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Aus: Ausgabe vom 02.03.2021, Seite 10 / Feuilleton
Berlinale

Am Horizont ein Riese

Bäume für den Milliardär: Salomé Jashis Dokumentation »Taming the Garden« auf der Berlinale
Von Holger Römers
Taming the GardenCountry: CHE, DEU, GEO 2021Director: Sa
Surreale Szenerie: Baumriese im Schwarzen Meer

Bidsina Iwanischwili ist in diesem Film weder zu sehen noch zu hören. Trotzdem überschattet er in »Taming the Garden« jedes Bild und jedes Wort. Laut der einschlägigen Liste des Forbes Magazins ist der 65jährige mit einem Vermögen von 4,8 Milliarden Dollar (vier Milliarden Euro) der reichste Mensch Georgiens. Nachdem er zunächst Micheil Saakaschwili finanziert hatte (der in der Zwischenzeit sein politischer Erzrivale geworden ist), bekleidete er 2012 bis 2013 selbst das Amt des Premierministers. Innerhalb der übermächtigen Regierungspartei »Georgischer Traum« gibt er seitdem den Ton an, auch wenn er vorübergehend die offizielle Parteiführung anderen überließ – weshalb internationale Medien skeptisch reagierten, als der Oligarch vor drei Wochen den angeblich endgültigen Rückzug aus der Politik ankündigte.

Wer über solche wirtschaftliche und politische Macht verfügt, kann sich in jedem Fall verrückte Schrullen leisten, und von so einer handelt dieser Dokumentarfilm. Irgendwann fing Iwanischwili nämlich damit an, riesige alte Bäume zu kaufen, sie entwurzeln und auf sein herrschaftliches Anwesen in Tbilissi bringen zu lassen. Weil er die Objekte seiner Begierde meistens in der georgischen Küstenregion fand, wurden Teile des Transportweges offenbar regelmäßig mit Lastkähnen auf dem Schwarzen Meer absolviert. Entsprechend surreal wirken die Aufnahmen, mit denen »Taming the Garden« beginnt: Während am Ufer Angler sitzen, schiebt sich am Horizont ein Baumriese über die Wasserfläche.

Im Verlauf ihres zweiten Langfilms streut Salomé Jashi noch einzelne Variationen dieses faszinierend-befremdlichen Bildes ein. Zunächst vermittelt sie uns aber einen Eindruck von dem gewaltigen Aufwand, der betrieben werden muss, um die Bäume überhaupt aus der Erde zu holen. Man sieht, wie Arbeiter mit Motorsägen und Baggern eine Schneise durch einen Wald bahnen. Und wir bekommen vor Augen geführt, welche gewaltigen Erdmassen sogar dann bewegt werden müssen, wenn der gewünschte Baum scheinbar leicht zugänglich in einem ebenerdigen Garten steht. Die betont abstrakt bleibende Montage von Chris Wright lässt uns erahnen, dass jedes Mal weitflächig Raum geschaffen werden muss, um gigantische Bohrer unter dem Wurzelwerk ansetzen zu können. Dann werden offenbar nacheinander zahlreiche Bohrungen unternommen, bis das Erdreich schließlich von parallel nebeneinander liegenden, langen Stahlrohren unterhöhlt ist.

Die Motive, die diesem Irrsinn zugrunde liegen, bleiben den mit seiner Verwirklichung beschäftigten Arbeitern ebenso verborgen wie den ursprünglichen Baumbesitzern und ihren Nachbarn. Jemand verweist auf einen Zeitungsbericht, demzufolge Iwanischwili auf ein längeres Leben hoffen könne, wenn er sich mit über 100 Jahre alten Bäumen umgebe. Andere klagen über den Schaden am eigenen bescheidenen Eigentum, wenn im Nachbargarten schwerstes technisches Gerät auffährt. Wieder andere bekunden wortreich ihr Vertrauen darauf, dass sie als Preis für den Zugriff auf den örtlichen Wald wie versprochen eine neue Dorfstraße erhalten würden. Und vereinzelt fließen Tränen.

Dabei vermeidet es die georgische Filmemacherin, aus der Beobachtung der jeweils konkreten Entwurzelung in naheliegende Metaphorik abzuschweifen. Sie verzichtet auch auf Bildkompositionen, die die Naturbeherrschung ästhetisieren und verklären könnten. Indem sie ausschließlich statische Einstellungen verwendet, sorgt sie statt dessen für ungerührte Distanz. So verstärken einzelne visuelle Akzente schlicht den gespenstischen Charakter des Abgebildeten, etwa wenn sich ein Baumriese langsam der Kamera nähert, während die nächtliche Dunkelheit nur von den Scheinwerfern zweier im Verbund eingesetzter Sattelschlepper aufgehellt wird. Entsprechend nüchtern fällt denn auch die Faszination aus, die in den letzten Minuten Bilder aus dem Oligarchenpark erzeugen: Dort müssen die verpflanzten Bäume offenbar durch Stahlseile gesichert werden, wobei die dazwischen liegenden Grasflächen von Gärtnern manikürt werden – wenn nicht gerade die allgegenwärtige Sprinkleranlage in Betrieb ist.

»Taming the Garden«, Regie: ­Salomé Jashi, Georgien/BRD/Schweiz 2021, 86 Min.

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