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Aus: Ausgabe vom 02.03.2021, Seite 2 / Ausland
Staatliche Morde in Kolumbien

»Es gibt Beweise für mehr als 10.000 Fälle«

Kolumbiens Militär mordete im »Kampf gegen den Terror« offenbar nach festen Quoten. Ein Gespräch mit Omar Rojas Bolaños
Interview: Elias F. Korte
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Es war Mord: Protestdemonstration im Rahmen eines landesweiten Streiks (Bogotá, 26.11.2019)

Kürzlich veröffentlichte die kolumbianische Sonderjustiz für den Frieden, JEP, Zahlen, wonach das kolumbianische Militär mit 6.402 Menschen dreimal so viele Zivilisten tötete wie bisher anerkannt, um diese anschließend als getötete Guerillakämpfer zu präsentieren. Ist dies ein Sprung nach vorn bei der Wahrheitssuche?

Es ist ein wichtiger Baustein, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen und einigen der Hinterbliebenen eine Chance zu geben, zu erfahren, wo ihre vom Militär in Massengräbern verscharrten Kinder begraben liegen. Bisher haben 71 Angehörige von Opfern außergerichtlicher Hinrichtungen dank der Arbeit der Sonderjustiz die sterblichen Überreste wiedergefunden. Die Arbeit der JEP in den vergangenen drei Jahren gibt den Opfern Zuversicht. Sie erreichte, was die ordentliche Justiz und die Militärjustiz in mehr als drei Jahrzehnten Ermittlungen nicht erreicht haben.

In welchem Zeitraum wurden diese Hinrichtungen durchgeführt?

Außergerichtliche Hinrichtungen durch bewaffnete Organe des Staates, euphemistisch als »Falsos positivos« (»Falsch-Positive«) bezeichnet, sind eine Konstante in der kolumbianischen Geschichte. Sie sind vor allem ab den 1990er Jahren dokumentiert und nahmen zu nach dem Amtsantritt der jetzigen Vizepräsidentin Marta Lucia Ramirez im Ministerium für Nationale Verteidigung 2002. Den höchsten Stand erreichten sie im Jahr 2007 während der Regierung von Alvaro Uribe Velez. Für den Zeitraum von 2002 bis 2010 gibt es Beweise für mehr als 10.000 Fälle.

Wer sind die möglichen Verantwortlichen, und welche sozialen Gruppen waren hauptsächlich betroffen?

Zu den möglicherweise Verantwortlichen gehört eine Gruppe von Generälen. Betroffen waren vor allem Indigene, Bauern, Arbeiter – allgemein Menschen aus unteren sozio-ökonomischen Schichten, die auch keine Möglichkeiten hatten für eine Untersuchung der genauen Todesumstände. Einige der Opfer waren krank oder minderjährig.

Welche Motivationen gab es für die außergerichtlichen Hinrichtungen?

Während der Uribe-Regierung war die entscheidende Motivation die zu erwartende Belohnung, die jeder bekommen konnte. Der Anreiz wurde verstärkt durch Studien- und Auslandsreisen, Orden, Sonderurlaub und die Möglichkeit, leichter aufzusteigen als die Kameraden. Kommandanten wurden nach der Anzahl der getöteten »Terroristen« bewertet. Es gab einen jährlichen Strategieplan mit einem Indikator »Anzahl der im Laufe des Jahres zu tötenden Terroristen«. Dieser wurde vierteljährlich überprüft, und seine Einhaltung war obligatorisch. Politisch ging es darum, der Öffentlichkeit Erfolge im Kampf gegen die Guerilla zu präsentieren und diese zu demütigen.

Und woher kam das Geld für diese Belohnungen?

Das stammte aus einem Sonderfonds, der während der Uribe-Regierung eingerichtet wurde, sowie aus einem Reservefonds. Die staatlichen Morde wurden den USA auch als Ergebnisse des von ihnen finanzierten »Plan Colombia« präsentiert.

Sie sind Koautor einer umfangreichen Studie über diese sogenannten Falsos positivos. Darin kommen Sie zu dem Schluss, dass die tatsächliche Zahl der Opfer noch höher ist als die von der JEP veröffentlichte. Warum werden diese Fälle nicht berücksichtigt?

Die Hochrechnung der 10.000 Fälle aus der Studie stützt sich auf Zeugenaussagen der Täter, die angeben, dass in den Jahren 2002 bis 2006 die Hälfte der von den Streitkräften im Kampf getöteten Personen außergerichtlichen Hinrichtungen entsprachen, und dass der Anteil für die Jahre 2006 bis 2010 30 Prozent betrug. Je größer die Zahl der im Kampf getöteten Personen ist, desto größer ist demnach auch die Zahl der außergerichtlichen Hinrichtungen. Die Daten der JEP beziehen sich nur auf den Zeitraum 2002 bis 2008. Sie überprüften offizielle Datenbanken und die von spezialisierten In­stitutionen. Die 6.402 Fälle stützen sich auf Aussagen von militärischen Tätern. Nicht alle Familien, die Angehörige bei außergerichtlichen Hinrichtungen verloren haben, haben – aus Angst vor Repressalien durch die Streitkräfte – Anzeige erstattet. Die meisten der Hinterbliebenen der Opfer sind sich nicht bewusst, dass ihre Kinder Falsos positivos sind.

Omar Rojas Bolaños ist Offizier der kolumbianischen Streitkräfte im Ruhestand und Koautor einer Studie zu außergerichtlichen Hinrichtungen

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

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