich verfremdender Effekt ergibt sich daraus, dass die Sprechweisen der (durchweg großartigen) Darsteller sich wirklich alle voneinander unterscheiden, weshalb sogar die kleinste Nebenfigur einen individuellen Reiz entwickeln und uns ihre soziologische Typisierung zugleich bewusst werden kann.

Das ermöglicht es Radlmaier wiederum, allerlei Faktoren durchzudeklinieren, die dem Bewusstwerden der Ausbeutungsverhältnisse im Wege stehen. Das fängt damit an, dass Octavia Jakob zum »persönlichen Assistenten« adelt und sich von ihm partout duzen lässt. Und es endet damit, dass Ljowuschka zugunsten Octavias nicht nur »ihre Empfindsamkeit, ihren Literaturgeschmack, ihren Individualismus, ihre Liebessehnsucht« ins Feld führt, sondern auch ihren Wohltätigkeitsball.

Wenn er die Allgegenwart rassistischer Keime andeutet und eine ausländische Nebenfigur (Kyung-Taek Lie) nüchtern darlegen lässt, welche Wirkung die eigene prekäre Arbeit unweigerlich auf die ökonomischen Interessen örtlicher Arbeiter hat, zeigt dieser Film auch auf, wie diffus bleibender Unmut sich faschistisch kanalisieren lässt. Dabei ist wichtig, dass Radlmaier, indem er zwei historische Zeitungsausschnitte ins Bild rückt, die oberflächliche Nähe reflektiert, die die Vampirismusmetapher mit antisemitischen Karikaturen verbindet. Um so bezeichnender ist, dass er eine heimliche Hauptfigur schließlich über das einschlägige Marx-Zitat und Octavia festhalten lässt: »Und selbst wenn es nur eine schlechte Metapher ist – ausbeuten tut sie uns trotzdem!«

»Blutsauger«, Regie: Julian Radl­maier, BRD 2021, 125 Min.

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